THEATERBREMEN

Moks

Tales of survival

von Alexandra Morales und Gregor Runge /
Unusual Symptoms

„Evil conquers good, and none live happily ever after.“ (Morrissey) – In einer Gegenwart, die in geradezu bedrohlicher Intensität von den politischen Spukgespenstern längst vergangen geglaubter Zeiten heimgesucht wird, ist es an der Zeit, neue Perspektiven zu entwerfen. Doch je notwendiger dies in einer zunehmend komplexen und unübersichtlichen Welt wird, desto weniger scheinen wir dazu in der Lage. Wenn also die alten Paradigmen dazu führen, dass die Distanz zwischen Mensch und Welt nur stetig größer wird, müssen wir vielleicht noch einmal ganz von vorn anfangen: was ist das eigentlich, die Welt? Und wie können wir uns darin begegnen?
In „Tales of survival“ bilden zwei Musiker, drei Tänzer und sieben Jugendliche eine temporäre Gemeinschaft, die zwischen Modi des Entdeckens, konkreten Bildern und offenen choreografischen Versuchsanordnungen nach einer gemeinsamen Haltung zueinander sucht.

Dauer: 70 Minuten, keine Pause

Termine / Karten

Besetzung

Fotos

Pressestimmen

„[Tales of survival] eröffnet Räume für Assoziationen, schafft Verbindungskanäle zur gesellschaftlichen Gegenwart und entwirft dabei ein sinistres Stimmungsbild.“
Sven Garbade, Weser-Kurier, 16.01.2017

„Immer eindringlicher baut sich in diesem tollen Nachtspiel die Klangkulisse zu höherer Schönheit auf. Ein Mädchen singt ganz vorzüglich himmlische Melodienfiguren. Posaunen und Trompeten stemmen Klänge voller gehobenem Pathos in die Dunkelkammer.“
Sven Garbade, Weser-Kurier, 16.01.2017

„Von politischen Spukgespenstern und einer zunehmend unübersichtlichen Welt schrieb Gregor Runge im Programm. Indirekt kann man von diesen gesellschaftlichen Schemen tatsächlich eine Ahnung bekommen, wenn man sich auf die atmosphärische Wuseligkeit der Aufführung einlässt. Dass diese Vermittlung sogar mit sparsamen Theatermitteln gelingt, spricht für den Erfolg der Unternehmung.“
Sven Garbade, Weser-Kurier, 16.01.2017

„In einem sich über Minuten aufbauenden Drone scheint hier auf, was vor allem im freieren Jazz gelebte soziale Praxis ist: Der vermeintliche Widerspruch zwischen Individuum und Kollektiv wird gleichsam dialektisch auf einem höheren Plateau aufgelöst.“
Rolf Stein, Kreiszeitung, 17.01.2017

„Mit den Jugendlichen gewinnt das ohnehin schon bewegte Bühnengeschehen, das die Akteure bisweilen bis auf die Tribünen hinter die Zuschauer treibt, noch an Dynamik. Zunächst in einer Weiterführung der Motive der Eingangssequenz, in teils gefährlich anarchisch anmutenden Jagden durch den Raum des Moks, den Aaron Stratmann unbehauen eingerichtet hat. Später dann auch in kleineren Kombinationen, langsamerer Taktung.“
Rolf Stein, Kreiszeitung, 17.01.2017

„Die anarchischen Rangeleien des Ensembles lösen sich auf in kleine, tolle Bilder, wie das eines Jungen, der auf den Händen geht, während er Trompete spielt – was natürlich nur funktioniert, weil er auf den Händen eines der Profitänzer herumsteigt, der ihn wenig später auf den Schultern trägt, immer wieder einknickend, was den Trompetenton unsanft unterbricht. Erst im Zusammenspiel mit allen anderen wird er wieder möglich.“
Rolf Stein, Kreiszeitung, 17.01.2017

