Der Weg entsteht im Gehen.
Michael Börgerding wurde im November 2025 posthum die Senatsmedaille für Kunst und Wissenschaft verliehen. Ulrich Khuon, Theatermensch, Freund und langjähriger Weggefährte Michael Börgerdings, hielt die Laudatio.
Zu Beginn der Dreharbeiten von Wim Wenders Film Der Himmel über Berlin war Bruno Ganz, der einen Engel spielen sollte, verzweifelt: „Hey Wim, ich kenne diesen Typ nicht. Er hat keinen Lebenslauf, keine unglückliche Kindheit. Wie spielt man einen Engel?“ Wenders erwiderte: „Man muss die Menschen lieben und versuchen, ihnen zu Diensten zu sein.“ Damit konnte Bruno Ganz etwas anfangen.
Diese Szene kam mir beim Nachdenken über Michael Börgerding in den Sinn, „die Menschen lieben und versuchen, ihnen zu Diensten zu sein“ war ein starker Beweggrund seines Lebens und seiner Theaterarbeit. Etwas anderes kommt hinzu. Die Engel in Wenders‘ Film sind voller Empathie und müssen doch Abstand halten zu den Menschen. Sie dürfen sich nicht einmischen in ihr Leben. Das ist in einem Theater sehr ähnlich. Was ist das für ein Abstand, der Nähe zulässt, Handeln aber nicht erlaubt? Wie hält man das aus?
Auch darüber hat Michael Börgerding nachgedacht. In einem seiner letzten Editorials, mit denen er über einen langen Zeitraum hinweg die Theaterarbeit in Bremen begleitete, sprach er von der „Handlungshemmung“, dem Zögern, das den Raum zwischen dem Impuls etwas zu tun und der Handlung ausfüllt und welches für jede zivilisierte Gemeinschaft von großer Bedeutung ist. Er sprach dabei über viele literarische Figuren wie William Shakespeares Hamlet, Hans Castorp in Thomas Manns Zauberberg oder Robert Musils Mann ohne Eigenschaften und sprach auch über sich selbst, und seine besondere Art das Theater zu leiten. Er nahm sich Zeit, er schenkte Vertrauen und forderte es ein. Michael lebte ein Theaterverständnis der gesteigerten Aufmerksamkeit, des einander Zuhörens, der wohlwollenden Wahrnehmung. Oder wie sein Regisseur, Armin Petras es ausdrückte, des „Aushaltens von anderen Zuständen“, man kann die gewünschten Zustände nicht herbei kommandieren. Man muss vielmehr auch andere Zustände zulassen oder durch sie hindurch gehen.
Michael hatte die Fähigkeit, Menschen mit herausragenden Begabungen aufzuspüren und ihnen dann einen geschützten Raum zu schaffen, voller „anderer Zustände“, die er und sein Theater ermöglichten, begleitet von anhaltender Kommunikation. Seine langanhaltenden Arbeitsbeziehungen, kann man sagen, seine Verlässlichkeit gegenüber seinen Partner:innen, entstanden nicht aus prinzipieller Treue oder aus Bequemlichkeit. Sie waren viel mehr von seinem Inneren her gelebte und sich lebendig entwickelnde, persönliche Entscheidungen für bestimmte Menschen. Er investierte sich selbst in diese Beziehung. Dass sie nicht frei von Zweifeln oder Verzagen waren, darüber haben wir uns immer wieder ausgetauscht. Wohlwissend: Man kann das Werk nicht vollenden, aber man darf es auch nicht verlassen. Das hat Michael ganz unspektakulär gelebt. Das Werk war in diesem Fall das Theater Bremen und seine Impulse für die Stadtgesellschaft, eine Stadt, die in ihrer Offenheit und Bereitschaft, Widersprüche auszuhalten und zu gestalten, sehr gut zu Michael gepasst hat. Ich kenne in Bremen trotz meiner häufigen Besuche nur zwei Orte wirklich: das Theater und das Weserstadion, das ich auch manchmal mit Michael besucht habe. Dass die Fans von Werder Bremen nach seinem Tod ein Transparent entfalteten – „R.I.P. Michael Börgerding – Danke für deinen Einsatz“ – war vielleicht einer der schönsten Nachrufe auf ihn.
