THEATERBREMEN

Kleines Haus

Coexist

von Adrienn Hód - Hodworks / Unusual Symptoms

„Auf dem Altar der Kunst sind Dinge erlaubt, die im wahren Leben verboten sind. Das macht Kunst zu einem Spiel – einem Alibi, das uns auf freien Fuß setzt.“ (Adrienn Hód) – Adrienn Hód gilt als eine der wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen Tanzszene Ungarns. In ihren Arbeiten widmet sie sich auf spielerische und oft provokante Weise der Suche nach immer wieder neuen tänzerischen Formen und dramaturgischen Prinzipien. Nach einem viel beachteten Gastspiel beim Festival TANZ Bremen kehrt Adrienn Hód nach Bremen zurück, um mit dem Ensemble von Unusual Symptoms eine neue Arbeit zu kreieren. In „Coexist“ entfalten zehn TänzerInnen einen so hinterlistigen wie gnadenlosen Blick auf die politischen und gesellschaftlichen Setzungen, in denen sich ihre Körper bewegen und von denen sie geformt und beeinflusst werden. Mit schwarzem Humor und einer ekstatischen Tanzsprache halten sie der Gegenwart kompromisslos den Spiegel vor. Zwischen empathischen Gesten und dem ambivalenten Spiel mit Tabus und Konventionen, persönlichen Geschichten und gesellschaftlichem Diskurs konfrontieren sie das Publikum mit den Grenzen seiner Wahrnehmung und fordern es heraus, eigene Klischees und Positionen in Frage zu stellen und neu ins Verhältnis zu setzen.

Produktion: Theater Bremen, OFF Foundation.
Mit Unterstützung des Internationalen Koproduktionsfonds des Goethe Instituts, der Conrad Naber Stiftung und der Workshop Foundation. In Koproduktion mit Trafó House of Contemporary Arts, Budapest.

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Pressestimmen

„‚Coexist‘ ist ein 90 Minuten dauerndes Kunstwerk. Größer, beeindruckender und auch realistischer, als es in irgendeinem Museum ausgestellt sein könnte. Etwas, das im Detail betrachtet werden will und sich nach und nach dem Betrachter öffnet, bis man fast erschlagen wird. Aber das ist gut so. […] Schauen Sie sich diesen Abend an! Lassen Sie sich darauf ein – und wenn es nicht sofort in Ihrem Kopf zu rattern anfängt, dann nehmen Sie das gesehene mit nach Hause. Denken Sie drüber nach. Schlafen Sie drüber, reden Sie drüber. Ändern Sie etwas im Leben!“ (Marcus Behrens, Bremen Zwei, 25. Mai 2019)

„So ein stürmischer Jubel war im Kleinen Haus des Theaters Bremen lange nicht mehr zu vernehmen. Mit Beifallskundgebungen, deren Lautstärke dem peitschenden Live-Soundtrack des ungarischen Medienkünstlers Ábris Gryllus kaum nachstand, hat das Premierenpublikum am Freitagabend ‚Coexist‘ gefeiert, eine ebenso betörende wie verstörende Arbeit der ästhetischen Grenzgängerin Adrienn Hód aus Budapest. […] Es wäre wünschenswert, würde Hód in absehbarer Zeit erneut mit einer so rigorosen, rabiaten und radikalen Arbeit am Theater Bremen gastieren.“ (Hendrik Werner, Weser Kurier, 27. Mai 2019)

„Ein dunkles Grollen wie von Insektenschwärmen entschwebt dem DJ-Pult von Ábris Gryllus. Er sorgt dafür, dass die greinende Büßerschar verstummt und wie Käfer auf einer vibrierenden Lautsprechermembran über den Tanzboden hüpft. Aus den Performern werden Überwältigte, aus der Provokation ein Parcours für ausdauernde Athleten, die einbeinig über den Boden tanzen, als würde er schwingen und federn wie eine Membran. Es gibt keinen stabilen Grund, keine feste Gewissheit, nur ein Erdbeben. Die Welt folgt einem unerbittlichen Gesetz der Dynamik: Aus dem Chaos der Hüpfer und Werfer wird in den allerletzten Minuten dieses sehenswerten Anderthalbstünders ein Gleichschritt.“ (Arnd Wesemann, Tanz, Juli 2019)

