„Zeit ist ja etwas, was man im Knast unendlich hat“

Wer momentan am Goetheplatz vorbeikommt, sieht ein vier Meter großes Pferd auf dem Balkon. Es kommt direkt aus dem Gefängnis und gehört zu einer Ausstellung. Organisiert hat die der Verein Mauern öffnen e. V. zusammen mit Lennart Hantke, dem Leiter der Marketingabteilung des Theater Bremen. Er spricht mit Martina Benz, Werkstattleiterin der Bildhauerwerkstatt der Justizvollzugsanstalt.

Martina, du bist Werkstattleiterin bei Mauern öffnen e. V., der Bildhauerwerkstatt der Justizvollzugsanstalt. Im Rahmen dessen habt ihr für uns eine Ausstellung zu unserem Kästner-Musical Der 35. Mai konzipiert und gestaltet. Wie seid ihr dabei vorgegangen?

Wir haben erstmal ein Treffen mit euch gehabt, um zu wissen, welche Stücke und Inhalte gespielt werden. Drei Stücke hatten wir inhaltlich in Erwägung gezogen – aber da wir zur Produktion der Objekte einen Vorlauf brauchten, damit sie zur Premiere fertig sind, passte Der 35. Mai am besten. Die Zeit im Theater und die Zeit vom Gefängnis sind ja ganz unterschiedliche Sphären.

Warum sind das so unterschiedliche Zeiten, wie sehen eure Abläufe denn aus?

Na ja, Zeit ist ja etwas, was man im Knast unendlich hat – die spielt keine Rolle. Wir versuchen hier eher, auf andere Dinge Wert zu legen, zum Beispiel Sorgfalt und Liebe in eine Skulptur reinzustecken – und dann ist es egal, wie lange man damit beschäftigt ist.

Sorgfalt und Liebe ist ja nicht alles, was so eine Skulptur ausmacht. Wie fertigt man Objekte zu einem Theaterstück an?

Bei dieser Ausstellung hatten wir mit dem Roman natürlich guten Input, wir haben den Insassen von dem Stück erzählt und teilweise daraus gelesen. Da wir vor allem in der Werkstatt der Jugendlichen sehr viele Sprachen haben, konnten wir nicht einfach das Buch lesen, sondern mussten eine ganze Menge vermitteln.

In der Ausstellung sieht man fliegende Menschen und flatternde Vögel, und diese Koffer aus Beton, die zu schwer sind um mit ihnen auf Reisen zu gehen. Irgendwie Assoziationen, die aus dem 35. Mai kommen. Man sieht aber auch immer wieder Objekte aus dem Alltag, Zigarettenschachteln, Energydrink Dosen, … das sind ja auch ganz persönliche Sehnsuchtsmomente, oder?

Ja, denn irgendwie ist es auch schön, wenn man Sehnsucht nach etwas hat, das einfach nicht da ist, wie einer Zigarettenschachtel oder eine Energydrink-Dose, sich stattdessen eine zu kneten. Das ist kein vollwertiger Ersatz, aber ich finde, dass ist eine ganz schöne Ersatzhandlung: irgendeine Nähe zu diesen Gegenständen zu erzeugen, die Luxusalltagsgegenstände sind, Konsumgegenstände, Genussgegenstände, also all das, was im Gefängnis verboten ist.

Du hast vorhin gesagt „Zeit gibt es ohne Ende im Gefängnis“, die Leute arbeiten ja richtig in Anstellung bei euch. Wie läuft ein Arbeitstag für die Häftlinge ab?

Die Häftlinge arbeiten 32 Stunden in der Woche, das ist also ein normaler Arbeitsplatz. Arbeitsbeginn ist um 7:30 Uhr, da gibt es einen Umschluss, bei dem alle koordiniert zu ihren Arbeitsplätzen gehen. Danach müssen die Türen abgeschlossen sein, wir beginnen mit einem Kaffee und einer Morgenbesprechung und fangen dann an zu arbeiten. Zuerst wird das Werkzeug ausgegeben, das muss kontrolliert werden, damit am Ende des Tages jedes Teil auch wieder da ist, und nichts mit auf die Zellen genommen wird. Nach der ersten Arbeitszeit gibt es um 9:30 Uhr eine Frühstückspause von einer halben Stunde, dann geht es weiter, mittags um 11:30 gibt es wieder diesen kontrollierten Umschluss …

Was heißt denn Umschluss?

Die Häftlinge werden „umgeschlossen“ von ihren Arbeitsplätzen in ihre Zellen, sie gehen also in die Vollzugsgruppen, in denen sie wohnen, dort essen sie Mittag und kommen eine halbe Stunde später wieder zurück. Dann wieder dieser kontrollierte Umschluss, und dann arbeiten sie bis um 15:30 Uhr bei uns in der Werkstatt, dann ist wiederum Umschluss, es dauert durchschnittlich eine Viertelstunde, bis die verschiedenen Vollzugsgruppen zurück in den entsprechenden Häusern sind und dann ist Feierabend, für uns und auch für die Insassen.

Das klingt alles sehr rhythmisiert und strikt. Wie sieht ein Feierabend im Gefängnis aus?

Es gibt eine Freistunde, in der man auf dem Hof herumlaufen kann oder mit anderen Insassen gemeinsam kocht. Außerdem Sportveranstaltungen, religiöse Gesprächsgruppen, Tischtennisplatten. Ab 19 Uhr haben die Insassen Einschluss. Das heißt jeder ist mit einem Fernseher allein auf seiner Zelle. Am nächsten Morgen werden sie um 5:30 Uhr geweckt. Häftlinge ohne Arbeitsbeschäftigung innerhalb des Vollzugs verbringen also oft bis zu 22 Stunden am Tag eingesperrt, es ist ein Privileg eine Arbeitsstelle zu haben.

