THEATERBREMEN

Kleines Haus

Spektrum

von Máté Mészáros / Unusual Symptoms

Die Arbeiten des ungarischen Choreografen Máté Mészáros sind geprägt von hoher körperlicher Intensität und einem forschenden Umgang mit dem Verhältnis zwischen Choreografie und Publikum. Nachdem er sich 2016 mit NEXTtoME erstmals in Bremen vorgestellt hat, kehrt er nun für seine zweite Arbeit mit Unusual Symptoms zurück. Für Spektrum kreiert das Bremer Videokunst-Kollektiv Urbanscreen einen Raum, der durch das Spiel mit Video und Licht verblüffende Perspektivwechsel erzeugt. Zwischen Bühne und White Cube, Choreografie und Installation entwickelt Mészáros ein Spiel mit der Distanz zwischen Raum, Körper und Sound, das Erwartungen hinterfragt und unsere gewohnte Wahrnehmung auf eine reizvolle Probe stellt.

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Pressestimmen

„Stell' Dir vor, Du gehst ins Theater, ins Tanztheater, hast Deinen Platz auf der Tribüne gefunden, schaust auf eine fast leere Bühne – nur ein weißer Boden, der an eine weiße Wand anschließt sind dort zu sehen – und plötzlich… sitzt Du mitten in einem Kunstwerk. Und das Kunstwerk lebt! Gestern Abend trafen sich das Ensemble Unusual Symptoms, Gastchoreograf Máté Mészáros, der Jazzmusiker und Multiinstrumentalist Àron Porteleki und die Videokünstler des Bremer Welterfolgs „Urbanscreen“ […] Aber anders als sonst, haben sie nicht nur viele Wochen daran gearbeitet, dass gestern Abend was zu sehen war auf der Bühne – sie waren auch Teil der Performance… aber: Performance ist das falsche Wort! Es war ein Gesamtkunstwerk – und ich saß mittendrin!“ (Marcus Behrens, Bremen Zwei, 25. Oktober 2019)

„Schon bei seinem Bremer Debüt umspielte die Choreografie ein ums andere Mal auf subtile Weise die porösen Grenzen zwischen Innen und Außen, Leben und Tod, Licht und Schatten, Dasein und Fortgang. Für seinen jüngsten Streich verbleiben die wohltuend aufgeschlossenen, ja experimentierfreudigen Tänzerinnen und Tänzer der Bremer Kompanie Unusual Symptoms in diesen und anderen Grenzbereichen, erkunden sie und die von ihnen hervorgebrachten Erscheinungen, ja schlüpfen gleichsam in sie hinein wie in eine Decke, die, zumal für durchlässige Schläfer, die Welt des Traumes von der sogenannten Realität trennt. […] Weithin hörbar ist auch der Zuspruch des Publikums für dieses weitgehend gelungene Gesamtkunstwerk.“ (Hendrik Werner, Weser Kurier, 26. Oktober 2019)

„Projektionskünstler der Bremer Zauberwerkstatt Urbanscreen kreieren mit prismatisch gebrochenen Strahlen, verwirrten Scheinwerferspots sowie changierenden Farb- und Formspielen ständig neue, stetig sich verändernde Bühnenräume allein aus Licht – damit, darin, dagegen muss sich das Ensemble behaupten. [… ] Jazz-Schlagzeuger Áron Porteleki putscht nun live einen freien rhythmischen Puls zum Exzess, grandios!“ (Jens Fischer, taz, 2. November 2019)

„Eine strahlend helle Mischung aus Performance, Tanz und Projektion, die nicht nur dem Ensemble Unusual Symptoms einiges abverlangt, sondern auch dem Publikum. Denn dieses Gesamtkunstwerk ist nur schwer zu fassen, changiert thematisch irgendwo zwischen körperlicher Grenzerfahrung, (Alb)Traumsequenz, Licht- und Schattenspiel. […] beeindruckendes Tanztheater. “ (Mareike Bannasch, Kreiszeitung, 28. Oktober 2019)

