THEATERBREMEN

Kleines Haus

Nostalgie 2175

von Anja Hilling

„Wir sind Teil der Natur. Wenn wir die Natur verletzen, verletzen wir auch uns selbst.“ (Lab Teater Ciputat, Indonesien) — Das Jahr 2175: Die Temperatur liegt bei durchschnittlich 60 Grad Celsius, die Sonne ist verschwunden. Es bleiben nur die Erinnerungen via VHS-Kassetten, wie das Leben einst bunt und vielfältig aussah. Doch auch wenn keine Farben und Geräusche, keine Pflanzen und Tiere mehr existieren, eines bleibt: der Wille zu leben und zu lieben. Pagona darf ihren Freund Taschko nicht berühren, zu lange war seine Haut der feindlichen Atmosphäre ungeschützt ausgesetzt. Als sie mit seinem Boss Posch schläft, ist Pagona eine der wenigen Frauen, die seit Jahrzehnten auf natürlichem Wege schwanger werden. Doch nur 2 % der Mütter überleben die Geburt. Trotzdem entscheidet sie sich für das Kind, für dessen unsichere Zukunft, nimmt in berührenden Ansprachen Kontakt zu dem Ungeborenen auf. Das Stück ist eine Liebeserklärung an das Leben und gleichzeitig eine apokalyptische Warnung aus der Zukunft, die nostalgisch auf das für immer Verlorene, Zerstörte zurückschaut, dessen Erhalt 2015 noch in unseren Händen liegt.

Dauer: 1 Stunde 30 Minuten

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Besetzung

Fotos

Pressestimmen

„Die junge Regisseurin Anne Sophie Domenz hat für die Geschichte poetische, zarte Bilder gefunden. Zum Beispiel: Pagona mit üppiger Blumenperücke und Handtasche, aus der Bühnennebel wallt. Oder: Posch, der wie ein Michelin-Männchen im aufgeblasenen Overall auf einem Trampolin hüpft. Solch hübsche Einfälle, dazu faszinierende Licht- und Schattenspiele, eine feinziselierte Sprache und eine überzeugende schauspielerische Leistung – das sind die Stärken dieses mit einer Stunde und 20 Minuten knackig-kurzen Theaterabends.“
Margit Ekholt, Radio Bremen, 27. November

„Für die Darsteller ist das Stück eine Herausforderung, die sie bravourös meistern. Sie wirken jederzeit authentisch.“
Sabrina Wendt, Nordwest Zeitung, 30. November

„‚Nostalgie 2175‘ ist ein beeindruckendes Plädoyer an die Vergangenheit. Und eine Warnung an alle, die Umwelt zu schonen. Großer Applaus für dieses mutige Stück.“
Sabrina Wendt, Nordwest Zeitung, 30. November

Diskurs

NATURERFAHRUNGEN UND DAS GLÜCK,
DAS LICHT DIESER WELT ZU ERBLICKEN
Natalie Driemeyer zu Anja Hillings „Nostalgie 2175"

