THEATERBREMEN

Musiktheater startet mit „Lady Macbeth von Mzensk“

Mit Dmitri Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ in der Regie von Armin Petras sowie vier Schauspiel-Premieren in den Monaten August und September eröffnet das Theater Bremen die Spielzeit 2017/2018. Das teilte Theaterintendant Michael Börgerding der Öffentlichkeit heute Vormittag auf der Spielzeit-Pressekonferenz 2017/18 mit. Vor den großen Sparten ist am 26. August bereits das Moks an der Reihe, das ein Stück von Theo Fransz als Uraufführung zeigt. Titel: „Flo und das Geheimnis der schwarzen Schmetterlinge“. Am Tag darauf, dem 27. August, ist mit „Scherbenpark“ (nach dem Roman von Alina Bronsky) die erste Schauspiel-Premiere zu erleben, es folgen im September ein zweiter Abend mit Liedern von Leonard Cohen, „You Want It Darker“, „Amerika“ nach Kafkas Romanfragment von Jaroslav Rudiš und der Kafka Band sowie „Fremdes Haus“ von Dea Loher in der Regie von Alize Zandwijk. Die Tanzsparte eröffnet am 27. Oktober mit einer Arbeit des Hauschoreografen Samir Akika (Arbeitstitel: „Akika XII“).

Kulturstaatsrätin und Aufsichtsratsvorsitzende Carmen Emigholz sagte: „Das Theater Bremen stellt Internationalität und Aufgeschlossenheit in den Fokus seiner programmatischen Arbeit und seiner Koproduktionen. Das ist in der jetzigen Zeit nicht selbstverständlich, aber notwendig. Dieses anspruchsvolle, nachdenkliche Programm findet meine volle Unterstützung.“ Insgesamt sind in der sechsten Spielzeit von Intendant Michael Börgerding wie im Vorjahr 33 Premieren vorgesehen, davon sieben im Musiktheater und 17 im Schauspiel.

Das Musiktheater wird mit einer zentralen Komposition des 20. Jahrhunderts eröffnet: Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“, 1934 uraufgeführt und 1936 von Stalin verboten, ist ein prominentes Beispiel für staatliche Kunstzensur. Mit der dezidiert sozialkritischen Komposition schafft das Theater Bremen inhaltlich und ästhetisch bewusste Anknüpfungspunkte an eine Reihe bereits aufgeführter Produktionen, von Brecht/Weills „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ in der ersten Spielzeit der Intendanz von Michael Börgerding über Bergs „Wozzeck“ bis hin zu Karl Amadeus Hartmanns „Simplicius Simplicissimus“ aus der aktuellen Spielzeit. Die Regie übernimmt Armin Petras, Intendant des Staatsschauspiels Stuttgart, der nach der erfolgreichen Uraufführung von „Anna Karenina“ zum zweiten Mal in Bremen inszenieren wird. Die musikalische Leitung liegt bei dem jungen israelisch-amerikanischen Dirigenten Yoel Gamzou, der als Musikdirektor die Nachfolge von Markus Poschner am Theater Bremen übernimmt. Die Premiere ist am 10. September.

Mit der zwischen Operette und Musical stehenden Komposition „Candide“ von Leonard Bernstein (Premiere im Oktober) setzt sich Regisseur Marco Štorman nach der aufsehenerregenden Inszenierung von Wagners „Parsifal“ erneut mit einer dem „reinen Toren“ Parsifal und dem „aller einfältigsten“ Simplicius Simplicissimus verwandten Figur auseinander. Mit der Frage nach der „besten aller möglichen Welten“ zeichnet Bernstein auf Basis von Voltaires Roman das Bild einer Welt, in der entgegen der Grundannahme der Protagonisten eben nicht alles zum Besten gestellt ist. Die musikalische Leitung liegt bei Christopher Ward, der sich mit „Candide“ zum ersten Mal in Bremen vorstellt.

Antonín Dvořáks Märchenoper „Rusalka“ (Premiere im November) wird in der Inszenierung von Anna-Sophie Mahler eine tiefenpsychologische Auseinandersetzung mit der Frage danach, was man aufzugeben bereit ist, um ein anderer zu sein. Auch Paul-Georg Dittrich wird nach seiner für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST nominierten „Wozzeck“-Inszenierung und der erfolgreichen Premiere von Berlioz‘ „La Damnation de Faust“ im März wieder in Bremen inszenieren; dieses Mal widmet er sich der schauerromantischen Geschichte um Donizettis „Lucia di Lammermoor“. Die musikalische Leitung dieses Belcanto-Meisterwerks liegt bei Olof Boman, der mit Rossinis „Il barbiere di Siviglia“ einen der großen Erfolge der laufenden Spielzeit dirigiert hat. Premiere ist am 28. Januar 2018.

