THEATERBREMEN

Kleines Haus

Penguins & Pandas

Ein Stück von Samir Akika / Unusual Symptoms

„We don‘t know anything. We don‘t know how to cure a cold or what dogs are thinking. We do terrible things, we make wars, we kill people out of greed. So who are we to say how to love.“ (Miranda July) – Auf- und Abbrüche, Ankommen und Abhauen: die Deformationen des modernen Lebens haben auf Samir Akika schon immer eine ganz besondere Anziehungskraft ausgeübt. Fasziniert von der Unmöglichkeit eines Lebens innerhalb stringenter Handlungsverläufe wirft es ihn in seiner künstlerischen Arbeit immer wieder zurück auf die gescheiterten Suchbewegungen nach der geschlossenen Biografie. „Penguins & Pandas“ ist ein Abend über das Suchen und Finden der Liebe und die Schwierigkeit, mit ihr umzugehen. Zwischen Straßenpoesie und Independent-Film verknüpft Samir Akika die Wünsche und Nöte unseres Beziehungslebens zu einer versponnenen Momentaufnahme voller realer und irrealer Begegnungen aus dem echten und gespielten Leben.

Dauer: ca. 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Hier können Sie sich den Videomitschnitt bei Arte Live-Web anschauen.

Termine / Karten

Besetzung

Fotos

Pressestimmen

„Ungeheuerlich faszinierendes Theater: voll Verführung, voll Gefunkel. Die Liebe zum Tanz: ein Liebestanz. Immer zu kurz. Immer wieder schön. Küsse und Bisse: zusammen – für immer.“
Jens Fischer, Weser Report, 31. März 2013

„Kaum zu glauben, dass es tatsächlich nur vier Tänzerinnen und vier Tänzer sind, denen das Meisterwerk gelingt, eine gefühlte Millionenstadt zu verkörpern. […] Mit der eingangs demonstrierten athletischen Körperbeherrschung überzeugen sämtliche Tänzerinnen und Tänzer an diesem Abend, wobei es eben nicht nur die einzelnen Solotänze sind, die Elemente von Ausdruckstanz und Streetdance souverän miteinander vermischen, sondern auch die vielen spektakulären Bildfindungen, mit denen die Bremer Inszenierung den Charakter eines stummen Theaterstückes annimmt.“
Sven Garbade, Weser Kurier, 30. März 2013

„Samir Akikas Tanz-Uraufführung „Penguins & Pandas“ zeigte am Mittwoch in starken Momentaufnahmen den Irrsinn der Liebe. Das Publikum feierte die 90-minütige Produktion im Kleinen Haus des Theaters Bremen.“
Sabine Komm, Kreiszeitung, 29. März 2013

In einem vielschichtigen Bilderreigen erzählt [Samir Akika] vom Kennenlernen, den Verrenkungen, die Menschen unternehmen, der Unsicherheit, den Verdruckstheiten, über den Überschwang der Gefühle, das kleine Glück, das einem immer ganz groß vorkommt, bis hin zum Ende der Gefühle, die oft nicht einfach dazu führen, dass zwei sich trennen, weil sie zu tief drinstecken, von emotionaler Abhängigkeit über den Betrug bis zum großen Knall, wo – hier dann auch wirklich – Geschirr zu Bruch geht.
Andreas Schnell, taz, 30./31. März 2013

Diskurs

ETWAS, DAS NICHTS BRAUCHT
von Gregor Runge

1.
Wenn ein Wal stirbt, dann sinkt er langsam auf den Grund des Ozeans, über die Dauer eines Tages. All die anderen Fische sehen ihn fallen, wie eine gigantische Statue, wie ein schwereloses Gebäude, langsam, ganz langsam. Die anderen Fische schauen sich fragend an, sie sind sich nicht ganz sicher: geschieht das da gerade wirklich? Oder bilden wir es uns nur ein? Und sie überlegen, ob sie nicht etwas unternehmen müssten. Und der Wal fällt, und fällt, und fällt, immer tiefer auf den Grund, während es um ihn herum immer kälter wird, und dunkler, bis der träge, schwerelose Körper des Wals auf seinen eigenen Schatten trifft.

In meinem wiederkehrenden Traum liege ich unter Trümmern. Alle Dinge um mich herum sind eingestürzt, und ich krieche, manchmal für Tage, unter dem Schutt hindurch. Und je länger ich krieche, desto klarer steigt mir ins Bewusstsein, dass dies das eine große Erdbeben gewesen sein muss, das die ganze Welt erschüttert und jedes einzelne Ding zerstört hat. Aber das ist noch nicht der furchterregende Teil meines Traums. Dieser Teil kommt erst ganz kurz vor dem Aufwachen. Ich krieche, und krieche, und plötzlich erinnere ich mich: das Erdbeben hat Jahre zuvor stattgefunden. Dieser Schmerz, dieses Sterben: das ist ganz normal. So ist die Welt. Und langsam begreife ich: es gab nie ein Erdbeben. Das ist bloß das Leben, genau so, zerbrochen, und ich wäre wahnsinnig, würde ich an etwas anderes glauben.