Diskurs

Vom Überleben
Gregor Runge über „Tales of survival

Zu suggerieren, man würde eine Geschichte vom Überleben erzählen wollen, bringt einen in eine undankbare Situation. Eine Geschichte vom Überleben: das klingt sehr groß und pathetisch, nach existentiellen Erfahrungen an der Schwelle eines Abgrunds, in den man tiefer hinabzublicken gezwungen war, als man es irgendwem wünschen würde. Vom Überleben zu erzählen klingt außerdem, als könnte man davon berichten, wie es geht, als wäre die zu erzählende Geschichte gleichsam eine Formel zur Errettung dessen, was da beinahe verloren gegangen wäre oder verloren zu gehen droht. Und als müsste man diese Formel nur erzählt bekommen von jemandem, der sie einem beibringt, um mit dieser plötzlich auftauchenden Variable eine komplexe und irgendwie unvorstellbare Gleichung einfach so aufzulösen. Eine Geschichte vom Überleben, das klingt wie: Eine Geschichte davon, wie man die Dinge lösen kann. Und ernsthaft zu behaupten, man könnte von unserer Perspektive aus solch eine Geschichte einfach so erzählen und mit ihr erzählen, wie es geht, das Überleben, wäre vermessen und bedeutungsheischend und schlichtweg nicht wahr. Und trotzdem steht da jetzt dieser Titel: Tales of survival. Aber was sich in der kargen Bühnenlandschaft dieser Arbeit, dem er voran steht, abspielt, ist keine Survivalgeschichte. Es ist überhaupt keine Geschichte.

„Vielleicht gibt es keine Sprache mehr. Vielleicht verständigen wir uns wie Fledermäuse auf anderen Frequenzen. Vielleicht wird es Wesen mit fünf Köpfen geben. Wird es überhaupt noch Köpfe geben, oder Körperteile? Wenn wir keine Augen mehr hätten, wie würden wir dann Farben wahrnehmen? Würden wir sie vielleicht schmecken oder fühlen? Vielleicht sind wir auch gar nicht mehr greifbar. Vielleicht schweben wir einfach als vom Körper getrennte Seelen durch die Gegend. Vielleicht funktionieren wir dann alle zusammen wie ein einziger großer Organismus. Gibt es dann noch Individualität?“

„Tales of survival“. Das ist natürlich eine Zuspitzung, der ein Gefühl des Unwohlseins zugrunde liegt, das sich im Blick auf die unheimlichen Zustände unserer politischen und gesellschaftlichen Gegenwart begründet und aus dem sich für uns eine sehr einfache Frage ableitete, die zum Anlass dieser Theaterproduktion geworden ist: Wie wollen und können wir miteinander sein und wie ließe sich aus dieser Frage heraus mit den Mitteln des Theaters eine Form ergründen, die uns vielleicht als Vorschlag für ein Denken dieses Miteinanders dienen kann? In diesem Kontext vom Überleben zu sprechen, bedeutet, dieses Sprechen wie eine Schablone an diese Frage anzulegen, ihr in der Überhöhung Dringlichkeit zu verleihen und eine Behauptung aufzustellen: Wenn wir jetzt nicht beginnen, die Regeln des zivilen Zusammenhalts neu zu ergründen, wird dieses Jahrhundert ein düsteres sein.

„Vielleicht wird es keine Zeit mehr geben. Vielleicht nehmen wir sie auch nur anders wahr. Vielleicht sind wir dann in einer Art Dauerzustand des Träumens. Vielleicht brauchen wir dann keine Nährstoffe und Ressourcen mehr. Vielleicht ist alles Fühlen dann viel intensiver. Vielleicht gibt es dann keine Missverständnisse mehr. Vielleicht findet Berührung und Liebe in einer anderen Form statt. Würde es dann noch Unterhaltung geben?“

