Hört zu, schaut hin! Betroffenenperspektiven Raum geben
Der folgende Beitrag widmet sich der Sichtbarkeit von Betroffenenperspektiven und was das Land Bremen tut, um sie zu ermöglichen. Ein Text von Jule Bosak aus dem Bremer Betroffenenbeirat Istanbul-Konvention.
Der Bremer Betroffenenbeirat Istanbul-Konvention (B*BIK) ist ein bislang einzigartiges Pilotprojekt: Zehn Betroffene geschlechtsspezifischer Gewalt vertreten im Beirat die Belange Betroffener. Das Land Bremen gewinnt mit dem B*BIK das Erfahrungswissen von Expert:innen in eigener Sache. Damit berücksichtigt Bremen systematisch die Betroffenenperspektive, um die Anforderungen der Istanbul-Konvention zu erfüllen.
Zur Einberufung des zweiten Beirats durch die Bremer Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz richtete ein ehemaliges Mitglied Worte an den neuen Beirat:
„Liebe Anwesende, lieber neuer Beirat,
Betroffensein. Was bedeutet das?
Ich kann selbstverständlich nur für mich selbst sprechen, trotz zahlreicher Betroffenenperspektiven hier im Raum. – Aber da viele Menschen sich sprachlos erleben, versuche ich Worte zu finden:
Für mich bedeutet Betroffensein als Fachkraft immer wieder in der eigenen Professionalität angezweifelt zu werden und täglich massiven Belastungen durch Traumafolgen ausgesetzt zu sein, die unsichtbar und ungreifbar bleiben.
Es bedeutet im Dating dem Potential der Reviktimisierung ausgesetzt zu sein und gleichzeitig Sorge zu haben, das nicht-traumatisierte Gegenüber mit der eigenen Biografie zu ‚überfordern‘.
Es bedeutet Entfremdung.
Es bedeutet Unsichtbarkeit.
Es bedeutet Vereinzelung.
Es bedeutet in sozialer, beruflicher, ökonomischer, reproduktiver oder sexueller Teilhabe eingeschränkt zu sein. – Wegen Betroffenheit.
Im Laufe meiner Zeit im Beirat habe ich begonnen meine Betroffenheit nicht länger als meine ‚Privatsache‘ zu begreifen. Ich bin behindert, weil die Gesellschaft auf allen Ebenen versagt vor Gewalt zu schützen.
Diese Perspektive gibt mir Mut, auch wenn die damit einhergehende Vulnerabilität erschreckend ist.
Ich möchte euch Mut machen zornig zu sein.
Unser Zorn ist valide, er ist zielgerichtet. Ich möchte euch ermutigen, euch nacheinander auszustrecken und als Verbündete zu begreifen.
In unserer Vielfalt liegt unsere Stärke.
Die aktuelle Debatte um die angebliche ‚Sicherheit im Stadtbild‘ zeigt deutlich, wie ein unterdrückendes System unterdrückt. Es spielt uns gegeneinander aus.
Von daher an dieser Stelle nochmal in aller Deutlichkeit, auch in Richtung des Bundeskanzlers:
Die Wurzel geschlechtsspezifischer und sexualisierter Gewalt ist Männlichkeit. Hierfür braucht es keine anekdotischen Evidenzen, es reicht ein Blick in jede entsprechende Statistik und aktuelle sowie andauernde Forschung.
Wir werden nicht erlauben, dass ein System der Unterdrückung Betroffenheiten weiterhin gegeneinander ausspielt. Wir erkennen Diskriminierung und Gewalt, wenn wir sie sehen.
Wir sind wachsam.
Wir sehen das tägliche Unrecht.
Wir sind zornig.
Ich danke euch für die Bereitschaft, Betroffenenperspektiven noch mehr Raum zu erkämpfen und in diesem wichtigen Gremium mitzuwirken. Mit euren vielfältigen, individuellen Hintergründen bringt ihr unschätzbare Ressourcen mit. Achtet aufeinander.
Nur durch eure Perspektiven, dir der Betroffenen, können tiefsitzende Machtstrukturen aufgebrochen und zerstört werden.
Alles Gute und solidarische Grüße.“
Die Istanbul-Konvention – das Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt – ist in Deutschland geltendes Recht seit 2018. Die Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz, Claudia Bernhard, ist zuständig für die Koordinierung der Umsetzung in Bremen und Bremerhaven. Das Projekt des Betroffenenbeirats gilt als wegweisend, Partizipation ist ein Grundsatz gelingender Gewaltprävention.
Der B*BIK berät die Verwaltung und politischen Gremien über eine Berufungszeit von vier Jahren. Anliegen und Standpunkte der Betroffenen fließen so in den Landesaktionsplan zur Umsetzung der Istanbul-Konvention mit ein. Die Maßnahmen in den Bereichen Prävention, Schutz und Unterstützung sowie Strafverfolgung werden an dem kritischen Blick der Betroffenen gemessen und nach ihren Bedarfen besser entwickelt.
Stellungnahmen und Arbeiten des Beirats hier: https://bremen-sagt-nein.de/
Veröffentlicht am 25. November 2025.