„Zum Ende einer Saison, die die Tanzsparte am Theater Bremen im Umbruch zeigt, belohnt das Premierenpublikum Hods Arbeit mit ungewöhnlich ausdauerndem, begeistertem Applaus. Der gilt einem Theaterabend, der, wir deuteten es eingangs an, durch viel Entblößung auffällt, die ausdrücklich auch politisch kodiert ist. In der zweiten einer Reihe solistischer Miniaturen, mit denen „Coexist“ eröffnet, ist Jessica Simet, eine von zwei Gästen aus Ungarn, mit einem Koffer zu sehen, mit dem sie ihre Nacktheit kunstvoll verbirgt. Um am Ende ihr Solo der Zensur zu widmen.“ (Rolf Stein, Kreiszeitung, 29. Mai 2019)

„Die Kompagnie Unusual Symptoms und die ungarische Choreographin Adrienn Hód setzen mit dem aktuellen Tanzstück Coexist ein kritisches Statement zur politischen Lage. Nicht nur in Ungarn, sondern in der ganzen Welt. […] Als Publikum bleiben wir ergriffen, betroffen und gleichzeitig glücklich zurück. Der Premierenapplaus spiegelt diese Gefühle wider. Coexist trifft uns mitten ins Herz.“ (Renate Strümpel, frauenseiten.de, 25. Juni 2019)

Diskurs

AUF DEM ALTAR DER KUNST
Die Choreografin Adrienn Hód

„When are our experiences and sensations legitimate? Many human feelings or states are 'forbidden', not allowed to be shown. Art can be an alibi for all this. On the altar of art you can do things that are forbidden in real life. Thus, art is a game, an alibi that sets us free.“ (Adrienn Hód)

Adrienn Hód liebt das Spiel mit dem Tabu. Ob sich die ungarische Choreografin wie in ihrer Produktion „Dawn“ (2014) mit der radikalen Erkundung nackter Körper beschäftigt, in „Conditons of Being a Mortal“ (2015) Extremzustände emotionalen und sprachlichen Ausdrucks beschwört oder ihre TänzerInnen in „Grace“ (2016) – der Arbeit, mit der sie 2017 beim Festival TANZ Bremen gastierte – als schrille Revuefiguren in einen ekstatischen Bewusstseinsstrom zwischen persönlichen Geschichten und Fragmenten gesellschaftlicher Gegenwartsdiskurse schickt: Stets versucht Hód, die Grenzen performativer Darstellung zu verschieben und hinter den Konventionen von Blicken und Erwartungen neue Seh- und Erzählräume aufzuschließen. Die Choreografin betrachtet das Theater als geschützten Raum, in dem Themen und Diskurse bis in die äußersten Winkel ihrer Ausdehnung erforscht und künstlerisch sichtbar gemacht werden können. Die Bühne wird bei ihr zur Spielfläche, auf der sie Zusammenhänge von Körper, Raum und Musik stets aufs Neue dekonstruiert und in überraschenden Anordnungen neu zusammenfügt, die sich der eindeutigen Festlegung und Deutung ihrer Zeichen konsequent entziehen. So finden ihre Stücke zu immer wieder völlig neuen tänzerischen Formen und dramaturgischen Prinzipien, die den zeitgenössischen Tanz in seinen Möglichkeiten des Ausdrucks radikal weiterdenken. Diese Freiheit des Ausdrucks, die losgelöst von Konventionen und Konsequenzen des „realen Draußen“ funktioniert, ist die Grundbedingung für die spielerischen Versuchsanordnungen, die Adrienn Hód in ihren Arbeiten stets zu erzeugen sucht.