Es gibt einen Beginn und ein Ende. Das Erwachen beginnt mit den Worten „bin“ und „jetzt“. Etwas in mir sagt: „ich muss“. Ich muss. Und ich denke: genug von diesen Wänden, dem Flüstern nebeneinander durchlebter Tage, durch Flure rennend, die Distanz zwischen uns aufrecht erhaltend, obwohl doch diese Finger sich um jene Münder ranken sollten. Finger, bestimmt sich zu verflechten. Augen, bestimmt dich zu sehen. Wände wie aus einer anderen Zeit, an denen ihr Blick stattdessen haftet. Falsche Türen, falsche Säulen, falsche Perspektiven.

Dem Wal beim Sterben zusehen. Der lang anhaltende Geruch eines Traums. Vergeblich. Unaufhaltsam. Selig sind die Zeiten, für die der Sternenhimmel die Landkarte der gangbaren und zu gehenden Wege ist. Die Welt ist weit und doch wie das eigene Haus. Sind wir noch hier? Wenn Du das Haus verlässt, dann stelle ich mir manchmal vor, dass alles plötzlich stehen bleibt. Die Zeit anhalten, während Du weg bist. Es gibt dann für sie keinen Grund mehr, weiterzulaufen. Wenn nichts wirklich zählt, kann man auch nichts verlieren. Wir wünschten, wir wären etwas, das nichts braucht.


2.
Die kommenden und die vergangenen Dinge. Sich auf einen winzigen schwarzen Punkt am Himmel konzentrieren und daran glauben, dass dieser Punkt die Summe aller Möglichkeiten ist. Die weißen Ansteckflügel über deinem gepunkteten Hemd. Unser Durchhaltealltag mit News, Papierkram und milden Aufputschmitteln. Und die Wälder, und die Wiesen, und die Täler, und Paläste, und die Hütten, und die Flüsse, und die Gletscher, und das alles, und die Tiere, und die Menschen, und die Pflanzen, die Fabriken, die Stationen, Satelliten, und das Feuer, und der Regen, und die Winde, und das All, und die Meere, und die Sphären, die Planeten, Meteore, die Papiere, die Musiken, und das alles, und das Wispern, die Geräusche, all das Raunen, und die Stimmen, und das Sehnen, und das Pochen, die Arterien, und die Bündel, die Mimosen, und das Kitzeln, und das Staunen, und das Wünschen, und die Wut, und das alles, ja das alles, alles, alles und das Drehen, und das Heben, all das Senken, all das Schweben, all die Sprünge, das Vergeben, und das Hauchen, und das Kleben, und das Tropfen, und das Strömen, und das Fliegen, ja das alles, alles Geben, alles Nehmen, alles Brauchen, alles Stehlen, alles Wollen, alles Leben, aller Anfang, alles Enden, alles Blenden, und die Blindheit, und das Taube, und das Rauchen, diese Räume, diese Kästen, dieses Mal, nichts vergeben, nicht dem Zögern, nicht dem Taumeln, nicht dem Rennen, nicht dem Schauer, dem Verzweifeln, alles lassen, alles glauben, all das alles, alles, alles.


3.
Ein paar Mal in meinen Leben habe ich Momente absoluter Klarheit erlebt. Für wenige Sekunden ertränkt dann die Stille den Lärm und ich fühle, anstatt zu denken. Die Dinge zeigen sich ganz scharf, und die Welt scheint noch unverdorben. Es ist, als wäre alles gerade erst entstanden. Es gelingt mir nie, diese Momente festzuhalten. Ich klammere mich daran, aber wie alles andere verblassen sie. Von diesen Momenten habe ich gelebt. Sie bringen mich zurück in die Gegenwart. Und ich erkenne, dass alles ganz genau so ist, wie es sein soll.

Es gibt keine weißen Ritter. Wer glaubt, dass sich die Dinge ändern, irrt. Es gibt nur Perspektiven und Blickwinkel. Die Dinge aber bleiben gleich. Man stellt sich immer so wunderbare, schöne Sachen vor. Wie die Idee von Menschen, die füreinander gemacht sind. Eine Vorstellung, weil wir uns vor dem Zufall fürchten. Es gibt nur mich und meine Schablone und den anderen. Und wir, das ist bloß die Gewalt, mit der ich meine Vorstellung davon fülle, wie die Dinge sein müssten. Ich möchte dich gerne einmal sehen. Doch wir werden uns niemals richtig erinnern können. Die ganze Idee der Menschheitsgeschichte ist eine Fiktion.

Immer Wände, immer Flure, immer Türen. Jemand sucht etwas und findet etwas anderes. Jemand will sich befreien und zappelt im Netz. Jemand verbindet sein Leben mit dem eines anderen, der nur sein Erzfeind sein kann. Jemand baut sich etwas auf, und bemerkt zu spät, dass es das eigene Gefängnis ist. Fremde, öde Weite, so unbewohnbar wie der Mond. Etwas fällt vom Himmel und wir heben es auf. Die Kamera sieht immer zu viel Himmel oder zu viel Erde. Wir aber wünschten, wir wären etwas, das nichts braucht.

Originalbeitrag unter Verwendung von Texten von Nick Cave, Tom Ford, Miranda July, Georg Lukács, Alain Robbe-Grillet, Frederik Rohn, David Scearce und Georg Seeßlen