Am 24. Februar geht es weiter mit der Uraufführung von „Wahlverwandtschaften“. Nach der erfolgreichen Zusammenarbeit an „Anna Karenina“ schreiben die beiden Komponisten Thomas Kürstner und Sebastian Vogel erneut eine Musiktheaterkomposition auf ein Libretto von Armin Petras. Als Ausgangspunkt dient Goethes gleichnamiger Roman, wobei der Stoff ins 21. Jahrhundert übertragen wird. Mit Stephan Kimmig wird einer der profiliertesten deutschen Schauspielregisseure diese spartenübergreifende Produktion am Theater Bremen realisieren. Für die musikalische Leitung kehrt der ehemalige Kapellmeister Clemens Heil an die Weser zurück.

Komplettiert wird das Programm der Spielzeit 2017/18 durch zwei weitere große Werke der Musiktheatergeschichte: Felix Rothenhäusler inszeniert „Die Fledermaus“, Johann Strauß‘ Komische Operette (Musikalische Leitung: Yoel Gamzou, Premiere am 31. März) und Michael Talke, zuletzt Erfolgsgarant mit Produktionen wie Donizettis „L’elisir d’amore“ oder Rossinis „Il barbiere di Siviglia“, beschäftigt sich mit seinem stilsicherem ironischen Gespür für die Groteske zum Schluss der Spielzeit mit Igor Strawinskys „The Rake’s Progress“ (Premiere am 27. Mai).

Das Schauspiel startet mit vier neuen Ensemblemitgliedern verjüngt in die Saison 2017/18. Inhaltlich knüpft der Spielplan nahtlos an die erfolgreiche Spielzeit 16/17 an, in der die zeitgenössische, politische Auseinandersetzung mit großen Themen und Stoffen im Zentrum stand.

Schauspiel-Spartenleiterin Alize Zandwijk, die in der laufenden Spielzeit mit „Der gute Mensch von Sezuan“, „Golden Heart“ und zuletzt „Gas – Plädoyer einer verurteilten Mutter“ Publikum und Kritik gleich dreimal überzeugte, inszeniert zunächst „Fremdes Haus“ von Dea Loher, eine vor zwanzig Jahren geschriebene Flüchtlingsgeschichte, die in Deutschland spielt, aber auch von einem seiner Utopie beraubten Jugoslawien erzählt. Die Premiere ist am 30. September. Alize Zandwijk, die als Loher-Spezialistin gilt, wird auch in dieser Spielzeit noch zwei weitere Male inszenieren: Zunächst Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ als großes Ensemblestück über die unüberwindbaren Unterschiede von arm und reich (Premiere am 10. März im Theater am Goetheplatz) und gemeinsam mit Samir Akika und den Unusual Symptoms ein neues Tanzstück.

Zuvor sind im September bereits drei weitere Schauspiel-Premieren zu sehen: „Scherbenpark“ nach dem Roman von Alina Bronsky in der Regie von Ralf Siebelt, „You Want It Darker“, ein zweiter Abend mit Liedern von Leonard Cohen sowie „Amerika“. Die Geschichte des jungen Karl Rossmann, der in seiner Heimat unter Druck gerät und in die vermeintlich bessere, freie Welt auswandert, ist nicht zuletzt eine Geschichte der Ernüchterung. Die Kafka-Band um den Zeichner und Sänger Jaromir 99 und Schriftsteller Jaroslav Rudiš ist hierfür wieder zu Gast und erarbeitet sich diesen Roman gemeinsam mit Regisseur Alexander Riemenschneider und dem Schauspielensemble.

