THEATERBREMEN

Kleines Haus

Aymara

von Alexandra Morales / Unusual Symptoms

„Last night I dreamt of the future.“ (aus Apichatpong Weerasethakuls Film Uncle Bonmee Who Can Recall His Past Lives) — Sich ans eigene Leben zu erinnern, kann ein schmerzhafter Prozess sein. Nicht nur, weil sich darüber eben das Schmerzhafte wiederholt. Sondern weil damit oft die Sehnsucht verbunden ist, es mögen sich hinter den Erinnerungen ein Anfang und ein Ende hervortun, ein Sinn vielleicht: Dass alles so gekommen ist, weil es so kommen musste. Dass sich stets das Eine mit dem Anderen verband, sich sagen lässt – Zeit meines Lebens bin ich einer Idee gefolgt. Was aber, wenn so ein Leben im Gegenteil aus lauter Abbrüchen besteht? Aus zugeschlagenen Türen und verlassenen Pfaden?
Ausgelöst durch die Rückschau auf die eigenen biografischen Zusammenhänge stellt sich die Choreografin Alexandra Morales in ihrer ersten Arbeit für das Theater Bremen mit einer Reflexion über das Wesen der Erinnerung vor. Dabei spinnt sie kein Netz autobiografischer Erzählungen, sondern erzeugt in Aymara einen der Zeit enthobenen Atmosphärenraum voller Blicke, Geheimnisse und unausgesprochener Gewissheiten. Mit einem Ensemble aus zwei Tänzern, einem Musiker, einem Sänger, einem Akteur aus Lola Arias' Bremer Straßenoper und einem Kind spürt sie darin der Unfassbarkeit von Erinnerung nach, in der es weder erzählerische noch historische Gewissheiten, sondern nur den Vorgang des eigenen Erkundens gibt. Mit einer dezidiert eigenen Tanz- und Bildsprache kreiert Morales ein berührendes und ästhetisch bestechendes Sinnbild für den menschlichen Drang, das eigene Sein verstehen zu wollen.

Dauer: 70 Minuten, keine Pause

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Besetzung

Fotos

Pressestimmen

"…der Musiker Stefan Kirchhoff gestaltet den Abend mit einer ganz besonderen Soundmontage: Er bespielt die Gitarre mit dem Geigenbogen, bringt dann Spieluhren oder Blechdosen zum Klingen, nimmt verschiedene Töne auf, spielt sie wieder ab und verbindet sie unmittelbar zu mehreren Soundebenen. Zu ihm begibt sich immer wieder der Tänzer und Musiker Pablo Bottinelli und besingt mit kräftiger Stimme zarte Melodien. Diese Musik erweist sich als äußerst gelungene Klangbasis für die sehr atmosphärische Arbeit von Alexandra Morales"
Bettina Weber, Deutsche Bühne online, 11. Februar 2015

"Es ist ein Abend, den man sich gern mehrfach ansehen möchte, denn er spricht eine bildstarke Einladung aus, sich einzulassen, konkrete Erinnerungsmechanismen in Bewegung transformiert zu sehen, aber auch auf eigene Assoziationen zu vertrauen und dabei immer wieder Neues zu entdecken."
Bettina Weber, Deutsche Bühne online, 11. Februar 2015

"Dabei scheint es Morales, genau betrachtet, nicht so sehr konkret um Südamerika oder das Land ihrer Geburt oder jenes indigene Volk der Aymara zu gehen, das dem atmosphärisch dichten Heimatabend seinen Titel gibt. Denn die Dunstschwaden, die unaufhörlich durch das teils naturalistisch anmutende Szenario mit Baumhaus und Bambus (Bühne: Elena Ortega) wabern, sind keine spezifischen Reminiszenzen an costa-ricanische Regen- und Nebelwälder, sondern ein stimmiges Sinnbild für die Unschärfe von Erinnerungen, die vom Vergessen umflort sind. "
Hendrik Werner, Weser Kurier, 12. Februar 2015

"Morales hingegen bringt insofern die Verhältnisse zum Tanzen, als ihre spannende Rückschau auch Nachträglichkeit und Konstruktionsarbeit des Gedächtnisses thematisiert."
Hendrik Werner, Weser Kurier, 12. Februar 2015