„It is a space of openness, community and knowledge. Additionally, we get the chance to meet different people and different contents. We are free to develop questions or opinions, and we simply remind ourselves again and again of the life we live. We can show otherness, similarity, opposition and acceptance and may also get direct answers to all these things, in the form of the audience’s reception and reaction.“ (Adrienn Hód)

Die Beharrlichkeit, mit der Adrienn Hód und ihre 2007 gegründete Kompanie Hodworks immer wieder den Bruch mit konformen Vorstellungen zeitgenössischer Kunstproduktion suchen, ist umso bemerkenswerter, wenn man sich das derzeitige politische Klima in Ungarn vergegenwärtigt. Dieses wirkt sich unmittelbar auf die Bedingungen aus, unter denen die mehrheitlich in Budapest angesiedelten frei produzierenden Tanz- und TheaterkünstlerInnen arbeiten. Deren Situation hat sich in den vergangenen Jahren trotz gelegentlicher Zugeständnisse stetig verschärft. Offene Zensur findet zwar bislang nicht statt, doch zeigen die wiederholten Beispiele öffentlicher Kampagnen gegen einzelne Inszenierungen und KünstlerInnen, dass der Druck stetig zunimmt. Mit der Einstufung des Regisseurs Árpád Schilling als Staatsfeind hat die Regierung unter Viktor Orbán im Herbst 2017 gezeigt, dass sie vor der öffentlichen Diffamierung unliebsamer Stimmen nicht zurückschreckt. Im Falle der Inszenierung des Musicals „Billy Elliot“ an der ungarischen Staatsoper führte die homophobe Kampagne regierungsnaher Medien im vergangenen Sommer zur Absage mehrerer Vorstellungen. Und mit Attila Vidnyánszky bekam das Nationaltheater in Budapest bereits 2013 einen neuen Intendanten, dessen Berufung als Versuch der Etablierung eines nationalkonservativen Programms an Ungarns größtem Theaterhaus eingeordnet wurde. Die Arbeit kritischer KünstlerInnen indes wird durch die Verunsicherung von Produktionsstrukturen eingeschränkt – beispielsweise durch die sukzessive Verringerung finanzieller Förderung: Wer als TheatermacherIn unter dem Eindruck schwindender künstlerischer und gesellschaftlicher Freiräume in Ungarn weiterhin frei produzieren möchte, unterliegt entweder den Mechanismen der Selbstzensur, ist auf ein internationales Produktionsnetzwerk angewiesen oder muss schlicht mit einem Bruchteil der benötigten Förderung auskommen.

Waren frühere Arbeiten von Adrienn Hód noch ganz der Suche nach neuen Formen und Methoden und primär dem Körper und den unterschiedlichsten Perspektiven auf ihn verpflichtet, hat sich spätestens mit „Grace“ eine neue Komponente für die Arbeit der Choreografin erschlossen: Der Umgang mit Sprache und versprachlichtem Diskurs. Es ist der Eindruck, angesichts der politischen wie gesellschaftlichen Umwälzungen der Gegenwart nicht länger schweigen zu können, der ihre PerformerInnen fortan auch sprechen lässt und die Dringlichkeit ihrer Arbeiten unterstreicht. Den Verhältnissen hält Adrienn Hód einen Spiegel vor, der sich gegen konforme Rezeptions- und Interpretationsmuster verwehrt und dazu auffordert, sich immer wieder neu zu begrifflichen Rahmen, persönlichen Erfahrungen und Körperbildern ins Verhältnis zu setzen. Nie geht es ihr dabei um bloße Provokation, sondern stets um die Frage, unter welchen Bedingungen sich Gemeinschaften organisieren, inwiefern wir bereit sind, Ambivalenzen auszuhalten und mit mitunter schmerzhaften Wahrheiten umzugehen. Dabei betonen Hóds Arbeiten die Komplexität und Radikalität des persönlichen Ausdrucks und legen die vielschichtigen Konstrukte von Identität offen, die sich jeder ideologischen Vereinnahmung verwehren. Die Choreografin fordert ihr Publikum heraus, in dem sie es mit den Grenzen seiner eigenen Artikulationsfähigkeit konfrontiert und dabei immer wieder auch die Frage stellt, welcher Wert der Kunst als Spiegel und Störerin der Verhältnisse beigemessen wird. Die Frage nach dem, was wir auf einer Bühne bereit sind zu akzeptieren, knüpft sich unmittelbar an die Frage danach, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen. Es ist die untrennbare Verbindung von gesellschaftlicher Freiheit und künstlerischer Autonomie, die in vielen der jüngeren Arbeiten von Adrienn Hód und Hodworks mitschwingt – und deren Verteidigung und mögliche Rückerlangung sich dabei stets miterzählt.

