THEATERBREMEN

„Tales of Survival“

Nur einen Tag nach der Premiere von “Golden Heart“, einer Koproduktion der Sparten Schauspiel und Tanz, kam es am Samstag, 14. Januar bereits zur nächsten, dieses Mal „reinen“ Tanz-Premiere. Mit „Tales of survival“, so der Titel, ist die Tanzsparte des Theater Bremen zum ersten Mal mit einer Repertoireproduktion zu Gast im Moks. In dem Abend von Alexandra Morales und Gregor Runge treffen drei professionelle Tänzer und sieben Jugendliche aufeinander. Indem sie versuchen, etwas über sich herauszufinden, befragen die ungleichen AkteurInnen gleichzeitig, so Runge, „die Verfasstheit unseres furchteinflößenden Zeitalters und liefern so vielleicht einen Survival-Guide für die unheimliche Gegenwart“.

Alexandra Morales, die sich dem Bremer Publikum vor zwei Jahren mit „Aymara“ bereits als Choreografin vorgestellt hat, ist ausgebildete Tänzerin und künstlerische Produktionsleiterin der Tanzsparte um Samir Akikas Kompanie Unusual Symptoms. Gregor Runge ist Dramaturg der Sparte. Zusammen leiteten Morales und Runge am Theater Bremen bereits das im November 2015 im Auftrag des Goethe-Instituts Ukraine realisierte Projekt DANCEformation. „Tales of Survival“ ist nun ihre erste gemeinsame Regiearbeit. Hinter der Produktion stehen Fragen, die aus dem sorgenvollen Blick auf geopolitische Krisenzustände resultieren: Ist Geschichte ein Kreislauf, der sich immer wieder um eine nicht zu besänftigende Monstrosität aller menschlichen Dinge dreht? Und wenn dem so ist: wie kann es uns gelingen, aus diesem Kreislauf auszubrechen? Gregor Runge schreibt dazu im Ankündigungstext der Produktion: „Wenn einem der Blick versperrt ist, muss man die Perspektive wechseln. Doch je notwendiger dies in einer zunehmend komplexen und unübersichtlichen Welt erscheint, desto weniger scheinen wir dazu bereit. Wenn also die alten Paradigmen dazu führen, dass die Distanz zwischen Mensch und Welt nur stetig größer wird, müssen wir vielleicht noch einmal ganz von vorn anfangen: was ist das eigentlich, die Welt? Und wie können wir uns darin begegnen?“

Die an der Produktion beteiligten Jugendlichen im Alter von 13 bis 19 Jahren wurden nicht gecastet, sondern stammen aus dem persönlichen Umfeld von Morales und Runge und sind teilweise Angehörige von Theatermitarbeiten. „Die Idee hinter der Auswahl der Akteure war, unsere Tänzer auf Jugendliche treffen zu lassen, die einen klaren Blick darauf haben, was sie machen wollen und bei denen das Theater eine eher untergeordnete Rolle spielt“, erläutet Runge. Die Begegnung lebe vom großen Interesse in der gegenseitigen Beragung unterschiedlicher Perspektiven auf individuelle Lebensentwürfe, Gesellschaft und Kunst und sei geprägt von großer Empathie, so Runge weiter. Diese „Geschichte vom Überleben“ (Runge: „Wir müssen angesichts dieser Zeiten wieder zurückfinden zu einer grundsätzlichen Form der Begegnung“) sei zudem eine Arbeit, die sich über die Form entschlüsselt – choreographisch, aber auch performativ. „Es geht uns um eine künstlerische Manifestation des inneren Empfindens, um eine Suche nach adäquaten Übersetzungen von Gefühlen und Sehnsuchtsbildern, die wir als Grundlage von Kommunikation setzen. Auf der performativen Ebene beschwört die Arbeit archaische und spielerische Formen und Anordnungen von Gemeinschaft herauf“, so Runge.

„Immer eindringlicher baut sich in diesem tollen Nachtspiel die Klangkulisse zu höherer Schönheit auf. Ein Mädchen singt ganz vorzüglich himmlische Melodienfiguren. Posaunen und Trompeten stemmen Klänge voller gehobenem Pathos in die Dunkelkammer.“
Sven Garbade, Weser-Kurier, 16.01.2017


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