"Alexandra Morales hat mit ihrer ersten Choreografie am Theater Bremen eine großartige Arbeit in Szene gesetzt. Das sind 70 Minuten eintauchen in eine Welt der Erlebnisse die jeder aus seiner eigenen Biografie nachvollziehen kann. Manchmal sind es nur kurze Blitze, dann wieder kurze Abläufe eindringlicher Momente aus der Kindheit, Arbeitsleben oder vielleicht erst kürzlich erlebter Lebenssituationen.[…] Mit großer Akribie und körperlicher Freiheit bewegen sich die Darsteller durch den Raum."
Friedo Stucke, Eigene Werte Verlag online, 12. Februar 2015

"Die Bereitschaft zur Widerspruchslosigkeit wird gefördert durch das hervorragend harmonische Zusammenspiel des gesamten Ensembles. Eine Stimmung von ergriffener Konzentration lag in der Luft. Der minutenlange Applaus dürfte Beweis genug sein, dass die Inszenierung vor allem die sensiblen Erwartungen erfüllte."
Friedo Stucke, Eigene Werte Verlag online, 12. Februar 2015

"Atmosphärisch dicht, humorvoll, aber auch tänzerisch pointiert, ist Alexandra Morales mit „Aymara“ eine überzeugende Arbeit von durchaus eigener Qualität gelungen."
Andreas Schnell, Kreiszeitung, 24. Februar 2015

Diskurs

Geister heften sich an Menschen, nicht an Orte.
Von Gregor Runge

Der Ort der Erinnerung ist eine Dschungellandschaft. Jedenfalls hier, in diesem Stück, für diese Akteure, die wie hinein gemalt wirken in Elena Ortegas Bühnenraum, der etwas Mystisches besitzt – wie der Ort, auf den er sich bezieht. Der Dschungel ist ein Organismus eigener Art, älter als alles andere und von einer Komplexität, die sich dem menschlichen Drang nach dem Verständnis aller Dinge versperrt. Die ihn bisweilen überwältigt und ehrfürchtig zurück lässt, den Menschen, dessen kleinen Ängsten und Nöten der Dschungel mit erschütternder Gleichgültigkeit gegenüber steht. Gerade in der jüngeren Kulturgeschichte, von Joseph Conrad bis Werner Herzog, erscheint der Urwald als ein Ort des Verschwindens, Einverleibens, als Konglomerat biologischer Prozesse, die sich auf die Seelenlandschaften jener niederschlagen, deren Reise in das Herz dieser Natur gewordenen Urgewalt immer gleich zur inneren Wanderung gerät. Einer Wanderung, die nicht selten bis in den Wahnsinn führt, weil Bewusstseinsschleifen sich an Orten vielleicht aus-, nicht zwingend aber auch genau dort wieder auflösen lassen. Ghosts aren’t attached to places, but to people (heißt es in Apichatpong Weerasethakuls Film Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives).