Nach Spielen des SV Werder Bremen im Bus voller enttäuschter oder glücklicher Fans spürt man sehr deutlich die seltene Fähigkeit von Fußballfans mit Niederlagen leben zu lernen oder Siege nicht über zu bewerten. Gute Gemeinschaft macht weder hochmütig noch depressiv und sie hat bestenfalls Humor. Eine Art humorvolle, trockene Warmherzigkeit, die auch Michael auszeichnete. Michael war in vielen Situationen, übrigens auch als Fußballfan, immer sehr schnell bei den andern und ließ die eigene Befindlichkeit hinter sich. Er wusste stets, wie es den anderen ging, und wollte ihre Empfindungen teilen, aber sie gleichzeitig öffnen für das, was außerhalb ihrer selbst lag. Seine Ansprachen nach Premieren waren voller Wärme und einer Zugewandtheit, die besagte: egal ob Triumph oder Niederlage, dies war nur ein Schritt auf unserem Weg, dem andere Schritte folgen werden, und meine Haltung euch gegenüber wird nicht gemessen am äußeren Erfolg, sondern an einer anderen Dimension des sich gemeinsamen Entwickelns. Der Weg entsteht im Gehen.
Michael Börgerding hat viel nachgedacht über das Wesen des Menschen und seine Gemeinschaftsfähigkeit. Er hat dieses Denken in Handeln überführt und vor allem hat er den Raum zwischen Denken und Handeln stets kommuniziert, seine Überlegungen formuliert, weitergegeben, transparent gemacht. Er war ein großer Stilist. Er formulierte absolut mühelos und seine Texte haben bestand, sie sind ein Arsenal an Begründungen, warum Kunst und Theater einen besonderen Ort einnehmen in unserer Gesellschaft. Man wusste also, woran man bei ihm war. Wir kennen auch andere Formen des Theaterleitens. Auch sie sind interessanterweise gelegentlich erfolgreich – erratische, rätselhafte, voller Selbstgewissheit und gelegentlich auftrumpfend. Man darf Theaterarbeit nicht allein am äußeren Erfolg messen, obwohl er wichtig ist; sondern man sollte stets auch einen Blick auf die Gemeinschaft des Theaters, die Kraft der Verbundenheit, werfen. Beides hatte Michael im Blick. Ich bin sehr froh und dankbar für Michael Börgerdings Ehrung hier und heute, weil damit seine besondere, einzigartige Persönlichkeit geehrt wird, aber auch seine beispielhafte, gemeinschaftsstiftende Art des Wirkens für Bremen und sein Theater.
Wir haben uns daran gewöhnt im postheroischen Zeiten zu leben, d.h. in einer Gesellschaft, die Helden nicht mehr oder überhaupt nicht braucht, die also ohne Heldentum auskommt. In den letzten Jahren mussten wir aber mehr und mehr zur Kenntnis nehmen, dass das Charisma des Bösen nicht nur bei dramatischen Figuren wie Shakespeares Richard III. oder Euripides und Sophokles und ihren sehr menschlichen Göttern zu finden ist, sondern auch in der politischen Gegenwart, sei es nun in Amerika, Russland, in vielen zunehmend autokratisch geführten Ländern an Bedeutung gewinnt oder sie sogar dominiert. Michael hat auch diese Entwicklung gedeutet, in dem er Ulrich Bröckling zitierte: „Krisenzeiten steigern den Heldenbedarf, aber Heldenkonjunkturen erzeugen auch Krisenbedarf. Heroen operieren im Modus permanenter Mobilmachung und brauchen den Notstand wie die Polizei das Verbrechen. Ohne Feinde ringsum, ohne allerorts lauernde Gefahren haben sie keine Gelegenheit, sich als Retter zu präsentieren. Die Schrecken, die sie zu bannen versprechen, sind die Quellen ihrer Autorität.“
Das beobachten wir gegenwärtig an vielen Stellen und wir sehen es mit Sorge, ratlos oder auch zornig. Aber wir sind auch zunehmend bereit, uns für die Errungenschaft der toleranten Demokratie kämpferisch einzusetzen. Das war Michael auch. Sein Zögern zwischen Impuls und Handlung war nie zweideutig, sondern mitnehmend. Vielleicht benötigen wir auch jetzt in dieser Zeit keine Helden und Heiligen, aber was wir brauchen, sind exemplarische Menschen, die im Stande sind, genau zu denken, zugewandt zu handeln. Menschen, die ihr Denken, Sprechen und Handeln, glaubhaft verbinden. Michael war zutiefst ein solcher Mensch und Theaterleiter. Er hat das, was ihm vorschwebte, geschafft: Räume der Nähe und des Vertrauens zu schaffen. Deswegen herrscht nicht nur bei mir an diesem Tag, große Freude über seine Ehrung neben der Trauer, die uns nicht verlassen wird.