Sexualaufklärerin, Kommunistin, Librettistin: Marie Pappenheim
… Abtreibungsbefürworterin, Hautärztin, Künstlerin. Kurz vor der Premiere des Doppelabends Dido and Aeneas / Erwartung ein Text über eine Jahrhundertwende-Frau, die sich nicht festlegen ließ. Von Dramaturg Johannes Schürmann.
Von Komponist Arnold Schönberg gemaltes Porträt von Marie Pappenheim (1909).
Arnold Schönbergs musikalisches Monodram Erwartung ist ein wegweisendes Werk, in dem sich das aufkommende 20. Jahrhundert ankündigt und das selbst die Erwartungen sprengt. Doch mit dem Fokus auf den großen Komponisten wird eine zentrale Figur oft außer Acht gelassen: die der Librettistin Marie Pappenheim. Denn ihr Libretto ermöglicht die musikalischen Extreme und die freie Form, die das Stück zu einem Schlüsselwerk des musikalischen Expressionismus machen.
Ein Blick in ihre wechselhafte Biografie gibt Aufschluss über diese im wahrsten Sinne revolutionäre Lyrikerin und Ärztin.
Einige Jahre vor ihrer Begegnung mit Schönberg wurden vier ihrer Gedichte unter dem Pseudonym Maria Heim in Karl Kraus‘ Zeitschrift Die Fackel veröffentlicht. Dieser stellte die damals mittezwanzigjährige Medizinstudentin den Wiener Leser:innen als Dichterin mit „hervorragender Begabung“ vor. Im Sommer 1909 hatte Marie Pappenheim, die gegen den Willen ihrer Eltern an der Universität Wien Medizin studierte, ihre Promotion abgeschlossen. Im Urlaub in Niederösterreich lernte sie über Karl Kraus neben Alban Berg, Anton Webern und Max Oppenheimer auch Arnold Schönberg kennen, der sie zur Abfassung eines Librettos motivierte: „Schreiben Sie mir eine Oper!‘ Ich sagte: ‚Eine Oper kann ich nicht schreiben. Höchstens ein lyrisches Monodrama. Schönberg daraufhin: ‚Schreiben Sie, was Sie wollen!‘
Ich schrieb, im Gras liegend, mit Bleistift auf großen Bögen Papier, hatte keine Kopie, las das Geschriebene kaum durch.
Es war in drei Wochen fertig, und ich zeigte es Schönberg, der es in drei Wochen vertonte.“ Im Zentrum des Stückes steht eine Frau, die auf der Suche nach ihrem Geliebten im nächtlichen Mondschein durch den Wald irrt und schließlich seinen toten Körper auf dem Waldboden zwischen den Baumstümpfen findet. Dabei wird ihre Suche zur Projektionsfläche eines inneren Zustands. Der Text besteht aus einer Aneinanderreihung fragmentarischer Sätze, die einen lyrischen Monolog aus der Psyche der Frau bilden und in denen sich Angst, Begehren und Verwirrung widerspiegeln.
Theodor W. Adorno nannte es später eine „seismographische Aufzeichnung traumatischer Schocks“.
Nach Fertigstellung der Komposition im August 1909 dauerte es noch fünfzehn Jahre bis zur Uraufführung des Stückes 1924 in Prag, wo es als „Protest gegen den Opernkitsch“ und als „ungeheuer dichte Konzentrierung auf einen Seelenzustand“ gewürdigt wurde. Doch nach jenem Urlaub im Sommer 1909 entschied sich Marie Pappenheim gegen die Bestrebungen von Schönberg und Kraus, die ihr dichterisches Talent fördern wollten und praktizierte weiter als Dermatologin: „Ich wollte nicht als Lyrikerin durchs Leben wandern. In meinen Augen vertrug es sich nicht, Ärztin zu sein, das heißt mit beiden Füßen in der Wirklichkeit zu stehen, und zugleich lyrische Gedichte zu veröffentlichen.“ Im 1. Wiener Gemeindebezirk baute sie sich eine eigene Praxis auf. Nach den Jahren der Revolutionen zum Ende des Ersten Weltkriegs wurde sie Mitglied der neugegründeten Kommunistischen Partei Österreichs, und ihre Wohnung entwickelte sich zu einem kulturell-politischen Treffpunkt. Erneut war sie literarisch tätig und übersetzte unter anderem das Libretto von Jean Cocteau zur Oper Der arme Matrose von Darius Milhaud.
Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit und ihres politischen Engagements lag im Bereich der Sexualaufklärung.
Gemeinsam mit dem Psychoanalytiker und Freud-Schüler Wilhelm Reich gründete sie 1928 die „Sozialistische Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung“. In mehreren Beratungsstellen konnten kostenlose Aufklärung und therapeutische Unterstützung in Anspruch genommen werden – jeden Mittwoch von 7 bis 8 Uhr nur für Frauen in ihrer Privatpraxis. 1930 veröffentlichte sie gemeinsam mit der Psychoanalytikerin Annie Reich auf der Grundlage dieser Arbeit die bis heute aktuell gebliebene Informationsbroschüre Ist Abtreibung schädlich?, die in bürgerlichen Kreisen Empörung provozierte und Polizeidurchsuchungen nach sich zog. Sie setzten sich für die vollständige Freigabe der Abtreibung bis zur zwölften Woche ein, für die Propagierung von Sexualaufklärung und Verhütungsmitteln, Schwangerschaftsurlaub und Stillgelder.
Das Aufkommen des Faschismus in Österreich setzte ihren politischen Aktivitäten ein jähes Ende.
Nach einer Inhaftierung im Zuge der Februarkämpfe 1934 emigrierte Pappenheim schließlich nach Paris. Aufgrund ihrer politischen Aktivitäten wurde sie erneut und diesmal als „unerwünschte“ Ausländerin interniert und schaffte es schließlich, kurz vor den herannahenden deutschen Truppen nach Mexiko zu emigrieren. Im mexikanischen Exil blieb Marie Pappenheims politisches und kulturelles Engagement ungebrochen. 1947 kehrte sie nach Österreich zurück, arbeitete wieder als Dermatologin und verarbeitete die jüngste Vergangenheit in ihrem Roman Der graue Mann. 1962, vier Jahre vor ihrem Tod, veröffentlichte sie schließlich den Gedichtband Verspätete Ernte zerstreuter Saat. Über ihr Schreiben sagte sie: „Ich habe immer exaltiert geschrieben, ohne Richtung, Nachdenken, Zensur, seitenlang, zwischen den Versen andere Gedanken.“
Veröffentlicht am 24. März 2026.