Für Alexandra Morales ist der Urwald ein persönliches Bild, Fragment der Erinnerung an eine Kindheit in Costa Rica. Ausgelöst durch die Rückschau auf die eigenen biografischen Zusammenhänge stellt sich die Choreografin in ihrer ersten Arbeit für das Theater Bremen mit einer Reflexion über das Wesen der Erinnerung vor. Die Fragen, die den Beginn dieser Auseinandersetzung markierten, kreisen um den Drang, verstehen zu wollen: was eigentlich geschehen ist und warum, was zu den Dingen geführt hat, wie sie jetzt sind und ob man sich an mancher Stelle anders hätte entscheiden sollen, können, müssen. Aber – und das wird schnell klar in dieser versuchten Rekonstruktion eines Lebensweges – vielleicht gibt es da gar nicht viel zu verstehen, schon gar nicht aus dem Fundus der eigenen Erinnerung heraus, der mehr als unzuverlässig und voller Trugschlüsse ist. Und es gibt auch nichts zu korrigieren. Leben ist eine komplexe Struktur von Aktion und Reaktion, und keines dieser Dinge kann zurück genommen werden. Für jede Serie von Ereignissen gibt es einen point of no return: eine Entscheidung, die sich nicht mehr revidieren lässt, ein Trauma, das bleiben wird, eine Entschuldigung, die nicht mehr funktioniert. Vielleicht geht es also eher darum, Trost zu suchen, sich an die Hand nehmen und noch einmal in die Momente seiner Vergangenheit mitnehmen zu lassen, um zu akzeptieren, dass okay ist, was man mit Bedauern belegt? Dass wir vielleicht nur nicht immer alles sehen, was ausgelöst wird durch die Dinge, die wir tun, dass wir vielleicht manchmal selbst nicht glücklich, aber viele andere um uns herum es durch uns sind? Warum eigentlich spricht man so oft vom Schmerz, wenn man vom Erinnern spricht? Warum ist es häufig so schwer? Das indigene Volk der Aymara, auf den sich der Titel dieser Arbeit bezieht, pflegt ein sehr eigenes Verhältnis zur Vergangenheit, eines, das einen unbeschwerteren Umgang damit anzudeuten scheint. Denn im Umkehrschluss zum gängigen Prinzip der Zeitwahrnehmung verorten die Aymara das Vergangene als das vor uns liegende, weil es – da es bereits geschehen ist – das einzige ist, was wir wirklich in den Blick nehmen können. Die Zukunft hingegen ist das Unbekannte, nicht Sichtbare, das sich so zwangsläufig hinter unserem Rücken abspielen muss. Vielleicht ist der pragmatische Realismus dieser Wahrnehmung ein Weg, seinen Frieden zu machen mit dem was war – weil es stets das ist, was man als erstes überblickt.

Was man dem aus anderer Perspektive entgegnen könnte: Um erträglich zu machen, was man je erlebt hat, muss man vergessen können. Denn die Erinnerung ist auch der Schmerz, der sich bemerkbar macht, wenn man feststellt, dass man nicht einzigartig ist: Dinge sind bereits geschehen, und sie geschehen wieder. Man könnte an den Künstler denken, der ins Museum kommt und sich sofort erschlagen fühlt von der Fülle an Werken, die bereits gemacht worden sind. Man könnte das Gefühl beschreiben, sich selbst erst dann etwas zu bedeuten, wenn man auch all das machen, all das sein kann, alles kennt, alles weiß. Die Erinnerung, die Speicher, die Archive können dazu führen, dass man sich schrecklich klein fühlt. Und natürlich heißt erinnern auch, das Vergehen der Zeit zu vergegenwärtigen. Die Vielfalt des Lebens besteht in der Zahl seiner Möglichkeiten, die mit jeder getroffenen Entscheidung geringer wird. Vergehen heißt, die Zukunft schließlich einzuholen. Liegt darin die Unfähigkeit zum Treffen von Entscheidungen begründet, in einer Angst vor dem Tod? Ist dies das Wesen nostalgischer Rückschau: der Versuch, einen Moment gedanklich zu konservieren, in dem eben noch nicht alles entschieden war?

Es gibt da ein Problem im Sprechen über die Erinnerung: es gerät einem schrecklich schnell zur Plattitüde. Und so geht es Alexandra Morales auch nicht darum, ein Netz autobiografischer Erzählungen zu spinnen oder auf der Bühne den Diskurs über die Funktion von Erinnerungsprozessen zu führen. Geschehen ist all dies auf den Proben, im geschützten Raum, in dem sich die sechs besonderen Akteure dieser Produktion der Auseinandersetzung mit den entscheidenden Einschnitten und Wegmarken des eigenen Lebens gestellt haben. Am Ende aber ist Aymara ein ästhetisches Projekt, das mit einer dezidiert eigenen Tanz- und Bildsprache sein Publikum in eine emotionale Situation versetzt, in dem es ganz bei sich sein und nahezu physisch spürbar hinein gezogen werden kann in einen mit großen Freiheiten ausgestatteten Prozess des Fühlens, Nach- und Sich-Selbst-Spürens. In ein System voller Blicke, Geheimnisse und unausgesprochener Gewissheiten, voll kleiner Bilder und Vorgänge, die das Größere, auf das sie hinweisen mögen, offen lassen. Weil Erinnerung nicht fassbar ist, weil es darin keine erzählerische Gewissheit gibt und auch keine historische, weil man im Erinnern ganz zurückgeworfen ist auf den Vorgang des eigenen Erkundens, dem dieser Abend einen zeitenthobenen Raum bereitet.