THEATERBREMEN

Theater am Goetheplatz

Wahlverwandtschaften

Uraufführung
Musiktheater von Thomas Kürstner und Sebastian Vogel
Text von Armin Petras nach Motiven des
Romans von Johann Wolfgang von Goethe

„Liebe ist Erfahrung und Experiment. Sie ist Prüfung der Realität. Zum Experiment gehört, dass sein Ergebnis und Verlauf unabsehbar sind. Experimentieren bedeutet, sich hier und jetzt der Zukunft anzuvertrauen.“ (Marcus Steinweg) — Eigentlich könnten alle glücklich sein. „Ich hab alles /
vielleicht zu viel / vielleicht ist es das“, sagt Charlotte in Armin Petras’ Libretto, das Goethes Roman aus der vermeintlichen Ferne aristokratischer Kreise in die liberale Sphäre bourgeois-bohèmehafter Großstädter des 21. Jahrhunderts überführt. Ähnlich wie bei Goethe bleibt aber die Problematik von Liebesversuchung und Gefühlskonstruktion kein Phänomen der Elite, sondern hat eher etwas zu tun mit der allgegenwärtigen Aufforderung zu Flexibilität und Lebensentwurfsoptimierung. Wenn das Experiment zum Selbstzweck wird, spielt das Ergebnis keine Rolle. Thomas Kürstner und Sebastian Vogel komponieren nach „Anna Karenina“ erneut ein spartenübergreifendes Musiktheater auf einen Text von Armin Petras. Mit Stephan Kimmig wird einer der wichtigsten deutschen Schauspielregisseure zum ersten Mal in Bremen inszenieren.

Dauer: ca 2 Stunden, keine Pause.

Termine / Karten

Besetzung

Fotos

Pressestimmen

„Was zeitgenössische, junge, experimentell-offene Formen des Musiktheaters angeht: Auf diesem Gebiet entwickelt sich das Stadttheater in Bremen zielstrebig zu einem der führenden Häuser der Republik […].
Dass dabei dann auch mal was schief geht, liegt im Charakter des Experiments. Umso schöner, wenn der Mut mit dem Glanz des Gelingens belohnt wird, so wie jetzt bei dem Musiktheater nach Goethes Roman „Wahlverwandtschaften“. […] eine radikal heutige Überschreibung von Goethes Roman in Form eines Hybrids zwischen Sprechtheater, Performance und Musiktheater. Und der im Schauspiel hochversierte Stephan Kimmig hat daraus mit den musikalischen Leitern Clemens Heil und Aki Schmitt sowie einem grandiosen Ensemble nicht nur eine „Inszenierung“ geschaffen – er hat diese „Wahlverwandtschaften“ als Bühnenwerk überhaupt erst zur Vollendung gebracht […].
[Die] Sopranistin Nadine Lehner als Charlotte und der Bass Patrick Zielke als ihr angetrauter Gatte Edouard […] sind hervorragende Künstler, sie gehören zu den besten Sängern des Opernensembles, beliebt beim Publikum, enorm bühnenpräsent und voller Lust, sich auf Herausforderungen abseits der Opernkonvention einzulassen. […].
Ähnliches lässt sich über Annemaaike Bakker als Christina und Robin Sondermann als Otto sagen. Beide sind exponierte Mitglieder im Bremer Schauspielensemble. Wie Sondermann den Otto als hyperaktiven, grundlos dauernetten Alles-Richtigmacher auf die Bühne zappelte, war ein großer, aber letztlich trauriger Spaß – und Bakker, die in der Rolle der von Petras hinzuerfundene Christina als Animateuse und Conférencière über die Bühne irrlichterte, war ein Ereignis […]. In dieser Funktion standen ihr zwei Gäste erstens zur Seite und zweitens nur wenig nach: Die Stuttgarter Schauspielerin Hanna Plaß machte aus der von Petras zur Tilly aufgepeppten Ottilie eine manisch outrierte Selbstdarstellerin mit Borderliner-Tendenz und sang die von Kürstner/Vogel implementierten Rocksongs mit wunderbar kratzkehliger Sentimentalität. Und Markus John vom Hamburger Schauspielhaus-Ensemble war als „Wolfgang“ […]. quasi der Räsonneur des Abends, eine Art avantgardistischer Lebens- und Liebeskünstler von vierschrötiger Energie, mit Hang zur Erbauungspredigt ebenso wie zur Berserkerpraxis […].
Aus Goethes Romanhelden, die daran scheitern, dass die Chemie des Liebesmagnetismus ihre Lebensplanung unterminiert, macht das Libretto unter Verschiebung einiger Familienbeziehungen sehr heutige neoliberale Egozentriker und Glücksfetischisten […]. Aber der Zwang, immer möglichst glücklich zu sein, setzt sie derart unter Stress, dass sie alles Mögliche sind: getrieben, gehetzt, verunsichert, verzweifelt – nur nicht glücklich. Dieser Widerspruch ist natürlich quietschkomisch – und tieftraurig zugleich. Für das szenische und musikalische Gelingen ist aber in dieser Produktion ganz entscheidend, dass Text und Musik ihr Thema dramaturgisch keineswegs streng durchbuchstabieren, sondern lediglich Material und offene Räume bieten, die das gesamte Ensemble erst im Spiel konkretisiert. Kürstner/Vogels Musik ist offensiv eklektizistisch, extrem heterogen und zwar komplex, aber strukturell dennoch extrem durchlässig […].Und das Ensemble nutzt unter der musikalischen Leitung von Clemens Heil […]. diese Freiräume mit hinreißender künstlerischer Vitalität. Auch Stephan Kimmig steigt mit Verve und sicherem Formgefühl auf diese Offenheit ein. […].
Es gibt an diesem Abend einen dramaturgisch enorm wichtigen Kontrapunkt, und der liegt in einigen melodisch-ausdrucksvollen Gesangsnummern der Charlotte. Im Setting von Musik und Inszenierung ist sie die Figur, die am konsequentesten und kunstvollsten „vokal“ agiert, mehr noch als Zielke in der Rolle des Edouard. Dadurch hält sie den Kontakt zu einer Tiefendimension des Lebens, die sie in melancholische Distanz zu allen anderen setzt und dem überdrehten Glücks-Aktivismus um sie herum entfremdet. Nadine Lehner macht das darstellerisch und vokal wunderbar spürbar. Und Clemens Heil sorgt an den entsprechenden Stellen für genau die expressive musikalische Fokussierung, die sie dazu benötigt […].“
(Detlef Brandenburg, Deutsche Bühne online)

