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#orangetheworld Und außerdem

Renata und ihre Schwestern

Diagnose „Hysterie“: Musiktheaterdramaturgin Pia Syrbe wirft anlässlich des Internationalen Tags zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen am 25. November einen Blick auf’s Opernrepertoire.

Salome, Ophelia, Mimì, Violetta, Cio-Cio San, Renata – die Oper kennt viele Frauenfiguren, die das Ende des Abends oft nicht erleben dürfen. Dabei ist das Phänomen der von Männern beschriebenen Weiblichkeit, die nicht überleben kann, keine Neuheit und als Problem schon in verschiedensten Inszenierungen und Überschreibungen thematisiert worden. Doch woher kommt die Faszination für eine entfesselte Weiblichkeit, für Frauen in Extremzuständen?

Der romantische Opernkanon, entstanden im 19. und frühen 20. Jahrhundert, zelebriert häufig den Tod der schönen jungen Frau, das Thema war Faszinosum für zahlreiche Komponisten.

Nicht selten sind diese Geschichten mit einer Frauenfigur versehen, die man zu ihrer Entstehungszeit mit verschiedenen Diagnosen beschrieben hätte, besonders beliebt: die Hysterie. Schon ihr Name (altgriechisch hystéra bedeutet Gebärmutter) verrät, wo man in der Antike die Ursache des Übels vermutete, das Männer über Jahrhunderte zu beschreiben und einzudämmen suchten – eine Frau, die nicht in patriarchale Konventionen passt, die sich den Normen widersetzt und auffällige Symptome zeigt. Die anhaltende Beschäftigung mit der „Hysterie“ fällt im 19. Jahrhundert mit der Geburtsstunde der Psychoanalyse zusammen, das Interesse am menschlichen Geist wuchs, neue Erklärungsansätze wurden für das Krankheitsbild gesucht und nicht mehr nur der Körper als mögliche Ursache in Erwägung gezogen.

Berühmte Ärzte der Zeit widmeten sich dem Thema und hatten berühmte Patientinnen.

Sigmund Freud seine „Dora“, Josef Breuer seine „Anna O.“ und Jean-Martin Charcot seine „Augustine“. Diese Frauen prägten das Bild bestimmter Diagnosen. 1895 veröffentlichten Freud und Breuer ihre Studien über Hysterie und schufen damit die erste Abhandlung der Psychoanalyse. Besonders beeinflusste das Bild der Hysterie zuvor Jean-Martin Charcot, der an der Pariser Salpêtrière lehrte. Eine Klinik, in der er auch die Hysterie zum Untersuchungsgegenstand machte. Um diese zu beschreiben und zu systematisieren, wählte er das neue Medium der Fotografie und schuf so eine eigene, bis 1880 veröffentlichte Ikonografie, in welchen äußerlichen, körperlichen Gesten sich diese Krankheit zu äußern hatte. In seinen Hörsaaldemonstrationen ließ Charcot seine Patientinnen die vermeintlich typischen Gesten vorführen, vor Ärzten, Studenten, aber auch Schriftstellern und Malern, die durch diese Darstellungen inspiriert wurden und sie in die populäre Kultur trugen.

So beeinflusste die Medizingeschichte auch die populären Medien, Kunst und Kultur und andersherum.

Für beliebte Rollenbilder der Zeit, z.B. die femme fatale, gab es nun nicht nur den Ansatz einer medizinischen Beschreibung, sondern auch zahlreiche Kunstwerke, Fotografien, Opern. Obwohl diese Zeit die Grundlagen moderner Psychiatrie legte, prägte sie gleichzeitig auch ein Frauenbild, das pseudowissenschaftliche Ideologien befeuerte und den Nährboden bot für Theorien, die andere ideologische Auswüchse begünstigten und erst ermöglichten, wie z.B. der Versuch, die „Rassenlehre“ durch pseudowissenschaftliche Erkenntnisse zu untermauern.

Frauen kleinzumachen, zu unterdrücken, sie auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen, sie in die Küche oder auch ins Krankenhaus stecken zu wollen, hat im Patriarchat lange Tradition.