Gregor Runge


IM MITTELALTER HÄTTE MAN MICH ALS HEXE VERBRANNT
Interview aus Theater der Zeit
von Adrienn Hód und Csaba Králl
Tanz in Ungarn – Adrienn Hód, Gründerin und Choreografin der Gruppe Hodworks, im Gespräch mit Csaba Králl

Adrienn Hód, seit wann betrachten Sie sich selbst als Choreografin?

Praktisch seit der Zeit, als ich mit dem Tanzen aufgehört habe, also ungefähr ab meinem dreißigsten Lebensjahr. Ab da betrachtete ich schon von außen, was die anderen tun. Ich tanzte nicht mehr vor, sondern bewegte die Tänzer mit Worten und anderen Praktiken. Früher konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, zu choreografieren, indem ich nur sitze, rede und zeige. Die Choreografie ist für mich ein theoretisches Genre, ich brauche meinen Körper und seine Erfahrung, aber Tanz entsteht aus Gedanken und nicht umgekehrt. Aus einer anderen Sicht wurde ich Choreografin, als ich das Gefühl hatte, dass ich einen Beruf habe, der gleichzeitig eine Verdienstmöglichkeit ist. Davon habe ich Ahnung, das ist mein Handwerk, wie bei einem Meister, der einen Stuhl anfertigen kann.

Sie arbeiten nicht nur als Choreografin, sondern auch als Tanzpädagogin. Sie unterrichten regelmäßig an der Budapester Zeitgenössischen Tanzhochschule, und auch Ihre Gruppe Hodworks hat ein pädagogisches Programm, womit Sie durch das Land touren. Wie unterrichtet man heutzutage Tanz?

Adrienn Hód: Mein Trick ist, dass ich nicht die Rolle der Pädagogin einnehme, sondern versuche, direkt zu sein. Damit die Schüler sehen, dass ich den Mut habe, alles zu machen, ich bin frei, sowohl emotional als auch gedanklich, physisch und verbal. Das befreit sie sehr. Sie öffnen sich viel leichter, wenn ich auch ein bisschen schräg bin. Die Arbeit mit meiner Gruppe färbt oft auf den Unterricht ab und umgekehrt. Es gibt eine Wechselwirkung, eine Rückkopplung zwischen den beiden Dingen. Oft bringe ich Aufgaben von der Arbeit mit meiner Truppe zum Unterricht mit. Es interessiert mich, wie die Kinder auf diese Fragestellungen reagieren und welche Antworten sie darauf geben.

Sie haben Ihre Gruppe Hodworks vor mehr als zehn Jahren, im Jahr 2007, gegründet. 2011 hat sich viel verändert. Sie haben angefangen, als ein professionelles Ensemble zu funktionieren, nach einer bestimmten Methode zu arbeiten, abendfüllende Choreografien zu produzieren und zu präsentieren. Dann kamen auch internationale Erfolge, Gastspiele und Festivaleinladungen. Wie sehen Sie diese zwei Perioden?

