THEATERBREMEN

Theater am Goetheplatz

Die Ratten

von Gerhart Hauptmann

„Mama, hol uns zum lieben Gott, weil uns hier die Armut droht, weil es ohne dich traurig ist.“ (Sylwia Chutnik) — Sie besitzt nichts, das polnische Mädchen Pauline Piperkarcka. Doch jetzt soll sie etwas bekommen, was sie gar nicht will: ein Kind. Jette John hat da schon ein bisschen mehr. Eine kleine Wohnung, einen Job als Putzfrau, einen Mann, der als Handwerker ehrliches Geld verdient. Aber ihr fehlt etwas: ein Kind. Also kauft Jette Paulines Ungeborenes. Doch irgendwann bereut Pauline und will ihr Kind zurück. Jette John kämpft, setzt ihren kleinkriminellen Bruder auf Pauline an, riskiert die Liebe ihres Mannes und das Wohl eines Kindes. Während sich in der Wohnung der Johns die echte Tragödie abspielt, gönnt man es sich im Obergeschoss, über Authentizität und Wahrheit in der Kunst zu debattieren. Dort nämlich hat Direktor Hassenreuter seine Schauspielschule eingerichtet. Gerhart Hauptmann packt die ganze Welt in ein Mietshaus. Das Drama derer, die nichts haben, setzt er ins Verhältnis zur Dramatik der Besitzenden und dekonstruiert den Traum vom Glück, das man kaufen kann.

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Pressestimmen

„Umjubelte Premiere am Goetheplatz […] Nadine Geyersbach brilliert als Putzfrau mit Kinderwunsch. […] Jenes verkommene Haus, in dem sich Alize Zandwijks intensiv geratene Inszenierung von Gerhart Hauptmanns ‚Die Ratten‘ (1911) zuträgt, […] Untermalt von sehnsuchtsvollen Elegien, die der fabelhafte Cantautore Beppe Costa unten links im Kartonmeer mit Gesang und Gitarre intoniert, nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Die Zuschauer begegnen den Mietern des Horrorhauses, zuvörderst der Putzfrau Jette John (in ihrer Gebrochenheit großartig: Nadine Geyersbach), […] Dienstmädchens Pauline (eindringlich: Gina Haller). […] Bruder Bruno (starke Präsenz: Denis Geyersbach) […] folgen Auftritte der anderen Hausbewohner, denen Regine Standfuss Stand wie Standesdünkel pointiert auf den Leib geschneidert hat: Jettes Mann, der Maurerpolier John (trefflich leutselig: Alexander Swoboda) […] Theaterdirektor Hassenreuter (grandios großsprecherisch: Guido Gallmann) […] Alice (wunderbar willig und billig: Susanne Schrader) […] seine Gemahlin (herrlich überkandidelt: Verena Reichhardt) und deren Tochter Walburga (akrobatisch und temperamentvoll: Mirjam Rast), […] Pastorensohn Erich (kraftvoll: Simon Zigah) Und doch trotzt Alize Zandwijk dem geballten Elend viel Poesie ab, […] Obwohl sie dem als Tragikomödie deklarierten Drama um zwei Babys fast die Komik austreibt, stellen die Szenen, in denen launig Nutzen und Nachteil des Theaters für die Gesellschaft verhandelt werden, wohltuende Brechungen dar. Sehr herzlicher Beifall; Bravos für Nadine Geyersbach.“
(Hendrik Werner, Weser Kurier, 12.03.2018)

„Regisseurin Alize Zandwijk hält sich dicht an die Vorlage von 1911. Die imposante Kulisse der Inszenierung katapultiert die Handlung aber ins Heute. […] Die imposante, detaillierte Kulisse (Thomas Rupert) katapultiert uns in ein verfallenes Berliner Mietshaus Anfang des 20. Jahrhunderts. […] Henriette John (ganz stark: Nadine Geyers­bach) […] Zandwijk verzichtet dabei bewusst auf zu viele Stilmittel, lässt Kulisse und Darsteller für sich sprechen. Das alles wirkt stimmig und beklemmend, bestärkt durch das Lichtspiel (Mark Van Denesse) und die einfühlsame Musik des brillanten Beppe Costa. Das Stück führt uns schonungslos die Folgen des eigenen Handelns vor Augen. […] Großer Applaus.“
(Sabrina Wendt, Nordwest Zeitung, 12.03.2018)

