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#Titus #Premiere Musiktheater

Falsche Milde und inszenierte Macht

Dramaturgin Frederike Krüger im Gespräch mit Regisseur Marco Štorman über Mozarts Titus.

Eine Person mit langem grauen Kleid und weißer Perlenkette sitzt auf dem Boden. Hinter ihr steht ein schwarz gekleideter Mann mit einem Messer in der Hand. Drumherum befinden sich weitere Personen.

Frederike Krüger: Mozart schrieb Titus 1791 für einen bestimmten Zweck – zur Krönung Leopolds II. zum böhmischen König. Nahezu parallel entstand seine Zauberflöte, das musiktheatrale Paradebeispiel für die Werte der Aufklärung und des Humanismus. Ist die Figur des Titus nicht aus der Zeit gefallen?

Marco Štorman: Mozart suchte sich mit Titus einen Titelhelden und eine Herrscherfigur aus, die einen ganz großen Bruch in sich trägt. Der historische Titus ging zwar als großer, milder Herrscher in die Geschichtsbücher ein, aber vor diesen zwei Jahren, in denen er in Rom regierte, war er ein brutaler Kriegstreiber, Schlächter und Vergewaltiger. 

Diese historische Folie, die hinter der Huldigung steht, kannte Mozart ebenso wie seine Zeitgenossen. 

Aus diesem Grund denke ich, dass Mozart uns sehr bewusst dazu animieren wollte, über dieses Herrschaftssystem nachzudenken. Es geht darum herauszufinden, welche Fragen und welche Kritik sich hinter dieser augenscheinlichen Huldigung verbergen. Diese Folie, von der du sprichst, ist ja eine wahnsinnige, eine desolate eigentlich. Sie regt uns aber dazu an, die Machtstrukturen, in denen wir leben, infrage zu stellen. 

Was haben die von Mozart gewählten Machtstrukturen oder die des historischen Titus von 80 n. Chr. mit unserer Lebensrealität zu tun? 

Titus ist ein Herrscher, der sehr genau weiß, wie er sich inszenieren kann, der über das Mittel der Gnade eine bestimmte, sehr effektive Rhetorik wählt. Und das erzählt uns sehr viel über die heutige Politik, in der wir gerade einen sehr starken Umbruch erleben. Ich bin in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass Gewalt Gegengewalt erzeugt und nie die Lösung sein kann. Nun werde ich aber mit politischen Akteur:innen konfrontiert, die versuchen, das demokratische System in ein populistisches und gewaltvolles zu verwandeln. Auch in Titus geht es darum, das Gesicht eines vermeintlich milden Herrschers als Fratze zu entlarven und den Populismus als Lüge zu erkennen. 

Du glaubst Titus seine titelgebende Milde, die clemenza, also nicht? 

Nein. Ich glaube, Titus ist sehr gut darin, zu verführen und zu manipulieren. 

Eine Manipulation, der sich alle anderen Figuren auch erst einmal gewahr werden müssen. 

Die eigene Manipulierbarkeit zu erkennen, darum geht es. 

Trotzdem wählt Titus nicht das Mittel der physischen Gewalt. 

Es ist ja noch viel perfider, dass er ans Innere geht. Deswegen glaube ich auch nicht, dass Mozart wirklich eine Huldigungsoper schrieb. In seinen Opern gibt es ja oft diese Doppelbödigkeit, ein Bild, unter dessen Oberfläche Mozart eigentlich etwas ganz anderes erzählt. Über diese Reibung sucht er den Diskurs mit dem Publikum. 

Die Reibung entsteht auch, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass Titus nur zwei Jahre nach der Französischen Revolu­tion entstand, also mitten in einer bürgerlichen Revolution. 

Gerade wenn wir über diese Revolution sprechen, finde ich das zweite Finale so interessant. Vordergründig lässt sich das als Huldigungsmoment lesen, aber dieses überbordende, nicht aufhörende Preisen wird immer gewaltiger und brutaler. Man hat das Gefühl, dass die Musik selbst zu einer Kraft wird, die die Herrschaft des Titus‘ zersplittert. Für mich wirkt es wie der Auftakt zu einer Revolution, in der die Lüge eines politischen Systems zerschmettert werden muss. 

Aber was und wer kommt dann? Wenn nicht Titus’, wessen moralischem Kompass folgen wir? 

Niemandes. 

