THEATERBREMEN

Kleines Haus

Akika XI

von Samir Akika / Unusual Symptoms

„Sei alles, was du sein kannst. Bleib im Herzen jung. Ich bin den Künstlerinnen und Künstlern und allen, die mich unterstützen treu. Was für mich zählt, ist das, was ich empfinde. Was ich suche, sind Gefühle und Überraschungen. Ich erkunde gern. Hauptsächlich die Liebe.“ (Samir Akika) — Das Schöne am Leben wie am künstlerischen Prozess ist nicht die Vollendung, sondern das Zufällige und Unabgeschlossene, das einen immer wieder auf neue Auseinandersetzungen wirft. Und vielleicht muss man festhalten, dass die Konfrontation mit dem Unbekannten, Unvorhersehbaren die einzige wirkliche Konstante ist, die man im Leben je erfährt. Nichts ist von Dauer, aber (fast) alles kann jederzeit geschehen. Insofern tut man gut, den Zufall zu umarmen, statt vor ihm davon zu laufen. Das jedenfalls war der Subtext in Produktionen wie „The Pin" und „Belleville", in denen sich Hauschoreograf Samir Akika und seine Kompanie Unusual Symptoms in den vergangenen Spielzeiten mit Fragen nach Meisterschaft, interkultureller Gemeinschaft und der Instabilität von Lebens- und Kunstentwürfen in einer sich ständig verändernden Gegenwart beschäftigt haben.
Spannendes Theater hat viel zu tun mit dem Einlassen auf neue Perspektiven und der Erweiterung des Blickapparats. Denn man will ja mit jeder neuen künstlerischen Arbeit eine bestimmte Seherfahrung ermöglichen, die im Optimalfall etwas zu tun hat mit neuen Sichtweisen und der Herausforderung des fremden, aber auch des eigenen Blicks. Um dahin zu kommen, braucht es einen Stoff, ein Thema, ein Bild, ­irgendeinen Ideenansatz also, der sich nicht mal so eben theatralisieren lässt, sondern der herausfordert, einen Prozess des Durchdenkens und Kreierens anstößt und einen Gegenstand bildet, dem man seine Verhandlung in Form der Inszenierung abringen muss. Theater ist auch eine Kunst der Begegnung zwischen Menschen, die gemeinsam etwas herausfinden möchten. Auch hier ist es die aus dem Unbekannten und der Differenz zueinander resultierende Neugier, die aus einer Auseinandersetzung einen Erfahrungsgewinn machen kann. Und schließlich ist das Theater ein Spielplatz, ein Realitätsmultiplikator, an dessen Proben- und Aufführungsorten Erkundungen der eigenen Möglichkeitsräume stattfinden. Wenn man also schon im Leben keine Angst vor dem Unvorhergesehen haben sollte, gilt das für das Theater umso mehr.

Samir Akika ist der Zufall stets ein guter Freund gewesen. Das Vorbeirauschen der Dinge hat ihn in seiner fast zwanzigjährigen Arbeit als Choreograf auf die unterschiedlichsten Menschen und Ideen geworfen, in Projekten mit professionellen BühnenakteurInnen und Laien auf der ganzen Welt. Und so, wie sich sein choreografischer Blick dabei zwingend für die offenen und verborgenen Potentiale der mit ihm arbeitenden Persönlichkeiten interessiert, sind seine Arbeiten Einladungen, sich auf diese gestifteten Begegnungen und die permanenten Perspektivwechsel einzulassen, mit denen sich Akika seine Neugier auf das Theater (und das Leben) bewahrt. Das schöne daran, einen Künstler wie ihn fest an einem Haus zu haben, besteht dann darin, wunderbar verfolgen zu können, wie sich diese Kontexte und Perspektiven überschneiden, eine Arbeit aus der anderen hervorgeht und sich rückblickend das Andere aus dem Einen noch einmal völlig anders kontextualisieren lässt. Die Einzelbilder verdichten sich zu einer fortgesetzten Auseinandersetzung, mit bestimmten AkteurInnen, Stoffen und Fragestellungen, aber auch dem Ort dieses Hauses, in dieser Stadt.
Gemeinsam mit den TänzerInnen und dem Team seiner Kompanie wird Samir Akika diese Auseinandersetzung in zwei neuen Produktionen auch in seiner fünften Spielzeit am Theater Bremen fortsetzen, mit neuen Gästen und alten Vertrauten. Um im Potential eines um viele Stimmen ergänzten Kollektivs dem näher zu kommen, was dem Individuellen nur in Addition des Anderen möglich wird und nicht zuletzt Samir Akika als Arbeitscredo stets von höchster Wichtigkeit war und ist: „Sei alles, was Du sein kannst.“

Gregor Runge

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Besetzung