Diskurs

Einen Raum aus Licht bauen
Gregor Runge im Gespräch mit Till Botterweck und Ana Romão

Die vielfach ausgezeichneten Videokünstler*innen des in Bremen ansässigen Design-Studios Urbanscreen haben sich einen Namen als führende Wegbereiter*innen von Projection-Mapping-Installationen gemacht. Ihre multimedialen Arbeiten befassen sich mit der Schnittstelle von Videokunst und Architektur und befragen die Art und Weise, wie wir unsere Umgebung wahrnehmen. Die Arbeiten von Urbanscreen werden weltweit auf Festivals und in Ausstellungskontexten gezeigt. Unter anderem haben Urbanscreen das Opernhaus in Sydney, den Parlamentspalast in Bukarest und den Gasometer Oberhausen in riesige Videokunst-Installationen verwandelt. Für „Spektrum“ haben sie nun ein Bühnenbild aus Licht entwickelt.

Als Máté Mészáros die Idee entwickelte, für „Spektrum” einen Bühnenraum zu kreieren, der hauptsächlich aus Licht besteht, haben wir überlegt, wer wissen könnte, wie das geht – einen Raum aus Licht zu bauen. Es hat nicht lang gedauert, bis uns Urbanscreen in den Sinn kam.

Till Botterweck (lacht): Ja, im Grunde machen wir genau das – wir bauen Räume aus Licht. Normalerweise arbeiten wir mit Architektur oder Skulpturen, die wir mittels Licht in die Illusion sich verändernder Strukturen verwandeln. Für uns ist es sehr interessant, diese Arbeitsmethode auf Theater und Tanz anzuwenden, weil uns ein Theaterraum einen noch viel radikaleren Zugriff erlaubt. Im urbanen Raum ist man ständig abgelenkt, vom Straßenlicht beispielsweise oder von Passant*innen. Ein Theaterraum lässt sich auf viel radikalere Weise manipulieren, weil man darin die volle technische Kontrolle über fast alles besitzt.

Wenn ihr mit Architektur arbeitet, nutzt ihr Videoprojektionen, um die Illusion zu erzeugen, dass etwas eigentlich Unbelebtes lebendig wird. In einigen dieser Projekte habt ihr für die Projektionen bereits mit Tänzer*innen gearbeitet.

Botterweck: Das stimmt. In den ersten Jahren von Urbanscreen haben wir oft mit Tänzer*innen gearbeitet, weil wir uns sehr für die Interaktion von menschlichen Körpern und Architektur interessiert haben und herausfinden wollten, ob dieses Zusammenspiel zu einer verstärkten emotionalen Bindung zwischen dem Publikum und einem Gebäude führen kann. In der Zusammenarbeit mit den Choreograf*innen, habe ich mit der Zeit verstanden, dass das choreografische Denken über Bewegung unserem Denken über Bilder sehr ähnelt. In beiden Fällen geht es oft um Linien und Formen, um Komposition und musikalische Beziehungen. Wenn wir ein Video und ein Gebäude in ein Zusammenspiel miteinander bringen, erinnert mich das sehr daran, wie ein*e Choreograf*in Bewegung und Raum zusammenbringt. Man könnte also sagen, dass unsere Videoprojektion in gewisser Weise selbst wie eine Art Tanz funktionieren.

Ana Romão: Als Designerin ist es für mich gerade sehr interessant, unmittelbar mit Tänzer*innen zusammenzuarbeiten und nicht einfach nur Bilder von ihnen auf eine Wand zu projizieren. Zu sehen, wie eine Projektion mit dem menschlichen Körper interagiert, wie sie quasi selbst auf dem tanzenden Körper zu tanzen beginnt – das ist sehr aufregend. Eine Linie oder ein Muster über einen Körper laufen zu lassen, ist als würde man ihn besser verstehen, als würde man ihn in all seinen Details vermessen und dadurch all seine Informationen offenlegen. Und diese Informationen wiederum beeinflussen den Inhalt, den ich mit dem Video selbst erzeugen möchte.