Augenscheinlich nicht auflösbare Konflikte stellt Lessing in seiner Parabel „Nathan der Weise“ ins Zentrum und setzt ihnen die Kraft der Vernunft heilend entgegen. Das in Bremen bekannte Kollektiv Gintersdorfer/Klaßen, die ivorischen Performer der Gruppe und das Ensemble des Theater Bremen setzen sich mit diesem Klassiker auf ihre besondere Weise auseinander. Der Untertitel ist vielsagend: „Ein Weichmacher für den Glaubenspanzer“. Ebenfalls aus dem Chaos von Krieg und gegenseitigem Unverständnis geboren ist die junge Frau in „Ödipus/Antigone“. Ihre Brüder kämpfen gegeneinander in einer Welt, in der die Koordinaten des zivilen Zusammenlebens komplett verlorenen sind. Das Zeichen der Humanität, das Antigone setzt, indem sie sich dem Verbot, einem Bruder die Beerdigung zu verweigern, widersetzt, wird zur politischen Herausforderung für den Herrscher Kreon. Felix Rothenhäusler inszeniert die antike Tragödie (Premiere am 9. Dezember).

Einer weiteren großen Frauenfigur nimmt sich die junge Regisseurin Leonie Böhm an, die mit „Unterwerfung“ eine sehr eigenwillige weibliche Sicht auf Houellebecqs gleichnamigen Roman geworfen hat: „Effi Briest“ nach Theodor Fontane (Premiere am 3. März).
Zum Ende der Saison wartet das Schauspiel mit einem besonderen Höhepunkt auf. Das musikalische Stück „Lazarus“ von David Bowie, das dieser kurz vor seinem Tod gemeinsam mit dem irischen Dramatiker Enda Walsh verfasst hat, war am Broadway und im Kings Cross Theater in London zu sehen und kommt nun in der Inszenierung des Schweizers Tom Ryser nach Bremen. Musikdirektor Yoel Gamzou, der mit Ryser bereits zusammengearbeitet hat, wird dirigieren.

Weiter bemerkenswert ist „Ein Haus in der Nähe einer Airbase“ von Akın E. Şipal als Uraufführung (2. Februar), eine politische Familiengeschichte und zugleich sensible Erzählung einer Rückkehr, die zum Neubeginn wird. Sowie: die Deutschsprachige Erstaufführung „Club Paradies“ von Nisrine Mbarki (26. April), die Rückkehr von Alexander Giesche, dessen „Superposition“ am 7. Januar Premiere hat, das Familienstück „Tom Sawyer“, inszeniert von Klaus Schumacher (26. November), „Die Unverheiratete“ von Ewald Palmetshofer in der Regie von Nina Mattenklotz (28. April) und nicht zuletzt die Fortsetzungen des Karl Ove Knausgård-Zyklus „Min Kamp“, „Knausgård III: Spielen“ und „Knausgård IV: „Leben“ (15. Oktober und 29. März). Des Weiteren gibt es bereits am 21. Oktober einen Stadtrundgang mit dem Rimini Protokoll.

Im Tanz gibt es in der nächsten Spielzeit drei Produktionen: dem oben bereits erwähnten „Akika XII“ von Samir Akika und den Unusual Symptoms im Oktober folgen im März unter dem Arbeitstitel „Crash“ das Bremer Choreografie-Debüt des Tänzers Frederik Rohn sowie eine besonders bemerkenswerte Zusammenarbeit im Juni: Nach ihrem gelungenen Tanztheaterabend „Golden Heart“ in dieser Spielzeit wird Alize Zandwijk, in erster Linie leitende Schauspiel-Regisseurin, in der neuen Saison mit dem Tanzsparten-Leiter Samir Akika und den Unusual Symptoms zusammenarbeiten. Auch hier gibt es erst einen Arbeitstitel („Ein neues Stück“).

Das Moks und Junge Akteure sind in der kommenden Spielzeit mit insgesamt sechs neuen Produktionen vertreten. Nach der Uraufführung von Theo Fransz (siehe oben) folgen vom Moks die Stücke „Waisen“ von Dennis Kelly im November sowie „Eltern – ein Forschungsunterfangen“ von Hannah Biedermann (auch Regiedebüt in Bremen) und dem Ensemble im Februar. Von Junge Akteure sind im Januar „Endlich“, ein Projekt von Sabrina Bohl, Nathalie Forstman und Birgit Freitag zu sehen und im Mai „Bilder deiner großen Liebe“ nach dem Roman von Wolfgang Herrndorf in der Regie von Christiane Renziehausen. Als gemeinsame Premiere von Moks und Junge Akteure gibt es im April „Of coming tales“ von kainkollektiv zu sehen.
Auch einen Tag der offenen Tür wird es in der nächsten Spielzeit wieder geben: Er findet am Samstag, 2. September statt.

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Auf unserem Foto sind von links zu sehen: Intendant Michael Börgerding mit dem neuen Musikdirektor Yoel Gamzou.

Foto u. Copyright: Jörg Landsberg