Dabei gab es immer wieder neue Erklärungsansätze, Deutungsmuster und Gesetze, die dafür sorgten, die Tradition zu wahren – sei es der berühmte Hexenhammer, „die Frau schweige in der Kirche“ oder das Krankheitsbild „Hysterie“. Im europäischen Mittelalter und der frühen Neuzeit wurde die Hexerei, manchmal auch „dämonische Besessenheit“ von Frauen konsequent verfolgt. Viele Phänomene, die historisch als Indiz für Hexerei oder auch „Besessenheit“ gedeutet wurden, bekamen später andere Namen und Diagnosen, u. a. Hysterie. Weiblicher Wut, Unangepasstheit oder auch nur dem Widersprechen gegen gesellschaftliche Normen kam man nun durch Pathologisierung bei – damit musste man Frauen nicht mehr glauben, sie nicht mehr als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft ernstnehmen.

In der Figur der Renata in Der feurige Engel werden verschiedene dieser Aspekte vereint.

Sie erlebt psychische Ausnahmezustände und ist mit ihrem Ursprung als Romanfigur ein klassisches Beispiel für eine „Hysterikerin“ der Jahrhundertwende. Gleichzeitig ist mit der Setzung des Romans ins deutsche Mittelalter die Zeit der Hexenverbrennung mit abgedeckt, die die Parallele zwischen psychisch kranken, nicht konformen Frauen mit der Verfolgung als Hexe deutlich macht. Renata wird Opfer der Inquisition, ihr psychisches Leiden wird nicht ernstgenommen, sondern soll ihr durch einen Exorzismus ausgetrieben werden. Damit ist der Exorzismus auch eindeutig als Disziplinierungsinstrument zu lesen, das herangezogen wird, um auffällige Personen gefügig zu machen. Renatas Schicksal ist nicht nur mittelalterlich – sie wird Opfer einer hochgefährlichen Praxis, die in Deutschland offiziell in den 70er Jahren zum letzten Mal einer Frau widerfuhr.

Dennoch hat Papst Leo XIV. im September dieses Jahres die Arbeit der Exorzisten für die katholische Kirche gewürdigt und sie als heikle, aber notwendige Aufgabe bezeichnet.

Mit der Wahl von Stoffen wie Der feurige Engel für eine heutige Aufführung entscheidet man sich dazu, diese Themenkomplexe zu bearbeiten, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und eine heutige Perspektive auf die Kämpfe der Figuren auf der Bühne zu werfen – in der Hoffnung, dass dadurch ganz reale Konflikte sichtbar werden. Sie regen zum inhaltlichen Austausch an, zur Problematisierung der ihnen eigenen Themen und machen sichtbar, was sonst ungesehen bleibt. Doch Renatas Geschichte steht stellvertretend für nur eine von vielen Formen patriarchaler Gewalt und bildet keineswegs die gesamte Realität marginalisierter Menschen ab.

Ganz zu schweigen von Lesben, transfemininen Personen, intergeschlechtlichen oder nichtbinären Menschen, BIPoC oder Menschen mit Behinderung.

Mehrfach Marginalisierte haben noch viel umfangreichere Kämpfe kämpfen müssen und sind nach wie vor von Diskriminierung und Gewalt betroffen. Viele von ihnen sind heute bedroht, in einem politischen Klima, das Nährboden für rechtsextreme und konservative Gesinnungen bietet, in dem viele Menschen sich nicht mehr für ihre menschenverachtende Haltung zu schämen scheinen, in der rechtsextreme Inhalte wieder salonfähig werden. In einer Welt, in der jeden Tag eine FLINTA*-Person Opfer von patriarchaler Gewalt wird, in der jede dritte Frau häusliche Gewalt erfährt und in der fast jeden Tag ein Femizid verübt wird. Dabei sind die Geschichten von marginalisierten Frauen und den Umständen, deren Opfer sie werden, aktueller denn je. Sie sollten uns umso mehr zu aktivistischer, politischer Auseinandersetzung anhalten, ermutigen und wütend machen. Auch auf der Theaterbühne.

 

Veröffentlicht am 25. November 2025.

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