Adrienn Hód: 2007 startete ein wichtiges Projekt mit dem Titel „Die Erforschung des Unbekannten“, das brachte uns ein großes Stück weiter, weil wir frei experimentieren konnten. Zu diesem Zeitpunkt fing ich an, zu verstehen, was es bedeutet, ohne Produktionszwang zu forschen. Das befreite mich. Dann entstand daraus zwar doch noch eine Aufführung, aber es hat in mir vieles gelockert. Ich fing an, die Vorstellung als Form anders zu behandeln. Damals konnte ich loslassen, ich wollte nicht erfolgreich sein, sondern nur experimentieren; am radikalsten 2010 mit dem Stück „Alltägliche Routine“, damals hörten wir auf, Förderung zu beantragen. Wir fuhren aus Berlin von einem Residenzaufenthalt zurück, und ich sagte, ich brauche kein Ensemble, ich werde kein Stück mehr machen. Ich wollte nicht mit dem Choreografieren aufhören, aber ich ertrug das Hinterherhecheln nach Förderungen nicht mehr. In vier Monaten hatten wir dann um die sechs Präsentationen. Das waren keine „richtigen“ Vorstellungen, sondern Präsentationen, eine Reihe mit dem Titel „Alltägliche Routine“.
Ab 2011 mit dem Stück „Basse danse“ gab es viele Veränderungen. Die Probenprozesse dauerten ein bis zwei Jahre, zu dieser Zeit wurde Hodworks zu einem richtigen Ensemble. Zu den Tänzerinnen – Júlia Garai und Emese Cuhorka – gesellten sich die großartigen Tänzer – Csaba Molnár, Marco Torrice und Márcio Canabarro –, es entwickelte sich ein belastbarer Kern, auf den ich mich auch als einen kreativen Partner stützen konnte. Die Arbeit eines Choreografen ist immer mit Verantwortung verbunden. Mit wem arbeite ich zusammen, wie lange und was ist unser Ziel. Es wird nicht ausgesprochen, aber wenn es ernst wird, die Energien sich verdichten und auch die Tänzer die Situationen auf sich nehmen, dann darf ich mit Zeit, Energien, Menschen und Geldern nicht spielen. Das ist Verantwortung. Es ist eine Last, gleichzeitig aber irgendwie auch ein gutes Gefühl. Doch das System bedingt vieles, was in diesem Bereich passiert. Ich mag eher engere Rahmen, weil dann der Druck für mich nicht so hoch ist und ich freier scheitern kann.

Wie fangen Sie eine neue Choreografie an? Was bewegt, inspiriert Sie, was macht Sie neugierig?

Adrienn Hód: Das ist keine exakte, eher eine magische Sache. Es gibt keine bewährte Methode. Die Idee zu „Grace“ entstand während eines Sommers. Damals gab es die erste große Flüchtlingswelle, die Stadt war voll mit Geflüchteten. Es liefen Hetzkampagnen gegen sie, und ich fühlte mich machtlos. Ich war sehr wütend. Wir beugen uns im Probenraum nach rechts oder links, aber ich kann in der Welt nichts verändern. Ich wollte alles vom Dreck befreien, da ich irgendwie an das menschliche Gute, an die Bereinigung der Seele, die Kraft der Beichte und die Macht der Erlösung von den Sünden glaube. Deswegen wurde der Titel des Stückes „Grace“. Bei „Sunday“ hat mein Denkprozess begonnen, als ich mit László Jeles Nemes an seinem neuen Film „Sunset“ arbeitete. Ich sollte die Choreografie machen und recherchierte im Budapester Tanzarchiv über Etikette und Tänze der Jahrhundertwende. Ich fand sehr spannende Beschreibungen darüber, wie es sich schickte, zu tanzen. Moral, Etikette, das totale Reglement. Das Gegenteil von dem, was ich mache! Hätte ich damals gelebt, hätte man mich mindestens zur Verrückten erklärt, im Mittelalter sogar als Hexe verbrannt.