Und im Theater zu arbeiten hilft euch dabei, diese Ideen in einem radikaleren Sinne umzusetzen?

Romão: Dadurch, dass wir im Theaterraum eine so weitreichende Kontrolle über die Lichtsituation haben, können wir mit unserem Material sehr viel stärkere Illusionen erzeugen und die Wahrnehmung des Publikums vollkommen verändern. Licht und Video sind sehr effektive Instrumente dafür. Máté interessiert sich sehr für die Beziehung zwischen Körper, Bewegung und Raum und sucht nach einer nahezu hypnotischen Erfahrung für das Publikum. Mit unseren Werkzeugen können wir dieser Suche etwas hinzufügen, das mit normalem Licht oder physischen Objekten nicht möglich wäre.

Botterweck: Im Gegensatz zu „normalem” Licht können wir mit Video eine sehr viel detailliertere und präzisere Umgebung schaffen. Von der reinen Leuchtkraft her kann ein Projektor mit einer „normalen” Lampe nicht konkurrieren – aber die Arbeit mit Projektion bietet eine vollkommen andere Bandbreite an Möglichkeiten. Und es bringt eine ganz spezielle Poesie mit. Denn man weiß ja, dass das, was eine Projektion zeigt, nicht real ist – und dennoch entfaltet es im Kopf eine immense Wirkung.

Wie verbinden sich Projektionen und Choreografie? Spielen da auch narrative Aspekte eine Rolle?

Romão: Für mich geht es weniger um Narrative, als vielmehr um eine emotionale und sich von den Sinnen ableitende Erfahrung. Als wir im Juni gemeinsam mit den Tänzer*innen die ersten Try-Outs unternommen haben, war ich sofort vollständig von dem Zusammenspiel von Tanz, Sound und Projektion eingenommen. Mit äußerst simplen Visuals konnten wir bereits Sachen probieren, die mich sehr berührt haben. Projektionen funktionieren in dieser Hinsicht wirklich sehr gut.

Botterweck: Ein wesentlicher Ausgangspunkt für Mátés Arbeit an der Choreografie ist das Spiel mit Distanzen. Mit unseren Werkzeugen stellen wir Möglichkeiten für dieses Spiel bereit, verändern den Raum von einem Moment auf den Nächsten, stellen ein Gefühl von Nähe her, nur um im nächsten Augenblick den Eindruck großer Entfernungen aufzurufen. Wir versuchen, für dieses Projekt unsere eigene künstlerische Sprache zu finden und sie mit Mátés choreografischen Tools zu verbinden. Und sobald wir diese Verbindung gefunden haben, dekonstruieren wir sie wieder, gehen einen Schritt weiter, finden etwas Neues. Im Ergebnis trägt das fast schon meditative Züge. Indem wir einen immersiven Raum herstellen, stellen wir auch bei den Zuschauer*innen eine bestimmte Stimmung her, erweitern ihre Wahrnehmung. Sobald man das einmal geschafft hat, können die kleinsten Dinge einen äußerst starken Effekt haben, hin zu einer Dramaturgie, die durch etwas vollkommen anderes bestimmt ist als eine Geschichte.

Eine Dramaturgie der Sinne?

Botterweck: So ähnlich, ja. Unser Ziel ist, die Wahrnehmung der Zuschauer*innen zu schärfen, so dass sie nach der Vorstellung das Gefühl haben, dass ihre Sinne etwas anders funktionieren als zuvor. Das ist letztlich auch der Grund, warum wir tun, was wir tun: Wir möchten etwas sehen, das wir davor noch nicht gesehen haben. Und wenn das für uns funktioniert, sind die Chancen hoch, dass es das auch für das Publikum tut. Ich hoffe, dass am Ende dieser Produktion alle Aspekte, die darin eine Rolle spielen, zusammenkommen und daraus etwas Neues, Eigenständiges erwächst. Denn wenn so viele verschiedene Leute wie hier zusammenkommen, um gemeinsam kreativ zu sein, dann ist das eine große Herausforderung. Und das macht es so spannend.