„Die Natur spielt verrückt, innen und außen, und die Linie dazwischen ist zart.“ (Anja Hilling zu „Nostalgie 2175“ im Kontext des anthropogenen Klimawandels) ­— Der Hamburger Psychoanalytiker Ulrich Gebhard schreibt in seinem Artikel Wieviel Natur braucht der Mensch?, dass die Erfahrung von äußerer Natur in ihrer psychodynamischen Funktion bedeutsam für die Entwicklung der inneren (psychischen) Natur des Menschen und ein wichtiges Element eines „guten Lebens“ ist. Doch was bedeutet es, wenn die nichtmenschliche Natur als Erfahrungsraum nicht mehr positiv wahrgenommen werden kann? Wenn jedes Aufhalten in ihr lebensgefährlich wird?
Wir Menschen schützen uns seit Jahrhunderten in unseren Mini-Klimakapseln Häuser vor den gefährlichen Seiten der äußeren Natur und lassen sie nur kontrolliert in Form von Zierpflanzen hinein. Wir kultivieren sie, machen sie uns scheinbar untertan. Wälder, Parks und Gärten werden gestaltet, Geoengineering soll ganze weltumspannende Wettersysteme beeinflussen und könnte künftig sogar als Biowaffe eingesetzt werden. Seit Beginn der Industrialisierung haben wir uns unabänderlich in die Erdgeschichte eingeschrieben, dabei ihr Gesicht unumkehrbar verändert. Wir leben im Zeitalter des Anthropozän und fühlen uns in der Lage, eine äußere Natur künstlich zu erschaffen, die zitathaft an die ursprüngliche erinnert. All das vermittelt das Gefühl, autark leben zu können. Jedoch gibt es immer wieder Momente, meist die der Katastrophe, in der wir Menschen spüren, wie sehr wir Teil der Natur und den Systemen/Kräften der Erde ausgesetzt sind. Der anthropogene Klimawandel hat bereits heute in vielen Teilen der Welt existentielle Ausmaße: Während einige Regionen von Überschwemmungen überrascht werden, leiden andere unter extremer Dürre. Der Meeresspiegelanstieg bedeutet für Millionen Menschen den Verlust ihrer Heimat. Die Lage wird sich global in den nächsten Jahren noch verschärfen. Die Erde kann ohne den Menschen existieren. Die Überlebensfrage für uns besteht darin, ob und wie wir auf diesem Planeten (solidarisch) weiter (zusammen-)leben können.
Im Theater wird der anthropogene Klimawandel zumeist darüber erzählt, wie er das Leben von Menschen verändert und ihre (Lebens-)Geschichten neu schreibt. Denn der Wandel hat Auswirkungen auf unser Verhalten, unsere Emotionen und unser Beziehungsgeflecht. Anja Hillings Stück „Nostalgie 2175“ beschreibt eine Welt in 160 Jahren, in der die Figuren Pagona, Taschko und Posch unter extremsten Bedingungen leben. Vom Heute aus betrachtet, könnte es nicht dystopischer sein: Es existieren keine Pflanzen und keine Tiere mehr, die Atmosphäre ist bei einer Durchschnittstemperatur von 60 Grad Celsius lebensfeindlich geworden. Einzig der Mensch hat überlebt.
Der sicherste Ort in dieser Welt stellt die Gebärmutter dar. Für die Mutter hingegen ist die Geburt mit 98%iger Wahrscheinlichkeit tödlich, da sich das Embryo wie ein Parasit mit ihren inneren Organen verbindet und diese bei der Geburt herausreißt. Ein Leben auf natürlichem Wege zu schenken, bedeutet sein eigenes zu geben. Assoziationen zum Verhältnis Natur – Mensch werden hier sichtbar: Der Mensch, der seine „Mutter Erde“ zerstört.
Dies ist das Ende der Welt, wie wir sie kennen, der komplette Verlust dessen, was wir heute als lebenswert erachten. Schutz bieten in Hillings Welt Klimakapseln, die mit dem einzigen sicheren Material, menschliche Haut, ausgestattet sind. Doch wie verändert eine ständige Gefahr und die enorme Hitze die Menschen intrapersonell und in den Beziehungen zueinander? Was macht das Leben für diese zukünftigen Menschen ohne jegliche äußere Natur lebenswert?
Nach Aussage der Psychologie ist Nostalgie vor allem ein Gefühl der Traurigen und Einsamen, denen sie als Schutzmantel der Seele dient. Als spezifische Form der autobiographischen Erinnerung, stellt sich die/der NostalgikerIn ins Zentrum der Geschichte und lädt darin negative Ereignisse nach und nach positiv auf. Pagona ist auf natürlichem Wege schwanger geworden und weiß, dass sie ihr Leben bald für das ihres Kindes geben wird. In direkten Ansprachen nimmt sie Kontakt zu dem Embryo auf, erzählt ihre eigene Lebens- und Liebes-Geschichte: die von ihrer psychischen (Liebes-)Beziehung zu Taschko und von ihrer physischen, durch die sie schwanger wurde, zu dessen Boss Posch. Pagona spielt die Hauptrolle in ihrer nostalgischen Erinnerung und versucht, diese dem Kind als Schutzmantel testamentarisch zu vererben. In Aussagen, wie zum Beispiel, dass eine Lotion, mit der man sich eine Stunde ungeschützt draußen aufhalten kann, die beste Lektion in Sachen Lebensfreude ist, erkennt man den Wunsch nach einer verschwundenen, vielleicht heutigen Welt. Denn ihre Vorstellung vom vielfältigen, bunten Leben entsteht aus den Bildern Taschkos, die er, nach Sichtung der größten VHS-Sammlung der Welt mit 420 Filmen des 20. und 21. Jahrhunderts, auf das Haut-Material der Innenräume tätowiert. Obwohl er selbst nach einem traumatischen Erlebnis ohne das nostalgische Wissen seiner eigenen Vergangenheit lebt, trägt er so das kulturell-nostalgische Gedächtnis einer Gemeinschaft in sich. Posch ist der Hüter dieser Erinnerungen, will mit seiner Firma M.D.N.I (Moderne Dermatologie. Nostalgische Innenwände) freies Aufhalten in Innenräumen und dadurch Sinnesfreuden ermöglichen, um so die Lebensqualität auf Erden zu erhalten. Damit verdient er Geld und Anerkennung, hält dafür aber Taschko, zu dem er sich hingezogen fühlt, in seinem verletzlichen Zustand und unterschätzt schlussendlich dessen Ikarus-ähnlichen Plan.
Die menschliche Psyche hat Mechanismen entwickelt, um unlebbare Leben zunächst durchzustehen. Auch wenn diese zukünftige Welt aus heutiger Sicht nicht als „gutes Leben“ erscheint, beginnt Pagonas Ansprache an ihr Kind mit purem Optimismus: „Es bedeutet mehr Glück denn je, das Licht dieser Welt zu erblicken.“ Trotz einer starken Veränderung der (Um-)Welt bleibt der Wunsch, zu lieben. Alle Drei besitzen nichts anderes als ihre Beziehung zueinander, die sie untrennbar und für immer (auch über den Tod hinaus) miteinander verbinden wird. Ihre Sprache ist poetisch, nicht selten pathetisch, hat sich aufgrund der Reizarmut verändert und zeigt, wie wichtig das Innen wird, wenn es das Außen nicht mehr gibt. Anja Hilling dazu: „Das Desaster: erst im Untergang öffnet sich der Blick, wird warm, zart, extrem genau.“
Wir haben eine Verantwortung gegenüber den nächsten Generationen, die heute noch nicht ihre Rechte einfordern können. Was werden wir für sie erhalten? Was sind wir in unserem Leben bereit, für ihre Zukunft aufzugeben? In Nostalgie 2175 schauen wir fiktiv in die Welt unserer Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-EnkelInnen, die uns auch vor die Frage stellt, welchen Nostalgiewert wir einmal darstellen werden. So erzählt diese zukünftige Welt mehr über uns, unser Verhalten und unsere Entscheidungen, als wir uns aus heutiger Sicht vorstellen können.