Der Fernseher ist quasi auch eine Möglichkeit zu reisen – raus aus dem Gefängnis, sich gedanklich in andere Welten zu begeben?

Die Monotonie, jeden Tag viele Stunden vor dem Fernseher zu verbringen, langweilt die Häftlinge zumeist. Deswegen fanden wir es spannend eine Kooperation mit dem Theater einzugehen, um den Insassen die Möglichkeit zu bieten etwas in andere Welten einzutauchen. Leider konnten sie sich das Stück vor Ort nicht anschauen, obwohl ihre Werke jetzt im Foyer ausgestellt sind.

Es ist ja sehr beliebt, bei euch zu arbeiten. Bewirbt man sich als Strafgefangener bei euch, wie auch auf alle anderen Jobs?

Das ist in der Erwachsenen- und in der Jugendwerkstatt unterschiedlich. Ein Jugendlicher hat kürzere Haftzeiten und bleibt in der Werkstatt durchschnittlich 3 bis 6 Monate. Die Erwachsenen bleiben auch schon mal jahrelang an diesem Arbeitsplatz. Die Jugendlichen werden vom Vollzug ausgesucht, ihre Teamfähigkeit ist eine Voraussetzung, ebenso wird auf Tätertrennung und auch auf positive Gemeinschaften geachtet. Im Erwachsenenvollzug schreiben die Insassen Bewerbungen und es gibt eine Liste von ungefähr zwanzig Personen, die chronologisch abgearbeitet wird. Das führt dazu, dass die Insassen manchmal ein bis anderthalb Jahre warten müssen, bis sie in der Bildhauerwerkstatt arbeiten können und dann sind sie manchmal schon am Ende ihrer Haftzeit. Und es dauert ja eine ganze Weile, bis wir ihnen so viel beigebracht haben und sie richtig schöne, interessante Skulpturen machen und dann müssen sie manchmal schon wieder gehen. Beziehungsweise sie dürfen dann wieder gehen.

Wie ist überhaupt die Erfolgsquote im Gefängnis? Ich war ein bisschen überrascht, dass in einem Vollzug, in dem so viele junge Menschen sitzen, keinerlei Ausbildungsplätze angeboten werden, um eine Perspektive zu schaffen. Wie glaubt man im Gefängnis denn, die Leute zu resozialisieren?

Ja, ich glaube, das ist in Bremen ein Problem, dass es keine Ausbildungsplätze gibt. Der Schwerpunkt der Resozialisierung liegt eher darauf, Schulabschlüsse wie den Hauptschulabschluss nachzumachen und deutsche Sprachkenntnisse zu verbessern. Außerdem gibt es eine Ergotherapie und die Möglichkeit als Tierpfleger zu arbeiten. Der Jugendvollzug in Bremen ist eher ein kleinerer Betrieb und die Haftzeiten der Insassen sind meist viel zu kurz, um eine zertifizierte Ausbildung zu machen.

Das Kernstück der Ausstellung befindet sich nicht in unserem Foyer, sondern auf dem Balkon zum Goetheplatz. Dort gleitet ein vier Meter großer Pferdekopf auf seinen Rollschuh-Hufen über die Balustrade. Wie lange habt ihr daran gearbeitet?

Ich denke, zwei, drei Monate bestimmt. Drei der erwachsenen Insassen haben sich besonders für diese Skulptur interessiert und sehr engagiert daran gearbeitet. Wir haben erstmal alte Styroporblöcke, die wir noch hatten, mit Bauschaum zusammengeklebt und hatten dann einen vier Meter hohen Berg, der innen hohl war. Dann haben wir mit der Kettensäge und mit scharfen Messern die eigentliche Form rausgeschnitzt. Wir sind es zwar mit den Insassen gewohnt, figürlich zu arbeiten, auch mit Tierdarstellungen, aber es war nochmal was ganz anderes wegen der Höhe vom Gerüst aus zu arbeiten. Wir haben mit einem Pinsel und einem langen Stiel etwas angezeichnet und dann mussten wir erst immer ein ganzes Stück zurückgehen, um zu gucken, ob das denn auch stimmt.

Was passiert mit dem Pferd hier nach dieser Ausstellung, gibt es da Pläne?

Wir wissen es nicht genau, meine Kollegin hat schon ein Pferdemuseum angeschrieben, die wollen es aber leider nicht haben. Wir hoffen, eine Person oder Organisation zu finden, die das Pferd besitzen möchte. Gerne als Selbstabholer!

Gibt es eine persönliche Erfolgsgeschichte von jemandem, der seinen Weg durch euch nochmal anders gehen konnte?

Wir beobachten die Insassen nach ihrer Haftzeit nicht, es wird nicht evaluiert. Manchmal bekommen wir, aber eher zufällig, positive Resonanzen.

 

Martina Benz ist eine Bildendende Künstlerin, die bei Mauern öffnen e. V. mit den Strafgefangenen arbeitet. Ihre Skulpturen sind von Japan bis Friesland zu sehen. Seit 1999 leitet sie die Bildhauerwerkstatt der Justizvollzuganstalt Bremen.

Die Ausstellung kann noch bis zum 24. November im Rahmen des Besuchs einer Vorstellung im Theater am Goetheplatz besichtigt werden.

 

 

Veröffentlicht am 6. November 2024