Eine offene, humanistische Gesellschaft funktioniert dann, wenn sich ihre einzelnen Teile in einem ständigen Gespräch miteinander befinden, das sich selbst wiederum permanent verändert. Je offener eine Gesellschaft ist, je durchlässiger und globaler, desto schnelleren und intensiveren Veränderungen ist dieses Gespräch unterworfen und desto komplexer gestaltet sich das Zuhören und Mitreden. Und weil Kommunikation Überbrücken von Differenz ist, geht es dabei immer darum, ein adäquates Bild zu finden, mit dem ich das, was ich empfinde, einem anderen vermitteln kann. Ein Gespräch kann eine komplexe ästhetische Erfahrung sein, und nicht umsonst hat der Filmregisseur Werner Herzog – der sich gut versteht im Anlegen überhöhter Schablonen an eine so ganz neu zu betrachtende Wirklichkeit – einmal gesagt, dass wir aussterben werden wie die Dinosaurier, wenn es unserer Zivilisation nicht gelingt, zu einer adäquaten Sprache und adäquaten Bildern zu finden. In einer offenen Gesellschaft sind diese Bilder flüchtig, weil die Differenzen ständig andere sind. Deswegen ist gar nicht immer nur entscheidend, was man erzählt, weil das Bild von heute im Gespräch von morgen vielleicht schon nicht mehr funktioniert. Entscheidend ist, wie man das tut und wie sehr man bereit ist, es stets aufs Neue zu tun. Weil man nur so zum Neuen kommt.

„Was würde man denn machen wenn man die ganze Zeit so rumschwebt? Würde es noch Sport geben? Bräuchte man noch Hobbys? Vielleicht sind wir dann wie Synapsen und es gibt unendlich viele Knotenpunkte, an denen wir uns treffen und austauschen können. Wo würde man denn dann leben? Bräuchten wir noch Häuser und Städte? Wohin könnte man sich zurück ziehen? Vielleicht in Bäume? Vielleicht würden sich neue Pflanzen und Tierarten entwickeln. Würden die Dinosaurier dann wiederkommen?“

Was wir also lernen sollten ist, Ungewissheiten zuzulassen und auszuhalten, neugierig zu bleiben, unsere Wahrnehmung voneinander zu schärfen und eine Lust am Spekulativen zu entwickeln. In Möglichkeitsräumen und Unschärfen zu denken und auf unsicherem Boden zu balancieren. Auch das mag ein wenig pathetisch klingen, na gut, aber vielleicht stimmt es ja. Für die Kunst stimmt es ganz bestimmt. Was in „Tales of survival“ zur Form wird, speist sich aus einer Lust am Spekulieren und einer Neugier aufeinander, die zwei Musiker, drei Tänzer und sieben Jugendliche zu einer temporären Gemeinschaft verbindet, die die Register ihres Miteinander seins ständig wechselt und die zwischen Modi des Entdeckens, konkreten Bildern und offenen choreografischen Versuchsanordnungen ständig versucht, Begegnungen zu schaffen, untereinander und mit einem unbekannten Außen. Was sich in diesen Begegnungen erzählt, erzählt sich häufig im Dazwischen und aus der Ungewissheit des eigenen Blicks, der eher das Offene sucht, als das Geschlossene, finden und gefunden werden will. Diese Tales of survival sind keine Geschichte, sondern ein Zustand, Beschreibung und Ergebnis einer Haltung zueinander, die noch vor jeder Erzählung von den Bedingungen unseres Zusammenlebens spricht.

„Hätten wir dann noch Angst? Ohne Körper? Würde es den Tod noch geben? Oder Vergänglichkeit? Muss da, wo etwas Neues entsteht, nicht auch Altes vergehen? Wenn man tatsächlich ewig leben könnte, würde man vielleicht irgendwann die Lust an der Unendlichkeit verlieren? Oder würde man sich diese Frage vielleicht gar nicht stellen? Ist natürlich alles nur eine Möglichkeit, könnte auch ganz anders sein.“

Textauszüge aus einem während der Proben entstandenen Text von Kolja Keller, Javier Steinweg und Andy Zondag