Aber ich habe doch das Bedürfnis, in dem Stück eine Utopie zu sehen. Vitellia geht es um Rache und Macht. Auch wenn sie wahnsinnig klug ist und das „System Titus“ sehr schnell durchschaut, geht es ihr doch sehr um ihre eigenen Befindlichkeiten. Dann gibt es noch Sesto, der erst einmal dazu erzogen werden muss, überhaupt tätig zu werden und am Ende als Märtyrer dem System zum Opfer fällt. Annio und Servilia … 

… sie sind die jüngsten im Stück und sie stehen nicht nur für eine pure Liebe, sondern auch für die Hoffnung, dass sich Menschen und damit Systeme ändern können. Annio ist am Anfang am dogmatischsten, er kennt nur dieses System, in dem er aufgewachsen ist: Titus als milden und gütigen Herrscher. Annio muss sich am stärksten von diesem Bild befreien. Dass er und Servilia gegen ihre eigenen Glaubenssätze angehen, das ist eigentlich der utopische Moment in der ganzen Geschichte. Sie leben uns vor, aus der Erstarrung und der damit verbundenen Unmündigkeit zu erwachen. Zusammen mit einer Gruppe weiterer Jugendlicher entwickeln sie die Kraft, sich gegen verführerische Floskeln zu stellen. Und auch wenn es keine einfachen Antworten gibt, beispielsweise auf die Frage, was nach Titus kommen kann, so fordern sie doch die Auseinandersetzung ein. 

Titus ist sehr klug und weiß genau, welches Bild er nach außen geben muss, um seine Macht zu halten. Er inszeniert sich als gütigen Herrscher, seine Mittel sind nicht die Fäuste, aber seine Waffen sind nicht weniger brutal. 

Die Milde ist ein Instrument, um sich selbst darzustellen und vor sich selbst zu legitimieren. Gleichzeitig wird aber ein Kokon geschaffen, in dem alle Zweifel ausgehebelt werden können. 

Zweifel sind in einem totalitären Absolutismus auch nicht gern gesehen. 

Aber diese Mechanismen der Selbstinszenierung lassen sich auch auf das demokratische System übertragen. Wenn wir uns heute anschauen, wie rechte Mächte wirken, welche rhetorischen Mittel sie einsetzen, dann hat das nicht viel mit Milde zu tun. Sie tätigen pointierte Verbalattacken und schauen dann dabei zu, wie die Grenzen des Sagbaren immer mehr verschoben werden. Das hat viel mit Geduld zu tun und diese Geduld würde ich mit der Milde von Titus vergleichen. 

Und trotzdem begnadigt Titus am Ende ja seinen Freund Sesto tatsächlich. 

Ich glaube diesem Moment der Gnade nicht. Für mich ist das wie der Höhepunkt der eigenen Hybris. Indem Titus Sesto begnadigt, manifestiert er letztlich seine Macht. Die vermeintliche Schwäche der Milde wird als Stärke genutzt. In unserer Setzung spitzen wir diesen Gedanken zu: Sesto ist für seine Überzeugungen gestorben. Titus begnadigt einen längst toten Körper. 

Während das Volk, der Chor, ihm zujubelt. Wofür steht der Chor?

Der Chor verkörpert die Unruhe, die in Titus’ Stadt herrscht. Durch die Unterwerfung und Ergebenheit seines Volkes demonstriert und manifestiert er seine Macht. Ohne das Volk gäbe es ihn nicht. Der Chor tritt immer an den Stellen auf, wo es um das Preisen des Herrschers geht und das nutzen wir als ein Crescendo der Unruhe. Für mich sind das von Titus inszenierte Menschenansammlungen, um sich selbst zu feiern und das eigene System zu legitimieren. Darin wachsen aber Unruhe und Unzufriedenheit. Es wird immer klarer, dass die Milde etwas mit der eigenen Hybris dieses Herrschers zu tun hat. Die Worte des Chores verlieren dann an Substanz, sie dienen nur als hohle, schablonenhafte Floskeln, um sich selbst nicht angreifbar zu machen. Darunter verbirgt sich dann die wahre Haltung, so dass die letzte vermeintliche Huldigung eben zu einer Protestaktion wird. Das ist so toll an Mozart: Es gibt immer zwei Ebenen, immer mindestens eine Doppelbödigkeit. Aus dieser Reibung zwischen Offensichtlichem und Subjektivem entsteht ein spannungsvolles Brodeln. Und irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit. 

Um das Suchen und Behaupten der Wahrheit geht es allen Figuren im Stück. Alle Beteiligten versuchen, sich selbst zu behaupten, ihren Weg zu finden. Wem können sie vertrauen? Wer verbündet sich, wer verlässt den gemeinsamen Pfad wieder? Euer Bühnenbild macht dabei buchstäblich, was eigentlich versinnbildlicht ist. Gerade durch die Verschleierung, denn auch durch einen Schleier sehen wir die Wahrheit oder das, was als Wahrheit behauptet wird. 

Wir haben einen Raum, der zirkuliert, in dem immer Unruhe herrscht. Die Räume geben vor, Orte der Repräsentation zu sein: Es gibt die Fassade des Schlosses, einen Balkon, den Wachturm. Diese Orte behaupten etwas Manifestes und gleichzeitig gibt es keinen Rückzugsort. Alles ist immer zwischendrin und offen, alle können jederzeit entdeckt werden. Alles ist immer ausgestellt und permanent in der Öffentlichkeit. Sowohl in der Bewegung als auch in der Architektur gibt es keinen sicheren Ort für niemanden. Auch für Titus nicht. 

 

 

Veröffentlicht am 28. März 2024

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