Dem Düsteren die Lebenslust entgegensetzen
Schauspielerin Lieke Hoppe spricht mit Pressesprecherin Diana König über die Wiederaufnahme von Cabaret, ihre Rolle Sally Bowles und einiges mehr. Das Interview ist anlässlich der Kurt-Hübner-Preisverleihung für die Zeitschrift Bremissima entstanden, das Theater Bremen darf es freundlicherweise zweitveröffentlichen.
Nochmal „Herzlichen Glückwunsch“! Du wurdest kurz vor der Sommerpause von den Bremer Theaterfreunden mit dem Kurt-Hübner-Preis für künstlerisch besonders herausragende Leistungen ausgezeichnet. Was bedeutet dir das?
Lieke Hoppe: Das ist einfach unglaublich schön. Man macht das ja alles, um Menschen zu berühren und dass ich das so tun konnte, dass mir die Bremer Theaterfreunde einen Preis verleihen, ist schön.
Besonders hervorgehoben hat die Jury deine Leistung im Musical Cabaret, das Andreas Kriegenburg auf die Bühne gebracht hat. Du spielst die Hauptfigur Sally Bowles. Wer ist Sally?
Sally ist Engländerin und arbeitet im Kit Kat Club im Berlin der 20er/30er Jahre als Cabaret-Girl, Sängerin und Star des Clubs. Sie ist ein Lebemensch und nimmt alles mit, was sie an Freude, Lust, Spaß und Energie mitnehmen kann. Sie ist wild, frech und immer auf der Suche nach ihrer Freiheit. Dazu kommt eine innere Zerrissenheit, die sich, glaube ich, aus einer komplett gegensätzlichen Richtung speist – nämlich aus der Sehnsucht nach Sicherheit. Und dann begibt sie sich in eine Beziehung, in der sie auch bald schwanger wird und hofft vielleicht darin den richtigen Weg für sich zu finden. Am Ende muss sie aber feststellen, dass sich diese beiden Seiten in ihr nicht miteinander vereinbaren lassen – und dann wird es ganz schön düster.
Das Musical spielt in Berlin Anfang der 1930er Jahre, es erzählt von Armut und Sehnsucht, von einer Welt, in der alles möglich scheint und vom aufkeimenden Faschismus. Und das alles mit viel Musik, Tanz – wie spielt man in einem Musical über ein so ernstes Thema?
Andreas Kriegenburg ging es darum, die Lebenslust dem Düsterem entgegenzusetzen. Und diese Energie von Liebe und Freude, diese Energie des Miteinanderseins hilft uns darin, uns gegen diese Düsternis, gegen den Faschismus zu wehren. Je größer die Freude und Lebenslust sind, die wir als Ensemble produzieren, desto mehr spürt man auch die Gefahr, die da ist.
Mit Maybe this time I’ll be lucky eroberst du spätestens die Herzen des Publikums. Wie ist das, wenn du auf der Bühne stehst – merkst du da, ob der Saal gefesselt ist?
Ja, schon. Es ist aber auch prädestiniert, weil ich ganz oben stehe, mitten im Lichtspot, mitten in der Band, die mich dann mit der Musik trägt. Und das ist einfach auch wirklich eine total schöne und traurige Stelle, an der ich selbst immer – wirklich jedes Mal – von der Band Gänsehaut bekomme.
Am Theater Bremen bist du jetzt seit vier Jahren und hast schon in vielen Rollen begeistert. Davor hattest du Engagements in Dresden und Düsseldorf. Du bist gebürtige Bremerin – ist es was Besonderes, in der Heimatstadt auf der Bühne zu stehen?
Extrem. Es ist schon besonders, wenn ich in die Buchhandlung meiner Kindheit gehe und ich die Verkäuferin erkenne, wie ich sie immer erkannt habe, aber die Verkäuferin mich jetzt auch erkennt. Das ist schon ein schönes Gefühl.
Du warst als Kind häufig im Bremer Theater, hat dich das geprägt?
Auf jeden Fall. Ich habe dann ja selber auch mit der Bremer Kinder- und Jugendkantorei Stücke gespielt und man war so umgeben von Texten und Musik.
Du hast in Leipzig an der Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy Schauspiel studiert – hast du auch Gesangsunterricht gehabt?
Ja, es gab Gesangsunterricht. Da ging es aber mehr darum, wie man die Texte lyrisch während des Singens behandelt, weniger darum, dass man Gesangstechniken erlernt, es ging eher um Ausdruck.
Wie muss man sich so einen Probenprozess vorstellen: Wie entstehen die Szenen, die wir hinterher sehen?
Am Ende werfen wir uns einfach mit Mut und Lust und Offenheit auf die Probebühne, schauen, was passiert und dann schaut die Regie von außen, was funktioniert und was nicht. Im Fall von Cabaret war das eine wahnsinnig tolle und genaue Arbeit. Da wurde nichts dem Zufall überlassen, wir haben das richtig durchgebaut: Satz für Satz, Bewegung für Bewegung. Da geht es dann darum, dass in den Körper zu bekommen und wiederholen zu können.
Du spielst ja in verschiedenen Stücken in einer Spielzeit, mittwochs Ismene in Antigone, freitags Sally in Cabaret – wie macht man das, Text und Spiel richtig präsent zu haben?
Ich gehe den Abend vorher kurz vorm Schlafen immer einmal alles durch. Und dann ist es, ehrlich gesagt, Körpergedächtnis. Wenn man im Bühnenbild steht mit der richtigen Musik, mit der Maske im Licht, das ist immer ein anderes Körpergefühl und man erinnert sich und dann geht es los.
Wenn ein Stück nicht mehr gespielt wird, wie leicht ist es, das zu vergessen? Oder weißt du das auch drei Jahre später noch?
Das kommt total aufs Stück an. Ich könnte mir vorstellen, dass ich Cabaret auch noch in fünf Jahren weiß – auch wenn wir es dann nicht mehr spielen sollten.
Du bist nicht nur am Theater Bremen zu sehen – sondern auch im Film. Jetzt neulich hast du im Bremer Tatortmitgespielt. Magst du es, zu drehen?
Sehr. Das ist ganz anders als Theater, weil man sehr viel warten und dann in dem Moment vor der Kamera funktionieren muss. Dafür hat man aber eben auch die Möglichkeit, es nochmal zu machen. Das ist natürlich anders als beim Theater, wenn man da in der laufenden Vorstellung den Text vergisst, kann man nicht fragen, ob man nochmal von vorne anfangen kann.
Du bist jetzt 32 Jahre alt – denkst du über die Zukunft nach? Hast du Wünsche oder Pläne?
Ich habe Wünsche. Ich wünsche mir, dass es meiner Familie immer gut geht, das ist das wichtigste. Und ich wünsche mir weiterhin interessante Begegnungen, dass ich schöne Arbeiten mache, weiter diesen Beruf ausüben kann mit einem tollen Ensemble wie hier.
Cabaret nehmen wir Anfang Oktober wieder in den Spielplan, kannst du uns schon verraten, in welchen Rollen wir dich in den kommenden Monaten noch sehen?
Ich bin bei Sissy dabei, einer Operette von Fritz Kreisler. Da spiele ich den Franz. Danach kommt Krieg und Frieden mit Armin Petras – da freue ich mich sehr drauf.
Veröffentlicht am 25. September 2025.