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#Leseprobe Und außerdem

Ich möchte zurückgehen in der Zeit

Judith Hermann liest im Rahmen von So macht man Frühling im Theater Bremen. Ein Auszug aus ihrem neuen Roman Ich möchte zurückgehen in der Zeit, veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Fischer Verlags.

Meine Mutter erinnert sich an die Tätowierung unter dem linken Arm ihres Vaters. Auf der Innenseite seines Armes, verblichen, blassblau, groß wie ein Pfennig. Sie hat die Tätowierung das erste Mal auf seinem Sterbebett gesehen, er starb in einem Einzelzimmer im Krankenhaus, sie war einundzwanzig Jahre alt und sah durch ein rundes Fenster in der Tür zu ihm hin.
Das ist, was sie mir erzählt hat. Was sie mir früher erzählt hat. Spreche ich aber heute mit ihr darüber, sagt sie, sie hätte von dieser Tätowierung schon immer, schon in ihrer Kindheit gewusst.
Sie sagt, diese Sache mit dem Sterbebett ist das, was du daraus machst. Vor allem dein Einfall mit dem runden Fenster in der Tür. Das ist, was du daraus machst.

Die Erinnerungen meiner beinahe achtzig Jahre alten Mutter an ihren Vater sind widersprüchlich und durcheinander, immer schon widersprüchlich und durcheinander gewesen. Durcheinander und Widerspruch sind keine Frage ihres Alters. Meine Mutter hat ihren Vater, meinen Großvater, nicht wirklich gekannt – so sagt sie es, nicht wirklich – ihre Brüder haben ihn ebenso wenig gekannt. Er verließ die Familie, als meine Mutter jung war, er starb, bevor ich geboren wurde. Es ist nicht so, dass sie über ihren Vater nicht sprechen will, sie weiß aber nicht, was sie sagen soll, und was sie denkt, behält sie für sich. Sie zensiert sich selbst, ihre Brüder machen es genauso. Die SS-Vergangenheit meines Großvaters ist ein offenes Geheimnis, sie existiert und wird zugleich geleugnet. Mein Großvater war ein überzeugter Nationalsozialist, darüber hinaus Mitglied der Waffen-SS, die Tätowierung ist Kennzeichen der Zugehörigkeit und Hinweis auf die Blutgruppe, und offenbar hatte er nach dem Krieg keinen Anlass, sich von dieser Tätowierung zu trennen, sie entfernen zu lassen. Es hat Leute gegeben, die sich in den linken Arm geschossen haben, mein Großvater hat das nicht getan. Er hat die blassblaue Markierung zwanzig Jahre nach Kriegsende mit ins Grab genommen.

