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#FeministischerKampftag Und außerdem

Ich scheiße auf die Goldmedaille

Auf Frauen mit Behinderungen lastet oft ein großer Druck: Ein Text über erzwungene Anpassung, Wut und Barrieren von Lisa-Marie Lehner, Journalistin unter anderem bei andererseits, dem Magazin für Behinderung und Gesellschaft.

Eine Frau blickt in die Kamera.

„Bei dir merkt man das nicht“ oder „das ist mir gar nicht aufgefallen“ sind Sätze, die sich wie Goldmedaillen anfühlten. Für lange Zeit waren das Momente der Belohnung. Ein Aufatmen. Sie bedeuteten: Ich habe die Frage beim zweiten Nachhaken verstanden. Zum richtigen Zeitpunkt genickt.

Seit meiner Kindheit bin ich schwerhörig, inzwischen hochgradig.

Seit zwanzig Jahren trage ich Hörgeräte, und trotzdem erlebe ich täglich Kommunikationsbarrieren. Räume mit hohen Wänden schlucken Stimmen. Ein Flüstern nehme ich kaum wahr, das Aufsetzen eines Wasserglases dafür schon. Eine Explosion elektrischer Töne. Als Kind brauchte ich meine Augen, um zu verstehen, dass der Stuhl mit einem lauten Quietschen links von mir zurückgeschoben wird. Der Klang kam von überall her. Genauso könnte ein Regal hinter mir eingebrochen sein oder jemand hätte mit einer Spielzeugpistole Schüsse ins Leere gefeuert. Mein Kopf hätte es geglaubt, hätten meine Augen mich nicht von der Realität überzeugt. Wie gut ich an Gesprächen heutzutage teilhabe, ob im Hörsaal, an der Bar oder im Büro, hängt stark mit meinem Konzentrationsvermögen zusammen.

Denn Leistung bedeutet nicht immer, herauszustechen. Sie kann auch bedeuten, nicht aufzufallen.

Als Frau mit Behinderung habe ich früh gelernt, meinen Selbstwert daran zu messen, wie gut ich in eine hörende Norm passe. Wenn Menschen sagten, dass sie die Untertitel im Film störten, schwieg ich. Ich lachte über Bemerkungen, die ich nicht verstand, und analysierte die Körpersprache meiner Mitmenschen. Wenn mir jemand spiegelte, dass ich etwas nicht verstanden hatte oder falsch antwortete, stand ich zwischen zwei Fronten: Entweder ich gab zu, dass ich eine Hörbehinderung hatte, oder ich überlegte mir eine Ausrede. Aus Scham wählte ich die zweite Option. Wenn ich niemanden nach Hilfe frage, nichts brauche, dann schulde ich auch niemandem etwas. Es war mein Versuch, in einer Welt zurechtzukommen, in der Unterstützung oft an Sympathie geknüpft ist. Wie viele Menschen mit Behinderungen habe ich die Erfahrung gemacht, für Barrieren selbst verantwortlich zu sein. Wenn ich etwas nicht verstehe, ist das mein Fehler. Wenn die Akustik schlecht ist, muss ich mich besser konzentrieren. Das ist sehr anstrengend. Körperlich und mental. Ich bekam oft Kopfweh und schlief sehr viel. Es gab Monate, in denen ich meine Periode nicht bekam.

Hinter diesem Leistungsanspruch steckt das Bedürfnis nach Zugehörigkeit.

Ich kämpfte gegen meine Barrieren an und verwechselte Dopamin mit einem Versprechen: Noch einmal anstrengen, dann gehörst du dazu. Heute weiß ich, dass mein Verhalten kein individuelles Problem war, sondern das Produkt struktureller Diskriminierung. In meinem Fall heißt sie Audismus. Der Begriff beschreibt die Abwertung von Menschen mit Hörbehinderungen durch Hörende. Er basiert auf der Vorstellung, dass Hören und Sprechen die Norm seien und alles andere ein Defizit. Als ich vor drei Jahren zum ersten Mal von Audismus hörte, verschob sich in mir etwas. Ich folgte Creator:innen mit Behinderungen auf Social Media. Ich las Bücher über Ableismus. Das Wort beschreibt die Abwertung von Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen.

Was ich jahrelang als persönliches Versagen hielt, war die Lebensrealität von so vielen weiblich gelesenen Personen mit Behinderungen.

Und sie sprechen darüber. Ich begann vieles zu hinterfragen, vor allem auch mein Selbstbild. Warum hatte ich nie etwas gesagt? Warum wollte ich immer gefallen? Nettigkeit, Dankbarkeit – ich könnte viele Gesten der Zuwendung aufzählen. Alles, um geduldet zu werden. Ich wurde sehr wütend. Wütend, dass fremde Menschen glaubten, ein Recht auf intime Details meines Alltags zu haben. Ob ich mit Hörgeräten dusche. Wie ich zu einem Wecker aufwache.

Wütend, dass wir Frauen mit Behinderungen mit Barrieren allein gelassen werden. Ja, Barrieren sind Arbeit.

Und solange wir die Verantwortung auf die Betroffenen abwälzen, bleibt diese Arbeit unsichtbar. Und wir isoliert. FLINTA*-Personen sind patriarchaler Gewalt ausgesetzt, und die patriarchale Sozialisation führt häufig dazu, sich die Schuld für Ungerechtigkeiten zu geben. FLINTA* bezeichnet Frauen, Lesben, inter, non-binäre, trans und agender Personen sowie alle, die sich keiner Geschlechtsidentität zugehörig fühlen. Wut ist wichtig. Sie vereint. Sie hilft mir, mich gegen ableistische und frauenverachtende Werte zu wehren. Sie hilft mir, Grenzen zu spüren. Sie treibt mich an. Und sie verschiebt die Verantwortung von mir hin zu uns allen.

Gerade heute, zum feministischen Kampftag, wünsche ich mir, dass Unterstützung etwas Fundamentales ist, etwas, das unabhängig von Gegenleistung oder Bewertungen stattfindet.

Ich wünsche mir, dass wir Barrieren als gemeinsame Verantwortung begreifen. Denn Barrierefreiheit hat nichts mit Großzügigkeit zu tun. Sie ist ein Menschenrecht. Und solange Unterstützung nicht selbstverständlich mitgedacht wird, solange Frauen mit Behinderungen wenig Sichtbarkeit und kaum Repräsentation erfahren, ändert sich nichts. Und wenn mir noch einmal jemand sagt, wie wenig meine Behinderung auffällt, sage ich: „Ich scheiße auf die Goldmedaille.“

 

Veröffentlicht am 8. März 2026.

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