Angefragt für einen Beitrag zum Thema „Wie wollen wir in Zukunft leben?“ stellen sich mir die Fragen: „Wer oder was bestimmt darüber, wie wir in Zukunft leben wollen bzw. können? Welche Gestaltungsräume stehen wem offen? Wie kommen wir zu mehr Solidarität?“

Apropos Verschließung/Teilhabe – Wer verfügt über Zugang zu Kommunikationsmitteln?

Eigentlich versinke ich derzeit als Lehrende und Forschende an der Universität im Gegenwärtigen, in Arbeit: Eine für mich in diesem Ausmaß neue Disziplinierungsform legt mich in Beschlag. Zugleich bin ich privilegiert und froh, geschützt von zu Hause aus weiterarbeiten zu können. Was durch die notwendige Digitalisierung von Lehre und Lernen zwecks körperlicher Distanzeinhaltungen für das Bildungssystem als „Digitalisierungsschub“ bezeichnet wird, nötigt mich täglich stundenlang eindimensional vor meinem kleinen Computer zu sitzen und meine vielseitigen Arbeitsebenen, soweit möglich, darüber zu mediatisieren. Über den Bildschirm stehe ich mit denjenigen in Kontakt, die auch Zugang zu entsprechenden Geräten und Internetverbindungen haben. Über diejenigen, mit denen ich gerade nicht in Verbindung komme und die sich nicht medial vermitteln können, erfahre ich nichts, seien es Studierende, Kolleg*innen oder Mitmenschen in der Stadtgesellschaft. Auch bei der Medienrezeption zu den Auswirkungen der Pandemie fällt mir derzeit besonders auf, wie wenig doch Menschen angehört werden, die nicht zu den Privilegierten wie ich, die medial angeschlossen sind, gehören.

Apropos existenzielle Un-/Sicherheiten – Wer kann sich besser schützen?

Über den Zugang zu Medien und Digitalisierung hinaus gefährden derzeit weitere Differenzlinien die Teilhabemöglichkeiten und den gesellschaftlichen Zusammenhalt: zum Beispiel die Markierung als zugehörig zu „Risikogruppen“ oder die Unterscheidung danach, welche Arbeiten als „systemrelevant“ oder nicht gelten. Davon ist gerade auch das kulturelle und sozial-körperliche Zusammenleben, dem sich Kulturschaffende und Kulturwissenschaftler*innen widmen, betroffen. Der wohl existenziellste soziale Unterschied bezüglich der Pandemie dreht sich jedoch um die Frage: Wie viel Lebens- und Schutzraum, Bewegungs- und Existenzsicherungs-Möglichkeiten hat welche Person? Da räumliche Enge, vor allem mit Armut und sozialer Marginalisierung verbunden, die Ansteckungsgefahr erhöht, wie wir hier anhand von Geflüchteten-Unterkünften, Altenheimen oder Fleischereibetrieben mitbekommen, verweist diese Frage auch auf extreme Ungleichheiten im transnationalen Kontext. Es trifft all jene besonders, die in Großstädten, Heimen, Fabriken oder Lagern in räumlicher Nähe ohne Möglichkeiten des Rückzugs leben, also über die Hälfte der Weltbevölkerung. Die Auswirkungen der Pandemie auf bestehende soziale und ökonomische Ungleichheiten, hier und transnational, bedürfen der Erkundung und konkreten Hilfeleistung.

Apropos Diversity – Lob der Vielfalt oder Diskriminierungskritik und soziale Öffnung von Institutionen?

Jede*r trägt zu der Gestaltung dieser Zukunft bei. Doch nicht alle haben, wie aktuell durch die Pandemie deutlich wird, die gleichen Möglichkeiten dazu. Mit sozialer Ungleichheit und Fragen, wie gegen individuelle, institutionelle, strukturelle und historische Diskriminierung vorgegangen werden kann, um zu gerechteren Verhältnissen zu kommen, und wie sich die Öffnung unserer Institutionen für die Breite der Gesellschaft vorantreiben lässt, beschäftige ich mich in Wissenschaft und Praxis unter dem Ansatz von Critical Diversity & Social Justice. Die Critical Diversity Studies stehen üblichen Verwendungen von „Diversity“ als simple, beliebige und essentialisierte Vielfaltskategorie entgegen. Sie nehmen Diversität und Formen sozialer Ungleichheit nicht als gegeben an, sondern untersuchen, wie Unterschiede im Rahmen bestimmter Machtverhältnisse hervorgebracht und nutzbar gemacht werden. Die Critical Diversity Studies widmen sich historischen und aktuellen Prozessen der Ungleichmachung wie Sexismus und Heteronormativität, Othering, Rassismus und White Privilege, Ableismus und Bodyismus, Diskriminierung aufgrund von Alter, Religionszugehörigkeit, sozialer bzw. kultureller Herkunft, Rechtsstatus, Staatsangehörigkeit bzw. Staatenlosigkeit. Sie tun dies mit dem Ziel, das kritische Wissen zu nutzen, um Antidiskriminierungs-, Dekolonisierungs-, Demokratisierungs- und Empowerment-Prozesse zu fördern, als Eckpfeiler einer sozialen Öffnung von Kultur- und Bildungsinstitutionen.

Apropos Privilegien – Wie bin ich positioniert und welche Gestaltungsräume habe ich?

„Dekolonisierung“ beispielsweise meint auf Personen bezogen die Selbstbestimmung und -ermächtigung derjenigen, die kolonialisiert bzw. rassialisiert wurden und werden, wie Grada Kilomba in Plantation Memories hervorhebt. Die Dekolonisierung wird getragen von zu „Anderen“ gemachten Personen(gruppen), unterstützt von denjenigen, die sich aktiv gegen Rassismus einsetzen und dabei eigene Privilegien reflektieren und sie aufzugeben bzw. zu teilen bereit sind. