Während draußen die Welt ihre ganz eigenen Bahnen läuft und ich langsam nicht mehr weiß, was eigentlich real ist und was nicht, habe ich mir in den letzten Tagen Rebecca Solnits Essaysammlung Men Explain Things to Me angeschaut. Ich habe hin und her geblättert, das Buch mit mir herum getragen, Sätze wieder und wieder gelesen, einiges unterstrichen, manches herausgeschrieben, vieles vergessen. Ich habe außerdem mit ein paar Menschen darüber gesprochen, begeisterte Nachrichten erhalten, ein paar gute Ratschläge (danke für alle!), und habe schließlich versucht mich zu erinnern, was sich verändert hat, seitdem ich das Buch das erste Mal gelesen habe. Was mir auffällt, ist vor allem eine Erkenntnis: „Das kenne ich!“. Was genau? Es ist eine Struktur, ein Mechanismus, eine Ungleichheit basierend auf einer ganz persönlichen Erfahrung, die Solnit in den ersten Seiten ihres ersten Essays beschreibt und die vielen Frauen bekannt vorkommt. Ein Mann erklärt der Autorin ihr eigenes Buch — und sie schweigt.

„It trains us in self-doubt and self-limitation just as it exercises men’s unsupported overconfidence.“

„Men explain things to me, and other women, whether or not they know what they’re talking about. Some men. Every woman knows what I’m talking about. It’s the presumption that makes it hard, at times, for any woman in any field; that keeps women from speaking up and from being heard when they dare; that crushes young women into silence by indicating, the way harassment on the street does, that this is not their world. It trains us in self-doubt and self-limitation just as it exercises men’s unsupported overconfidence.“

... auch wenn es längst Zeit wäre zu schreien

Sich immer wieder in der Position wieder zu finden, in der dir erklärt wird, was du vermeintlich nicht weißt, vergessen hast oder unbedingt wissen müsstest, führt unweigerlich zu dem Gefühl nicht genug zu sein, nicht ebenbürtig, nicht wert. Es führt auch dazu, dass sich der Moment, in dem wir der Erklärung zuhören, nach der wir nicht gefragt haben und die wir oft nicht brauchen, ausweitet hin zu einem Schweigen, was andauert, auch wenn es längst Zeit wäre zu schreien.

Wir müssen also weiter darüber sprechen, was es heißt sich jenseits von Geschlechterrollen zu begegnen — als Menschen.

Wenn ich davon erzählen soll, warum ich Men Explain Things to Me (dt. Wenn Männer mir die Welt erklären) als erstes Buch für einen Buchclub wähle, dann möchte ich auf die Verbindungen verweisen, die Solnit knüpft. Die Verbindung mit ihren Leser*innen durch die Art und Weise wie sie ihre persönlichen Erfahrungen in die Analyse einer patriarchalen Struktur mit einarbeitet und eben diese Analyse, die einen kleinen alltäglichen Moment als Ursprung eines deutlich größeren Problems enttarnt: das männliche Selbstverständnis, was zu einer Verfestigung der heteronormativen Rollenverteilung führt und schließlich zur gewaltvollen Verteidigung dieser Rollenverteilung. Sie schreibt: „Male fury at not having emotional and sexual needs met is far too common, as is the idea that you can rape or punish one woman to get even to what other women have done or not done.“ Der allgemeine Hass auf Frauen und Feminismus, der eben von diesem männlichen Selbstverständnis herrührt, ist auch Antrieb für Rechten Terror, ist Motto einer ganzen Bewegung (Die Incel-Bewegung hat den Frauenhass praktisch schon in ihrem Namen: Involuntary Celibacy), ist Lebensweise des US-Präsidenten. Wir müssen also weiter darüber sprechen, was es heißt sich jenseits von Geschlechterrollen zu begegnen — als Menschen. 

„The Coronavirus is a disaster for feminism“

„Language is power“, Sprache ist Macht, schreibt Rebecca Solnit und plädiert damit dafür, Dinge endlich beim Namen zu nennen. Also los: Krisen führen zu einem Comeback traditioneller Werte und sind antifeministische Momente. Patriarchale Strukturen verschwinden nicht einfach, wenn die Hälfte von uns zu Hause fest sitzt und die andere sich für die Isolierten abmüht. Im Gegenteil: „The Coronavirus is a disaster for feminism“. Wir müssen uns also der Sprache bedienen, um diesen Zustand nicht zur Normalität werden zu lassen, denn in der Einsamkeit der Isolation ist der Austausch plötzlich nicht mehr möglich wie vorher, es fällt schwerer auf Missstände hinzuweisen und sie überhaupt zu erkennen. Wir müssen uns neue Formen des Protests suchen, weil das Zusammenkommen wegfällt. Gemeinschaft und Zusammenhalt werden neu definiert und wir brauchen andere Formen der Verbindung, brauchen andere Räume, um den Kontakt nicht abbrechen zu lassen.

„Wir sollten die eigene Macht nicht unterschätzen“

Carolin Emcke schreibt in ihrem (übrigens ebenfalls sehr empfehlenswerten) Buch Ja heißt ja und …: „Wir sollten die eigene Macht nicht unterschätzen, wir sollten uns nicht als wehrlos denken, nicht vereinzeln lassen, sondern uns einander zuwenden, Allianzen suchen, im Freundeskreis, in den Familien, in der Schule, in der Nachbarschaft, Verbündete, mit denen gemeinsam sich die Strukturen aufbrechen lassen, die Gewalt und Ausbeutung ermöglichen.“

In diesem Sinne: Bleib aufmerksam. Vielleicht schreibst du auf, was du bei der Lektüre erlebst, was dir für Fragen im Kopf herum schwirren, jetzt oder morgen oder übermorgen. Vielleicht möchtest du es teilen und schickst es an dramaturgie@theaterbremen.de 

Vielleicht auch nicht. Dort entstehen vielleicht noch andere Gespräche, ein paar wurden schon angeregt, es ist ein Experiment, was ich gern weiter führen will. 

„The future is dark, which is the best thing the future can be, I think“ schreibt Virginia Woolf in ihrem Tagebuch und für mich fühlt sich dieser Satz heute wahrer an, als jemals zuvor. Rebecca Solnit widmet ihm ein Kapitel in ihrem Buch, welches man auch hier nachlesen kann.

Ich möchte die nächste Woche gern diesem Kapitel widmen, sowie einem anderen Werk von Virginia Woolf, welches ich als prägend und bedeutungsvoll empfinde: Ein eigenes Zimmer. 

Und weil die Zeit manchmal viel zu schnell und manchmal ganz schön langsam vergeht heutzutage, und es deswegen einfach gut tut zu wissen, was kommt, wage ich jetzt noch einen kleinen Ausblick und stelle die Lektüre für die nächsten Wochen vor. Nach Virginia Woolf geht es weiter mit einer Sammlung von Grundlagentexten: Schwarzer Feminismus von Natasha A. Kelly, um anschließend in einen (dystopischen) Roman einzutauchen, Der Report der Magd von Margaret Atwood. Was sie bringt, die Zukunft, wer weiß das schon. Das Dunkel ist gemeinsam mit Sicherheit einfacher zu ertragen. 

Was Sie auch interessieren könnte