Hallo Welt – der Iran verblutet. Dies ist unser Ruf um Hilfe.
Blutig niedergeschlagene Proteste, tausende Tote, abertausende Verletzte und ein Land in Isolation. Ein Text von Dr. Parisa Fathi.
Vor drei Jahren habe ich anlässlich der Frau-Leben-Freiheit-Bewegung in der Bremischen Bürgerschaft über die Verbrechen des iranischen Regimes sprechen können, die Rede wurde auch auf der Theater Bremen-Website im November 2022 veröffentlicht. Damals habe ich gesagt: Bitte schaut nicht weg. Heute muss ich sagen: Es geschieht wieder. Und es ist schlimmer denn je.
Seit Wochen gehen im Iran erneut Menschen auf die Straße. Was Ende Dezember begann, entwickelte sich innerhalb weniger Tage zu einem landesweiten, nationalen Aufstand. Den Anfang machten die Basaris, die Händler in den großen traditionellen Basaren, die aus Protest gegen die katastrophale wirtschaftliche Lage ihre Läden nicht mehr öffneten. Kurz darauf schlossen sich weitere Händler und Menschen aus allen Bevölkerungsschichten an. Ganze Städte waren auf der Straße.
Doch diese Proteste sind nicht allein wirtschaftlich begründet – sie sind politischer Natur. Im Iran ist jeder Protest politisch. Eine klerikale Elite kontrolliert nicht nur die Politik, sondern auch die gesamte Wirtschaft des Landes. Wer im Iran lebt, wer dort geboren wird, ist allein dadurch bereits politisch.
Was heute im Iran geschieht, ist kein regionaler Protest und keine Bewegung einzelner Gruppen. Es ist ein Aufstand der gesamten Bevölkerung.
Innerhalb weniger Tage gingen Menschen in über 100 Städten auf die Straße – Frauen und Männer, Junge und Alte, Arbeiter, Händler, Studierende, Eltern mit ihren minderjährigen Kindern. Eine Bewegung dieser Größe hat es in der Geschichte des Landes so noch nie gegeben. Ihre Forderung ist eindeutig: das Ende des Mullah-Regimes.
Die Antwort der Mullahs ließ nicht lange auf sich warten. Am 8. Januar wurde das Land weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten. Internetverbindungen wurden gekappt, Telefonnetze abgeschaltet. Millionen Menschen wurden in eine völlige Isolation gezwungen.
Was sich seither im Iran abspielt, ist weit mehr als ein blutig niedergeschlagener Protest. Augenzeugen berichten von kriegsähnlichen Zuständen. Von Menschen, die mit Kriegswaffen beschossen und zu Tausenden erschossen werden. Städte gleichen Kampfzonen. Leichensäcke liegen auf den Straßen, Angehörige suchen dort verzweifelt ihre Männer, Frauen, Söhne, Töchter und andere Angehörige.
Im Iran herrscht Krieg. Ein Krieg, den das Regime gegen die eigene Bevölkerung führt.
In dieser Dunkelheit geschieht das, wovor wir seit Jahren warnen. Berichte sprechen von über 15.000 Toten innerhalb weniger Tage. Es gibt Zahlen, die von noch mehr Opfern ausgehen. Noch viel mehr wurden verhaftet. Es drohen Massenhinrichtungen. Es wird vermutet, dass über 300.000 Menschen verletzt wurden.
Bis heute sind das Internet und die Telefonverbindungen nicht frei zugänglich. Die Menschen schreien – doch ihre Stimmen sollen nicht gehört werden. Gerade deshalb richtet sich dieser Ruf auch an die Kulturbetriebe, an die Theater, an jene Orte, an denen gesellschaftliche Wirklichkeit sichtbar und behandelt wird. Das Theater Bremen war und ist ein solcher Ort – ein Ort, an dem man nie davor zurückgeschreckt, unbequeme Wahrheiten zu zeigen, politische Verantwortung zu übernehmen und Menschlichkeit auf die Bühne zu bringen.