„So also geht’s, dass alles frisch und neu und mit Bedeutung auch gefällig sei. Im Theater Bremen am Goetheplatz erfanden die Komponisten Thomas Kürstner und Sebastian Vogel ein neues Genre. […] Gespielt werden die Qual-der-Wahl-Verwandtschaften als Beziehungsexperiment unserer Tage […] Herrliche Regieeinfälle […] Das wirkt, gesungen, stark, und es wird von der Musik getragen, die mehr als Live-Filmmusik ist, gleichzeitig Motor und Verstärker der Handlung. […] Köstlich die Partyzeltwand-Filmbespielung (Video: Rebecca Riedel) […] Die Wahlverwandtschaften als treffendes Zeitstück.“ (Stefan Grund, Die Welt, 26.02.2018)

„[…] Petras unterzieht diese archaische Sicht einer gründlichen Revision, seziert mit kühler Distanz die Ideale seiner Figuren, die ihrerseits ganz heutig sind, fördert zutage, wie viel altes Denken im Heute steckt – und lässt als bescheidene Utopie Charlotte am Ende ihrem Eduard ein Angebot ohne Bedingungen machen, anstatt ihn, wie noch Goethe, sterben zu lassen.
Neben dieser couragierten Herangehensweise auf der Handlungsebene gibt es da aber auch noch die Musik, die das Offene, Fragmentierte auf ihre Weise erzählt: Mal klingt sie neutönerisch im Sinne der klassischen Avantgarde, mal zart impressionistisch und nimmt aber auch nicht wenig von Jazz und Pop. Bei Clemens Heil und einem schlagwerklastigen Ensemble ist sie in den besten Händen. […]
Zweifelsfrei allerdings sind Musiker, Sänger und Schauspieler dem Regiekonzept gewachsen. Vor allem Nadine Lehner und Patrick Zielke dabei zuzuschauen, wie sie diese modernen Individuen empathisch und nuanciert zeichnen, ist ein Genuss. Aber auch vorn im Orchester spielt man nicht nur Musik, sondern ist offenbar mit Vergnügen Teil der Szenerie.
Ein vergnüglicher Blick auf ein altes Thema, der den Muff von Jahrhunderten vehement aufwirbelt. […]“ (Rolf Stein, Kreiszeitung, 26.02.2018)

„[…] Clemens Heil [leitete] das exzellent agierende Kammermusik-Ensemble der Bremer Philharmoniker souverän, und besonders Charlotte mit Nadine Lehner und Eduard mit Patrick Zielke [waren] mit zwei hervorragenden Sängern besetzt.“ (Elisabeth Richter, Deutschlandfunk, 25.02.2018)