Ihren Arbeiten gehen immer eine Phase des Experimentierens und ein langer Prozess von Improvisationen voraus. Aus welchen Phasen besteht diese Periode?

Adrienn Hód: Der Improvisationsprozess besteht immer aus drei Phasen. Während der ersten beiden gebe ich den Tänzern kein Feedback, sondern mache Notizen und versuche, das Gesehene zu strukturieren. Ich stelle Aufgaben, inspiriere sie, also es gibt einen Maßstab und einige Richtungen, aber keine Rückmeldung von mir. In der zweiten Phase bleiben die Improvisationen in einem engeren Rahmen, allerdings hier auch ohne Feedback. In der dritten Phase gibt es gute oder schlechte „Antworten“. Danach bauen wir das Stück zusammen. Diese letzte Phase ist am schwierigsten, weil ich auch zwischen den Tänzern balancieren muss, damit jeder die geeignete Aufgabe bekommt. Da bin ich auch als Pädagogin gefragt.

Seit Ihrem „Basse danse“ im Jahre 2011 sind sechs weitere Stücke entstanden, in denen Nacktheit vorkommt. Inzwischen ist Nacktheit in Ihren Arbeiten so natürlich wie woanders das Kostüm.

Adrienn Hód: Ich möchte den Körper von Vorurteilen befreien. Den Körper so zeigen, wie er ist. Nacktheit ist nicht immer sexuell, sie ist die natürlichste Sache der Welt. Ich bewundere den Körper, für seine Vollkommenheit, es ist alles dran. Fett, Muskulatur, Haut, Proportionen, Knochensystem, Schweiß. All dies verschwindet, wenn sich jemand anzieht. Für mich ist die Nacktheit die Kleidung selbst. Evidenz des Körpers. In manchen Situationen stört mich die Kleidung an den Tänzern, weil ich keine andere Bedeutung auf sie packen möchte als das, was an ihren Körpern sichtbar ist. Der nackte Körper ist gleichzeitig schön und absurd, ist voller Perspektiven. Es geht mir nie darum, den Zuschauer damit zu provozieren.

Aber Sie holen den Zuschauer gern aus seiner Komfortzone und bestimmen auch dessen Fokus sehr gründlich.

Adrienn Hód: Mich beschäftigt immer, wie ich denjenigen, der die Vorstellung schaut, in die beste Position bringen kann. Ich gehe in den leeren Theatersaal, setze mich und stelle mir vor, in was für einem Raum die Vorstellung am besten funktionieren könnte. Bei „Morgendämmerung (Pirkad)“ hatte ich das Gefühl, dass alle der Bühne ganz nahe sein müssen. Auch „Solos (Szólok)“ sind so konzipiert, dass die Zuschauer rundherum sitzen, aber dort wollte ich nicht mal eine zweite Reihe haben, weil es schon ein ganz anderes Gefühl ist, wenn jemand vor uns sitzt. In „Sunday“ keilt die Bühne in V-Form mitten die Zuschauer. Der Raum ist ein lebendiger Teil der Vorstellung, man muss damit arbeiten.

Was wären Sie gerne, wenn nicht Choreografin? Als was könnten Sie sich noch vorstellen?

Adrienn Hód: Oh, ich könnte mir viele Berufe für mich vorstellen! Beispielsweise Krankenschwester, die auch alle schmutzigen Sachen erledigen muss. Oder Gemüsehändlerin. Ich liebe den Markt, Gemüse und Obst, ihre Strukturen. Ich wäre auch gerne Politikerin, weil in mir eine ständige Rebellion ist. Sagen wir, eine Politikerin in Opposition. Eine, die ewig in Opposition bleibt.

Übersetzung aus dem Ungarischen von Réka Gulyás.

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