THEATERBREMEN

Kleines Haus / Premiere / ausverkauft (eventuell Restkarten an der Abendkasse)

Das schweigende Mädchen

von Elfriede Jelinek
im Anschluss Premierenfeier

Es war eines der größten Gerichtsverfahren der Bundesrepublik – mit dem Rechtsstaat selbst auf dem Prüfstand –, hat es doch die Fehler und Verfehlungen von Polizei, Verfassungsschutz und Bundesanwaltschaft zu Tage gefördert. Elfriede Jelinek macht aus dem Prozess ein infernales Gericht biblischen Ausmaßes, ein Sprachgewitter, das der Monstrosität der Taten das monströse Schweigen der Hauptangeklagten und einzigen Überlebenden des höllischen Trios entgegensetzt. Provozierend groß und sich zur Ikone stilisierend ist diese Leerstelle des schweigenden Mädchens, und die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek schreibt dagegen an, versucht wortreich die Lücke zu füllen. Das Rätsel, die Wut, das Unverständnis und der verzweifelte Versuch, dem rechten Terror und seiner tiefen gesellschaftlichen Verwurzelung beizukommen, bleiben.

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Pressestimmen

„Er [Marco Storman] hat Elfriede Jelinek so radikal in Szene gesetzt, wie es der Autorin entspricht. […] Nachdem ich den feinsinnigen, aber eigentlich nicht bühnengeeigneten Text der Vorlage gelesen hatte, habe ich gestaunt, dass man daraus so lebendiges Theater machen kann. Die Figuren verwandeln die endlosen Monologe in Interaktion und verhindern durch ironische Kommentare ein übergroßes Pathos. Zwischendrin immer wieder originelle Einfälle, wie etwa die Sonderrolle der deutschen Kartoffel. […] Zudem werden die starken analytischen Wortspiele von Elfriede Jelinek durchgängig mit ganz viel Spielfreude kombiniert. Also wer Anstöße sucht und wen Anstößiges nicht abschreckt, der ist hier genau richtig.“ (Christine Gorny, Bremen Zwei, 15. Juni 2019)

„Doch im Grunde besteht die kongeniale Größe dieses Abends genau darin, Bilder so bockig ineinander zu verzahnen, dass nur das Gesamtbild zählt. Atmosphäre. Beklemmend. Die Summe, die sich eben nicht in Einzelteile vollständig auflösen lässt. Dieser Abend funktioniert wie einer dieser Songs, die so toll sind, und wenn man versucht, jemandem zu erzählen, warum eigentlich, stellt man fest – man kann das eben nicht festmachen an einer Basslinie, einem Schlag auf die Snare, einem Wummerwuppen. […] Was soll ich sagen: Setzen Sie sich rein. Überherzlicher Beifall – und das vollkommen zu Recht.“ (Tim Schomacker, Kreiszeitung, 16. Juni 2019)

„Nun flimmert das Zerkleinern [Schreddern von Beweismitteln] als Live-Stream über Leinwände, die eine karg schwarze, von drei Tribünen umstellte Spielfläche erweitern, die wohl am Ufer des Styx liegt. Ein Keyboarder putscht die Szenerie mit Dark-Wave-Geklimper und gesummter Wehmut schwerst melancholisch auf. Fünf schäbig schrille Endzeitpartytypen schlüpfen in die von Jelinek in der Fließtextfläche angedeuteten Sprecherpositionen – etwa Engel, Richter, Propheten – und nehmen zudem Haltungen der Figuren aus den zitierten Prozessprotokollen, journalistischen Berichten und aufgeschnappten O-Tönen ein. […] während von der Decke baumelnde Metallteile zum Wohnmobil, in dem sich die NSU-Männer selbst töteten, montiert werden. Aber nur als Karosserieskelett. Mehr Rekonstruktion der Wahrheit haben die jahrelangen Ermittlungen und der Prozess nicht erbracht.“ (Jens Fischer, nachtkritik, 15. Juni 2019)

„Unter anderem zetteln Karin Enzler, Stephanie Schadeweg, Irene Kleinschmidt, Nadine Geyersbach und Siegfried W. Maschek – alle agil & animierend aufgelegt – eine böse Märchenstunde an, führen Kasperletheater zwischen Dialekt und Dialektik vor – und dingen das Publikum zu Verdunkelungsspielen mit Masken, deren ausgestanzte Augen an, nun ja, Uwe Mundlos und die beharrlich Auskünfte verweigernde Titelfigur des Stückes denken lassen, ein schweigendes Mädchen namens Beate Zschäpe. Um sie, eine probate Projektionsfigur nicht nur der Medien und der rechten Szene, dreht sich dieser Wort-Gewalt-Zirkus, dessen unheimliche Effizienz darin besteht, dass die vermeintliche Protagonistin die Szene nicht betritt, sondern als beredte Leerstelle für Beklemmung sorgt. (Hendrik Werner, Weser Kurier, 16. Juni 2019)

„Überhaupt: Dass nach Nurkan Erpulats ‚Aus dem Nichts‘ (nach Fatih Akins Film) in dieser Spielzeit gleich noch ein NSU-Stück am Goetheplatz gespielt wird, ist ein starkes Signal. Nicht nur das: Storman ist mit ‚Das schweigende Mädchen‘ eine eindringliche Inszenierung gelungen, die sich querstellt gegen das Gewöhnen und gegen das Vergessen.“ (Jan-Paul Koopmann, taz, 22. Juni 2019)