„[…] Stephan Kimmig lässt es auf der Bühne ordentlich krachen. In einem großen Zelt (Bühne: Katja Haß) tummeln sich nicht nur die […] Paare, sondern auch zwei weitere Figuren, Wolfgang und Christina […]. Nadine Lehner und Patrick Zielke vom Bremer Opernensemble haben schon oft bewiesen, dass sie nicht nur großartige Sänger sind, sondern auch schauspielerisch viel zu bieten haben. Die Schauspieler Robin Sondermann und Hanna Plaß überzeugen als Otto und Tilly, Markus John als Wolfgang und Annemaaike Bakker als Christina vervollständigen den punktuell etwas überspannten Reigen, der das überkommene Liebesbild im Musiktheater klug dekonstruiert. Am Ende gab es viel Applaus für Schauspieler, Sänger und Musiker […].“ (Andreas Schnell, NWZ online, 26.02.2018)

„[…] Eduardo – fantastisch gesungen übrigens von Patrick Zielke […] Das Setting ist also ungefähr wie bei Goethe, nur dass alles viel moderner inszeniert ist und Armin Petras Dialoge sich heutiger Alltagssprache bedienen. Dadurch, dass es sich um eine moderne Opernvertonung handelt, wirkt das Stück teilweise doch etwas komisch, aber das ist – denk ich – auch wirklich so gewollt. […] Das Werk sucht nach neue Formen, um sich mit schwierigen, schmerzlichen Themen auseinander zu setzen, […] Die Musik passt dazu. […] kommt […} keine Langeweile auf. […] Das finde ich eine hochaktuelle Frage, gerade in Zeiten, in denen der Partner alles sein soll. […] Wirklich spannende Frage und auch tolle Idee. Auch der Text ist wirklich berührend. Musikalisch großartig. Es gibt immer wieder tolle Momente, die ich fantastisch fand, […] Eine ganz wunderbare Weltpremiere und Neuproduktion, die man sich unbedingt anschauen sollte.“ (Tomasz Kurianowicz, Radio Bremen Zwei, 25.02.2018)

„[…] Ein Experiment, das sich lohnt. […] großartige[r] Gesang von Patrick Zielke und Nadine Lehner […].“ (Teresa Wolny, taz, 03./04.03.2018)

„[…] Intelligent aktualisiert Petras Goethes Wunschprojektionen […] Regisseur Stefan Kimmig lässt der Handlung freien Lauf und greift wenig ein, findet aber stellenweise zusammen mit Bühnenbildnerin Katja Haß und den Videos von Rebecca Riedel immer wieder Bilder von plausibler optischer Prägnanz. Die Inszenierung stellt an die Akteure ausnehmend hohe Anforderungen. Mit Nadine Lehner (Charlotte), Patrick Zielke (Edouardo), Hanna Plaß (Tilly), Robin Sondermann (Otto), Annemaaike Bakker (Christina) und Markus John (Wolfgang) bewies das Ensemble des Bremer Musiktheater einmal mehr, dass es derart experimentelle Produktionen glaubhaft realisieren kann. […] Seinem (Clemens Heil) exzellenten Dirigat verdankt diese Aufführung sehr viel, aber auch den hochmotivierten Orchestermusikern. Fazit: Das Bremer Theater verfügt derzeit über hervorragende Schauspieler und Gesangssolisten, die auch bereit sind, die üblichen Grenzen des Musiktheaters zu überwinden, sich auf Experimente einzulassen, denen man gerne zuschaut, […]“ ( Michael Pitz-Grewenig, Foyer, 15.03. – 15.05.2018)

„[…] anrührend sensitiven Klangphasen […] Eine das illustrierende Moment in den Vordergrund stellende, textunterstreichende Musik, die von den Bremer Philharmoniker unter der Leitung von Clemens Heil mit großer Präsenz realisiert wurde. […] Interessante Klangmischung ergibt der bisweilen gleichzeitige Einsatz von Gesangs- und Sprechstimmen, bei dem Schauspieler und Sänger spartenübergreifend agieren. Dominierend in der Ausstrahlung allerdings bleiben die phänomenale Allround-Sopranistin Nadine Lehner als Charlotte und der profunde Bass von Patrick Zielke als Eduardo […]“ ( Gerhart Asche, Opernwelt, Ausgabe 4 2018)

„[…] Die Musik dient der Charakterisierung von Personen und Situationen, orientiert sich an ganz unterschiedlichen Genres und erhält sehr interessante Passagen. Die Musikerinnen und Musiker unter der Leitung von Clemens Heil setzen die Partitur beeindruckend um, und auch die Mitglieder des Opern- und Schauspielensembles und zeigen viel darstellerisches Engagement. […]“ ( Ursula Myke, Brillant, Frühjahr/Sommer 2018)