Meine Mutter wird unter anderem natürlich hinterlassen, meine Mutter und die Mutter meiner Schwester gewesen zu sein. Tochter meiner Großeltern gewesen zu sein; sie hat das Erbe ihrer Mutter und ihres Vaters übernommen, trägt es, wie gewichtig auch immer, und wird es weitergeben an uns. Möglicherweise hatte ich nach Überlegungen dieser Art vor Jahren im Bundesarchiv einen Antrag auf Akteneinsicht gestellt und erhalten. Vor der Pandemie. In meinem fünfzigsten Jahr, in der Zeit jedenfalls, in der wir häufig damit beginnen, uns mit der Vergangenheit der Eltern, Großeltern beschäftigen oder auseinandersetzen zu wollen, ich bin mit meiner Suche alles andere als allein. Ich war ins Archiv gefahren, hatte meinen Mantel und meine Tasche in ein Spind geschlossen, ein Körbchen für Stift und Notizblock und eine Aktenmappe ausgehändigt bekommen. Die Mappe war leicht gewesen, darin eine Mitgliedskarte der SS, ein Besitzschein für Waffe und Holster, eine Gestellungsaufforderung und weiter nichts. Ich hatte diese Dokumente abfotografiert und zurückgegeben, die Ausstellung im Foyer angesehen, bevor ich Mantel und Tasche wieder aus dem Spind geholt hatte. Achtzig Jahre alte Tonaufnahmen. Die Stimme von Goebbels. Das markerschütternd dichte, fiebrige Summen einer Menschenmenge. Hitze. Das Gelände um das Archiv herum war mit Kies aufgeschüttet, im Kies Skulpturen, die ich für Baumpilze hielt, Xylobionten, was eigenartig gewesen wäre, weil Baumpilze nur kranke Bäume befallen und wenn diese Pilze ein Gedächtnis symbolisierten, wäre das Land, um dessen Gedächtnis es hier gehen sollte, krank.
Ein krankes Land.
Ich hatte vor dem Archiv lange auf den Bus gewartet, ich war mit leeren Händen zurück in die Stadt gefahren.
Meine Mutter hatte die Ergebnislosigkeit meiner Recherche nicht beeindruckt. Sie war weder enttäuscht noch überrascht gewesen. Sie hatte gesagt, sie habe nichts anderes erwartet, ich hatte sie gefragt, warum sie nichts anderes erwartet habe, sie war mir eine Antwort schuldig geblieben. Hätte nicht eigentlich sie in das Archiv fahren, mir dann davon erzählen müssen; wir hatten nicht darüber gesprochen, warum ich in dieses Archiv gefahren war, sie nicht. Sie hatte mir beiläufig eine kleine, hölzerne Kiste überreicht, die sie anscheinend für ihren Vater vorgesehen hatte. Ich hatte den Eindruck, sie hätte mir diese Kiste nicht überreicht, wenn ich nicht ins Archiv gefahren wäre. Als hätte sie das jahrelang abgewartet – ich hatte eine Bedingung erfüllt, wir konnten nun weitermachen.
In der Kiste fand ich die Heiratsurkunde meiner Großeltern neben ihren Sterbeurkunden neben einem Entlassungsbrief aus der Kriegsgefangenschaft der Alliierten, Certificate of Discharge, neben einem Stapelchen unsortierter Fotos, die jemand auf den Rückseiten in sachlicher Schrift mit Orten und Daten versehen hatte. Meine Mutter konnte diese Schrift niemandem zuordnen. Sie sagte, sie kenne diese Schrift nicht, ihre sei es nicht, nicht die ihrer Mutter und die ihres Vaters auch nicht.
Mein Großvater im Turnerbund. Mein Großvater in SS-Uniform. Auf einer Allee im Frühling auf jemanden zugehend, über den er sich freut. Am Tag seiner Hochzeit, vor dem Standesamt steht die SS Spalier. Mein Großvater am Waldrand zwischen dunklen Tannen in einem zugeknöpften Mantel, auffällig blanken Schuhen und mit dem zweideutigen Lächeln eines Schaustellers im Gesicht. Mein Großvater im Juli 1941 auf einem Motorrad der SS in Radom, Polen.
Was hat er da gemacht, in Osteuropa, in Polen, im Sommer 1941 in der zentralen Zone des Schreckens.
Ich hatte meiner Mutter diese Frage gestellt, sie hatte die Schultern gehoben und ihrerseits leere Hände vorgezeigt. Sie wusste nicht, was ihr Vater in Polen gemacht hatte. Sie wusste, dass Polen von den Deutschen besetzt gewesen war, dass es in Radom ein Ghetto gegeben hatte. Das zumindest wusste sie schon.

Mein Großvater wurde 1904 in Berlin geboren, sein Vater war Lehrer, seine Mutter starb früh. Er war zehn, als der Erste Weltkrieg ausbrach, vierzehn, als er zu Ende ging. Er machte eine Lehre zum Drogisten und den Abschluss mit der schlechtestmöglichen Note, er hatte im Einzelhandel zu tun, vermutlich verkaufte er Seife. Knöpfe. 1932 trat er in die NSDAP ein. Umstandslos, es sieht nicht so aus, als ob er gezögert hätte. Er heiratete meine Großmutter, bekam drei Kinder, zwei Söhne während des Krieges, eine Tochter, meine Mutter, im November 1945.Er verschwand.
Kam zurück und verließ die Familie endgültig, er ließ sich Mitte der fünfziger Jahre scheiden. Er war, so vermerkt es die Heiratsurkunde, protestantischen Glaubens. Ich bin sein erstes Enkelkind, er starb aber 1966, sechs Jahre vor meiner Geburt.
Das war, was ich von meinem Großvater wusste. Mehr wusste ich nicht.