„Schön schäbig – schäbig schick, […] es geht wirklich zur Sache. […] Die Bühne nimmt eben genau diese ganze schräge und menschlich auch zerrissene Geschichte auf. […] Wunderbar aufgebaut von Thomas Rupert, dem Bühnenbildner. […] Alize Zandwijk macht 100 Jahre danach eine artifizielle Aufladung im Widerstreit mit diesem naturalistischen Text, […] dieses wunderbare Berlinerische – gleichwohl er dramatisches sagt – holt den Text in die Realität zurück. In diesem Wechselspiel […] entsteht ein Bild, in dem das Theater als Gesamtereignis erzählt wird und das ist eben ein wunderbarer Zugang, finde ich. […] Es ist etikettiert als Tragikomödie – und das aus gutem Grund. […] Figuren wie der Theaterdirektor Hassenreuter, wunderbar gespielt von Guido Gallmann, furios kann man sagen, […] großartig. Nadine Geyersbach als Jette John macht eine wahnsinnig gute Figur. […] Gänsehaut vermittelt sich auch auf diesem Wege. […] Jette John expressionistisch überzeichnet, […] es ist ein Ausbruch und gleichzeitig eine Innerlichkeit. […] Und auch die vermeintlich kleineren Rollen – Martin Baum als Pastor, Susanne Schrader […] machen wirklich eine wunderbare Show. […] Großer Applaus, das Publikum war dankenswerter Weise meiner Meinung. Für alle Schauspieler und auch das Regieteam und der Kritiker sagt wirklich nichts dagegen: Drei Stunden […] im Theater Bremen, die lohnen sich wirklich!“
(Stephan Cartier & Stefanie Pesch, Radio Bremen 2, 11.03.2018)

“[…] Sie (Regisseurin Alize Zandwijk) stellt glaubhaft zerbrochene Charaktere auf die Bühne.[…] gut besetzten Ensemble [… ] Uneingeschränkter Gewinner des dreistündigen Abends ist das Bühnenbild. Das schiefe, erdrückende Betongerüst mit nackten Wänden, von denen der Putz blättert, beschreibt in seiner Kargheit das gesamte Innenleben (Bühne: Thomas Rupert). Rechts, bei Frau John in der Küche, da fällt die Betondecke ab, aufrechtes Stehen ist da nicht möglich. Auch kein aufrechtes Leben. Erdrückt von Ängsten, Träumen und Sorgen ist es zudem der Abend der Nadine Geyersbach als Henriette John. Die Schlappen, die Kittelschürze, die Panik im Blick, ihr Spiel überzeugt auf ganzer Linie. Langer Applaus.“
(Corinna Laubach, Kreiszeitung, 15.03.2018)

„[…]drängende, datierbare Zeitkritik, die sich in Gerhart Hauptmanns Werk zugleich aufbewahrt findet, aber in dieser Inszenierung als atmosphärisch überraschend übertragbar, ja heutig erweist. […] Klug ist daher der pragmatische Umgang der Spielfassung (Dramaturgie: Viktorie Knotková) mit diesem Hauptmann-Sound: […] Das ist eine fantastische Ensemblearbeit. Denn das, die Gleichzeitigkeit des Ungleichen, die soziale Vielfalt im Bühnenhaus, macht dieses berückend lebendig: ein Haus der Liebe und des Todes, in dem es um den Sinn des Theaters geht, um Kinderraub, das Reich, den sozialen Aufstieg, den sozialen Abstieg, ungewollte Schwangerschaft, unerfüllten Kinderwunsch, Hygiene und zerbrechende Familien, Wanderarbeit, Stadtplanung und irgendwie um alles. Nichts davon behauptet die Goetheplatz-Produktion als aktuell. Alles macht sie gegenwärtig. Das ist wirklich bewegendes Theater.“
(Benno Schirrmeister, taz am Wochenende, 17.03.2018)