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#9.november #mauerfall Und außerdem

Permanent Vacation

35 Jahre ist der Fall der Mauer her. Gregor Runge, Co-Leiter der Tanzsparte, über eine sternenklare Nacht und Nachwendekinder.

Ein Junge in einem Bademantel steht vor einem Spiegel und fasst sich mit seinen Händen ans Kinn. An dem Spiegel hängt ein Zettel mit der Aufschrift „Freiheit aushalten“.

Ich bin ein Nachwendekind. Geboren im November 1984 in Dresden – einer Stadt, in der ich nie gelebt habe, denn wir wohnten in Radebeul, ein paar Kilometer außerhalb. Meine Erinnerungen an die DDR bestehen aus Bildern, von denen ich nicht mit Gewissheit sagen kann, ob ich sie wirklich so erlebt oder aus den Erzählungen anderer rekonstruiert habe. Ich im Kindersitz auf dem Fahrrad meiner Mutter, die Fahrt vom Hort nach Hause führt über eine gewellte Waldpiste, wir fliegen über die Unebenheiten des Bodens, es ist ein Heidenspaß. Die Plastikbadewanne im Wohnzimmer, darin meine kleine Schwester, die sich die Seele aus dem Leib brüllt, weil sie sich beim Baden mit einem Spielzeugschiff verletzt hat. Manchmal habe ich einen kaum merklichen, metallisch-süßen Geschmack im Mund, der mich an einen Krankenhausaufenthalt erinnert. Ein rätselhafter Hautausschlag ließ mich mehrere Tage dort verbringen, zusammen mit anderen Kindern, deren Eltern ebenfalls nicht über Nacht bleiben durften. 

Und dann ist da die Fahrt in einem Auto, im November 1989, unterwegs in den Urlaub. 

Dieses Bild springt, denn plötzlich laufen wir durch die Nacht, ich an der Hand meiner Mutter, mit der anderen schiebt sie meine Schwester im Kinderwagen. Eins der Räder fällt immer wieder ab. Auf einer Brücke bleibe ich stehen, schaue zum Himmel und sage: „Die Sterne! Ich wusste gar nicht, wie schön die Sterne sind!“. Was ich damals nicht weiß: Wir laufen in dieser Nacht durch das tschechisch-deutsche Grenzgebiet, denn die vermeintliche Urlaubsreise ist eine Flucht. 

Vier Tage später fällt die Berliner Mauer, da sind wir schon in Frankfurt am Main. Willkommen in der Bundesrepublik. 

Meinen fünften Geburtstag feiern wir wiedervereint mit meinem Vater, der sich bereits im Herbst 1988 bei einem Theater-Gastspiel in West-Berlin absetzen konnte. 
Meine Eltern waren unangepasste Bürger:innen eines Staates, der Unangepasstheit mit Perspektivlosigkeit strafte. In der DDR zu bleiben, war für sie keine Option, aus Sorge, dass wir Kinder in diesem Land nie eine Chance auf eine selbstgestaltete Zukunft bekommen würden. Ich kann mir bis heute kaum vorstellen, wie sich meine Eltern in dieser Zeit gefühlt haben müssen. Einige der Briefe, mit denen sich mein Vater in der Hoffnung auf Unterstützung an westdeutsche Politiker:innen, Rechtsanwält:innen und den Rundfunk wandte, und die durchaus zugewandten, aber von minimalen Handlungsspielräumen bestimmten Antworten bezüglich der Übersiedlung der restlichen Familie, zeugen von der Ungewissheit und Verzweiflung unserer Situation. Ich selbst habe keine bewusste Erinnerung an diese vierzehn Monate lang dauernde Zeit der Trennung. Die Erleichterung, wieder zusammen zu sein, hat scheinbar vieles überlagert.

In unserem Familienalltag spielte die DDR fortan kaum eine Rolle. 

Dass ich aus einem Land komme, das nicht mehr existiert, war mir damals nicht wirklich bewusst. Meine Kindheit bestand aus Pittiplatsch und Raumschiff Enterprise, Frankfurt Gallusviertel und Karl-May-Museum, meinen Sorgen und Sehnsüchten in der südhessischen Provinz, in die wir bald zogen, und Karlsbader Schnitten am Abendbrottisch meiner Großeltern. Ich habe nicht hinterfragt, dass da sehr unterschiedliche Welten aufeinandertrafen, mir schien es selbstverständlich, dass ein Mensch sich aus verschiedenen Erlebnissen und Eindrücken zusammensetzt. Aber da ist auch die Erinnerung daran, wie ich nach einem Besuch bei den Großeltern auf einmal mit sächsischem Dialekt zu sprechen begann. Oder an die zwei Grundschulfreunde, die wie ich aus Ostdeutschland stammten und einen mitunter nostalgischen Umgang mit DDR-Kultur pflegten. Mir war das eher suspekt. Gleichzeitig war ich ja offenbar versucht, etwas von meiner ostdeutschen Herkunft in mir selbst wiederzufinden. 

