Ein Stück zu Verschwörungserzählungen erscheint im Kontext von Corona wie das Stück der Stunde. Dabei sind die Pläne für C0N5P1R4.CY natürlich älter. Wie war die Situation zur Zeit der Themenfindung und wie gehst du mit der über die letzten Monate entstandenen Aktualität um?

Konradin Kunze: Die Idee zum Stück stand im Zusammenhang mit dem rechtsradikalen Anschlag auf die Synagoge in Halle. Dann folgte der rassistische Anschlag in Hanau, beide Taten waren auch durch Verschwörungserzählungen motiviert. Es bestand also durchaus eine Aktualität. Durch die Covid19-Pandemie und die Proteste gegen die Maßnahmen der Regierung haben Verschwörungserzählungen mehr mediale Aufmerksamkeit bekommen. Das hat die Aufgabe, dazu ein Stück zu entwickeln, nicht leichter gemacht. Die Gefahr besteht, den Ereignissen hinterherzulaufen. Außerdem dachte ich: Das Letzte, was Menschen sehen wollen, wenn die Theater wieder öffnen, ist ein Stück über Corona. Darum haben wir uns entschieden, nicht direkt auf die konkrete Pandemie-Situation einzugehen.

Gerade bei gesellschaftspolitischen Themen besteht die Gefahr der Reproduktion von diskriminierenden oder menschenfeindlichen Inhalten. Was bedeutet das für diese Produktion?   

Konradin Kunze: Das ist ein Balanceakt. Einerseits wollen wir die Realität von Verschwörungserzählungen nicht ausklammern, andererseits kann die Reproduktion Menschen verletzen oder Verschwörungsgläubige in ihrer Weltsicht bestätigen. Darüber sprechen wir viel auf den Proben. Wichtig ist der Rahmen, in dem Inhalte und Äußerungen gesetzt werden. Wir versuchen mit Brüchen und Uneindeutigkeiten zu arbeiten. Im besten Fall gelingt es uns, das Publikum in die Erzählung hineinzuziehen und dennoch die Konstruktion und Mechanismen der Erzählung offenzulegen.

„Zufall“ ist ein Begriff, der im Theater und im verschwörungsideologischen Weltbild relevant ist. Dort heißt es, es gibt keinen Zufall. Im Theater wiederum weiß man um den Zufall, probt und inszeniert, um Zufälle zu vermeiden oder gezielt einzusetzen, bei aller Wiederholbarkeit bleibt aber die Zufälligkeit, Einzigartigkeit einer jeden Aufführung. Siehst du da Verbindungen? 

Konradin Kunze: Ja, beispielsweise im Herstellen von Zusammenhängen oder in der Verdichtung von Themen. Im Theater hat alles eine Bedeutung, alles hängt mit allem zusammen und folgt fast zwangsläufig aufeinander. Verschwörungsgläubige übertragen diese künstlerische Praxis auf das Weltgeschehen. Wenn aber alles im Leben zusammenhängt und einem geheimen Plot folgt, führt das zur Frage der Autorenschaft: Wer steckt dahinter? Dann landet man bei der kleinen Gruppe finsterer Verschwörer, die unser aller Leben inszeniert und steuert.   

Das Publikum folgt beim Aufführungsbesuch der Prämisse: alles hängt mit allem zusammen?

Konradin Kunze: ...und nichts ist zufällig. Das bekommen wir ja auch gespiegelt: Wenn tatsächlich mal etwas Ungeplantes auf der Bühne passiert, wird es vom Publikum oft als Teil der Inszenierung wahrgenommen.

Verschwörungserzählungen sind extrem beliebt in Film, Literatur und Theater, dabei ist ein Grundelement fast aller Verschwörungserzählungen Antisemitismus oder die leichte Anschlussfähigkeit an Antisemitismus. Antisemitismus selbst könnte man als die älteste Verschwörungsideologie bezeichnen. Was bedeutet das für eure Produktion?

Konradin Kunze: Die meisten Verschwörungserzählungen sind klar antisemitisch, auch wenn sich der Antisemitismus in Codes versteckt wie „internationale Finanzelite“ oder „New World Order“. Darüber hinaus lässt sich jede Verschwörungserzählung zu einer antisemitischen Erzählung ausbauen. Das ist unser Dilemma bei den Proben. Wir entwickeln ein Stück zu Verschwörungserzählungen, wollen dabei aber keinen Antisemitismus reproduzieren. Er ist der weiße Elefant im Raum. Er ist immer präsent, aber wie spricht man darüber?

Das war und ist ja auch immer wieder Thema bei den Proben. Die sind wiederum speziell, weil das Stück seit der Recherche mit dem Ensemble erarbeitet wird. Was bedeutet das konkret für die Entwicklung einer Inszenierung?  

Konradin Kunze: Das bedeutet, dass wir uns immer gemeinsam die Frage stellen, was wir wie machen wollen. Und dass wir viel über die mögliche Wirkung auf das Publikum nachdenken. Bei uns ist immer wieder Gesprächsthema, wie viel Verschwörungserzählung wir dem Publikum ungebrochen zumuten wollen. Das begleitet uns von Beginn an und wahrscheinlich werden wir bis zum Ende auch unterschiedliche Haltungen dazu haben. Aber der Prozess verlangt, dass alle ihren Standpunkt einbringen und letztendlich hinter dem stehen können, womit sie auf der Bühne stehen.  

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