In den letzten Jahren haben Filmemacher:innen, Theatermacher:innen und Künstler:innen im Iran trotz schlimmster Zensur versucht, die Realität eines Lebens in einer Diktatur sichtbar zu machen. Trotz massiver Repressionen sind beeindruckende Theaterstücke und international ausgezeichnete Filme entstanden – Arbeiten, die der Welt einen Blick hinter die Mauern der Gewalt und des Schweigens ermöglicht haben.
Der Preis dafür ist hoch. Viele Schauspieler:innen, Regisseur:innen und Autor:innen leben bis heute mit Berufsverboten, viele wurden verhaftet, einige sind verschwunden. Kunst wird kriminalisiert, Wahrheit bestraft.
Gerade deshalb tragen alle, die Kunst und Kultur lieben und gestalten, eine besondere Verantwortung: Solidarität mit den Kulturschaffenden im Iran – als Ausdruck gemeinsamer Menschlichkeit.
Noch immer gibt es Menschen, die glauben, das Geschehen im Iran gehe sie nichts an. Der Iran sei weit entfernt. Man habe hier andere Sorgen. Auch an all diese Menschen richte ich meine Worte.
Wir Iranerinnen und Iraner sind laut – nicht nur für unsere Mitmenschen im Iran, sondern auch für euch. Denn wir wissen: Unsere Sicherheit ist untrennbar mit eurer Sicherheit verbunden. Seit 47 Jahren exportiert das Mullah-Regime Gewalt, destabilisiert Regionen und unterstützt Kriege. Solange dieses Regime an der Macht bleibt, wird es keine Sicherheit geben – weder für die Menschen im Iran noch für Europa.
Die Menschen im Iran zahlen diesen Preis seit Generationen – mit ihrem Leben, ihrer Freiheit, ihrer Zukunft. Doch auch Europa wird ihn weiterzahlen, wenn dieses Regime bestehen bleibt. Bitte betrachtet das, was im Iran geschieht, nicht als fernes Geschehen.
Es ist ein Angriff auf die Menschenrechte.
Es ist eine Bedrohung für die Sicherheit.
Es ist eine Realität, die uns alle betrifft.
Ich bitte euch: Seid laut.
Sprecht mit euren Politiker:innen, mit denen, die Verantwortung tragen. Fragt, warum noch immer mit den Mullahs verhandelt wird. Warum europäische Unternehmen weiterhin Geschäfte mit diesem Regime machen. Warum die iranische Revolutionsgarde noch immer nicht auf der EU-Terrorliste steht.
Im Iran findet ein Massaker statt. Es hat stattgefunden – und es geht weiter. Schweigen ist keine Neutralität.
Und an alle, die noch nicht durchschauen, was die Propaganda des Mullah-Regimes auch hier in Europa schafft, vorzugaukeln, und die glauben, dass der Nahe Osten noch mehr ins Chaos stürzen würde, wenn das Regime fällt: Hört nicht auf diese Narrative.
Die Menschen im Iran sind freiheitsliebend, ehrgeizig, weltoffen und fleißig. Und nicht nur die Menschen im Land selbst, sondern auch Millionen im Ausland lebende Iranstämmige werden beim Wiederaufbau ihres Landes helfen. Vertraut auf uns – wir sind bereit, Verantwortung zu übernehmen und unsere Zukunft in Freiheit zu gestalten.
Zum Schluss möchte ich Professor Michael Börgerding gedenken. Einem Intendanten, der mit dem Theatermachen auch immer Haltung verbunden hat. Der sich für Wahrheit, für Menschlichkeit und für die Sichtbarmachung gesellschaftlicher Wirklichkeiten eingesetzt hat – auch dann, wenn sie schmerzt. Er hat die Frau-Leben-Freiheit von Beginn an unterstützt – als einer der ersten Theaterintendanten in Deutschland.
Mein tiefer Respekt und meine unendliche Dankbarkeit gilt dir, lieber Michael. Und ich bin mir sicher: Wenn der Iran frei sein wird, wirst du es von dort oben mit uns sehen, begleiten und feiern.
Die Autorin: Dr. Parisa Fathi wurde 1967 im Iran geboren und kam 1988 nach Deutschland, um hier Medizin zu studieren. Sie arbeitet als niedergelassene Augenärztin in Bremen.
Veröffentlicht am 19. Januar 2026.