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Und außerdem #Gastbeitrag #Gintersdorfer #LaFleur

ensemble / zusammen #2

Monika Gintersdorfer von La Fleur über Transnationalität, Klimasorgen, Afrika und Einreiseverbote. In der vergangenen Woche berichtete sie, wie sich die Gruppe nichtsahnend im März in Paris trennte und nun nicht mehr zusammenkommen kann.

Lesen Sie diesen Text zum Beispiel als Anti-Jérôme Bel Text, natürlich nicht gegen Jérôme Bel als solchen, sondern gegen seine Verlautbarung und Empfehlungen, die er als durchgesetzter Choreograf anderen Künstler*innen in Bezug aufs Reisen bzw. Nichtreisen gibt. Er empfiehlt uns, nicht mehr zu reisen. Falls Sie Jérôme Bel nicht kennen: Er ist ein bekannter Choreograf, ein Influencer, jemand, auf den man in Fördergremien und Institutionen hört. Er kann jetzt bleiben, wo er ist, er ist nach vielen vielen Jahren unzähliger Reisen soweit, sich dazu zu entschließen und seine Konzepte reisen weiter. Wir sind aber nicht soweit und vielleicht werden wir es niemals sein, denn bisher haben wir es als Vorteil erachtet, dass Darsteller*innen ein Leben zwischen Kontinenten führen und sich nicht für einen entscheiden müssen. Wie kann man jungen La Fleur-Mitgliedern wie Alaingo, Ordinateur, Annick das Reisen aus Klimagründen untersagen? Reisen, die sie überhaupt erst seit kurzem machen können, Reisen, mit denen sie ihre Arbeit und Familie verbinden. Reisen, die die europäische Abschottungspolitik immer wieder verhindern kann.

Transnationalität und Klimasorge nicht gegeneinander ausspielen, sondern neue Balancen finden.

Fürs Klima würden wir gerne weniger reisen, das könnte gehen, wenn die Theater ihre Termine untereinander abstimmen würden. Das könnte gehen, wenn wir Stipendien und Wohnungen hätten, in denen man länger an Orten bleiben kann und nicht dauernd hin- und hersetzen muss. Wir müssen neue Allianzen schließen und uns der treuen Partner*innen wie dem Theater Bremen vergewissern, dass sie solche Lösungen mit uns finden wollen.

Arturo Lugo reiste nicht wie die anderen nach Nana back home.

Er blieb noch sechs Wochen bei seinem Freund in Berlin, dann zurück nach Mexiko City, um die Schwierigkeiten, die eine auch nur tageweise Überschreitung bereitet, zu vermeiden. Er hatte sich schon einmal eine zweijährige EU-Sperre eingefangen. Wenn der Flug abgesagt worden wäre, wäre es diesmal nicht seine Schuld gewesen. Aber der Flug flog. Vorher gab er mir diesen Text:

Cuerpos que transforman el tránsito 

Körper die den Weg/ Transition transformieren

„El deseo de conectarme con otra personas depende de mi decisión, practica y ejercicio de encontrarme con una diversidad de cuerpos y aprender de su  aporte cultural y su reflexion multicultural para organizarnos  juntos en un tejidos sociales fuerte y creativo: estar en constante tránsito.

Das Begehren, mich mit anderen Personen zu verbinden, hängt von meiner Entscheidung, meiner Praxis ab. Ich möchte mich mit einer Diversität von Körpern treffen und von ihrer kulturellen Praxis lernen, damit wir uns zusammen in starken sozialen Verflechtungen organisieren.“

„Desde hace dos años, realcionado a mi problema con la restricción de entrada a la EU,  considero de suma importancia defender nuestras afectividades ante un sistema opresor que maneja nuestros cuerpos bajos sus legalidades, esté sistema hace que el amor, la amistad, el cariño, la empatía y el deseo de estar juntos como cuerpos se vea afectado con sus políticas que nos sistematizan y violentan.

Zwei Jahren lang hatte ich ein Einreiseverbot in die EU, seitdem halte ich es für das Wichtigste, unsere Zuneigungen, unsere Lieben vor einem unterdrückerischen System zu verteidigen, das unsere Körper unter ihre Legalitätsbestimmungen bringt. Dieses System macht, dass die Liebe, die Freundschaft, die Zärtlichkeit, die Empathie und das Begehren als Körper zusammen zu sein, von Politiken bestimmt werden, die uns systematisieren und uns Gewalt antun.“

Arturo Lugo genannt Chino mag auch Manifeste, die das politische und das persönlichste zugleich sind.  

Und Annick und Franck in der Elfenbeinküste und Chris und Lydia in Kinshasa halten uns auf dem Laufenden über ihre Wahrnehmung dort: Franck mit einer Malaria und nicht Corona im Krankenhaus, Lydia hat in Kin nur einmal kollektiven Zorn bemerkt als es hieß, neue Impfstoffe sollten an afrikanischen Personen getestet werden, Annick experimentiert gerade mit einer Hausproduktion von leckerem Déguè, Joghurt mit Hirse Couscous, good to check. Denn in Europa lese ich oft Horrorartikel „Corona − Afrika am Rande des Abgrundes“, ganz in der europäischen Tradition, sich Afrika als einheitliches Katastrophengebiet vorzustellen.

Da sind wieder die Kategorisierungen, die wir loswerden wollen.

Es gibt einen Diskurs darüber, lesen Sie Felwine Sarr, der sich an Afrikanner*innen richtet, wenn er schreibt, dass es eine Chance bei Corona ist, Europa als Utopie zu verbannen und „Innerlich eine Präsenz zu entwickeln und diese sich offenbaren zu lassen, was gewöhnlich abgewürgt wird durch Hyperaktivität und den Lärm draußen. Wir hatten die Begegnung mit uns selbst aufgeschoben.“ Oder ANO Ghana, eine Kunstinstitution in Accra schreibt: „We have been trying to determine at ANO how we can best contribute to these unprecedented times. In 2018, we did our first tour of the country, meeting people from all walks of life asking them what culture is to them. Many of them spoke of our traditions, our herbs, our ways of knowing that had been cultivated for years, but are now largely disregarded, and have not been contemporised. When we spoke with Knowledge Keepers during this crisis, they spoke of two approaches, one being the importance of self-reliance, of people growing their own food, whether it be in small boxes, or gallons on the side of the road, they stressed again and again the importance of building our immune systems through what we eat. Secondly they spoke of the importance of plant medicine & holistic wellness, which have been used for centuries to treat illnesses, viruses & build the immune system. In countries like Madagascar and Zimbabwe, traditional healers have been called on to treat symptoms & find solutions alongside doctors and scientists. Over the coming weeks and months at ANO, we will do our best to draw on local wisdom & knowledge and make this as accessible as possible.“

Und La Fleur: Wir rufen uns an, gratulieren uns zum Geburtstag, geben uns Sprachkurse am Telefon, wir möchten bald wieder zusammen kommen an einem Ort, an dem wir die Rastlosigkeit loswerden und ein Ensemble sein können.

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