Diese Bemerkung meiner Mutter, ich würde eine Geschichte aus meinem Großvater machen, ging mir nach. Sie sagte Sache, meinte aber Geschichte, fand eine Geschichte hier ungehörig, womit sie nicht unrecht hatte. War das Ungehörige das Ausschmücken einer ernsten, familiären Angelegenheit mit dem einen oder anderen erfundenen Detail. Ich hätte sagen können, aber ich muss eine Geschichte machen, eine Art von Geschichte jedenfalls, mir bleibt nichts anderes übrig, diesen Großvater muss ich mir ausdenken, weil du mir nichts von ihm erzählst. Wenn ich ihn mir ausdenke, lasse ich mich auf ihn ein. Mich auf ihn einzulassen, verringert den Abstand, den ich brauche, um ihn sehen zu können, ich hätte sagen können, das ist für eine Geschichte übrigens ein ziemlich kompliziertes Unterfangen. Darüber hinaus verfügt dieser Großvater, im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen meiner Familie, über keinerlei literarisches Repertoire. Weder Schwermut noch neurasthenische Befindlichkeiten noch Schwäche; wenn er abergläubisch gewesen sein sollte, hat er das für sich behalten. Er ist nicht in Breslau geboren, hatte keinen Silberblick, besaß nichts, was mir noch heute lieb und teuer wäre, es ist etwas um ihn herum, das mehr als dunkel ist, ich muss es so sagen. Mein Großvater ist keine literarische Figur. Er ist Leerstelle, zugleich ist er das Gegenteil, er ist ein schrecklich blinder Fleck, es will mir nicht gelingen, ihn zu stellen. Er hat keine Geschichte, also kann ich keine aus ihm machen. Mein Großvater hält sich in der Zwischenwelt auf, und ich frage mich, hätte ich zu meiner Mutter sagen können, ich frage mich durchaus, ob ich ihn erlöse, wenn ich an ihn denke.
Mein Großvater ist in jeder Hinsicht ein Cold Case.

Im vergangenen Winter erlitt meine Mutter aus heiterem Himmel eine sogenannte transiente globale Amnesie. Allumfassender Verlust des Gedächtnisses, vorübergehend aber eindrücklich, meine Mutter wusste vom einen auf den anderen Moment nicht mehr, wer sie war. Sie wusste auch nicht mehr, wer wir waren. Sie wusste weder, wo sie sich befand, noch, woher sie kam und wohin sie gerade gewollt hatte. Sie wusste einige fürchterliche Stunden lang gar nichts mehr, und sie machte nicht den Eindruck, als ginge sie das etwas an – dann fiel ihr alles wieder ein. Sie war verschwunden, dann kam sie zurück.
Die Amnesie änderte am allgemeinen Erinnerungsvermögen meiner Mutter nichts. Es tauchten keine überraschenden Erinnerungen auf, die zuvor verschüttet gewesen wären, und die Erinnerungen, die meine Mutter besaß, blieben unangetastet. Es war aber so, dass ich die Vorstellung, sie könnte noch einmal das Gedächtnis verlieren, sie könnte verschwinden, ohne dass ich etwas über ihren Vater und somit über sie erfahren hätte, nicht ertrug. Die Amnesie meiner Mutter führte dazu, dass ich nach Polen fuhr.

Wenn nicht jetzt, wann dann.

 

 

Lesung: Judith Hermann: Ich möchte zuückgehen in der Zeit 

Gespräch und Lesung mit der Autorin
Im Rahmen von „So macht man Frühling“ – Deutsch-tschechisches Kulturfestival
Moderation: Urania Milevski
So 19. April um 19 Uhr im Theater am Goetheplatz

Veröffentlicht am 13. April 2026.

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