Woher kam mein diffuser, seltsam unentschiedener Wunsch zur Abgrenzung, nach West und Ost gleichermaßen?

In meiner eigenen Familie gab und gibt es beides: Ablehnung und Verteidigung der DDR. Diejenigen, die froh waren, sie endlich hinter sich gelassen zu haben und diejenigen, bei denen ihr Untergang eine riesige Lücke hinterließ. Die Jahre nach dem Fall der Mauer ließen wenig Zwischentöne zu, der öffentliche Diskurs zeichnete die Wiedervereinigung als Erfolgsgeschichte, die nur Sieger:innen kennt. Dass selbst in den Familien mitunter nur wenig über die Erfahrungen der Wendezeit gesprochen wurde, zeigt das Ausmaß der kollektiven Leerstelle, die hier entstand. Mehr als drei Jahrzehnte später stellt sich langsam eine Ahnung davon ein. So wie zu Zeiten der DDR „niemand nur Rebell oder Angepasster war“, wie es der Bürgerrechtler und Journalist Roland Jahn formulierte, so hat der Umbruch 89/90 komplexe Spuren und Verwerfungen in Biografien gezeichnet, die tief in die Nachwendegeneration hineinwirken. 

Ich habe die DDR nicht bewusst erlebt. Aber ich glaube heute mehr denn je, dass ich auch von ihr geprägt bin. Oder vielmehr: von ihrem Verschwinden. 

Im Osten geboren, im Westen sozialisiert, hat mich das Gefühl, ein Außenstehender zu sein, mein Leben lang nicht losgelassen. Mir ist ein Gefühl der Wurzellosigkeit zu eigen. Ich kenne den Wunsch, dazuzugehören, die Suche nach dem eigenen Fundament. Ich spüre in mir eine Identifikation mit Ostdeutschland. Gleichzeitig ist mir Ostdeutschland fremd. Ich bin in einem Land geboren, mit dem mich kaum bewusste Erinnerungen verbinden und über das wir zu Hause wenig gesprochen haben. Trotzdem war unsere Herkunft immer irgendwie präsent. Es ist dieses Dazwischen-Sein, das mich geprägt hat. 

Die Unmöglichkeit, sich zu verorten, weil ein wichtiger Teil im Koordinatensystem der eigenen Biografie verschwunden und nicht wiederauffindbar ist. 

Ich ertappe mich bis heute gelegentlich dabei, wie ich das manchmal ausspiele: West gegen Ost, aber ohne echten Kompass. Eine Idee oder Haltung, zu der ich mich kritisch verhalte, findet sich dann schon mal als „wessimäßig“ diskreditiert. Und denke ich kritisch über etwas nach, das ich mit dem Osten assoziiere, bin ich froh, „damit“ nichts mehr zu tun zu haben. So springe ich zwischen den Stereotypen der Ost-West-Dichotomie hin und her. Und reproduziere damit die Sprachlosigkeit, die diesem extrem schematischen Denken zugrunde liegt. Ich hätte mir manchmal gewünscht, dass ich es einfacher habe in meiner Suche nach Identität. Während der Umbruch der Wende im Osten Deutschlands eine Binnensolidarität gefördert hat – man muss zusammenhalten, um nicht zu verschwinden – hatte ich im Westen wenig Verbindung zu anderen Ostdeutschen meiner Generation. Mein Gefühl von Zugehörigkeit blieb letztlich abstrakt und brüchig. 

Und so passierte mir gelegentlich, was vielen DDR-Bürger:innen passierte, die sich nicht anpassen, aber dennoch ihren Alltag leben wollten. Man kreiert sich eine eigene Welt. Permanent Vacation. 

Für meine Generation der Nachwendekinder wünsche ich mir, Räume entstehen zu lassen, in denen wir zu einem Sprechen über unsere, aber auch die Erfahrungen unserer Eltern und Großeltern kommen. In denen wir die komplexe Realität unserer Biografien zwischen den Welten anerkennen und das Gefühl der Zerrissenheit, dass sich darin verbirgt, ein Stück weit besser verstehen können. 

 

Podiumsdiskussion im Theater Bremen zu 35 Jahre Mauerfall am Samstag, dem 9. November um 18 Uhr im noon / Foyer Kleines Haus.

 

 

Veröffentlicht am 8. November 2024

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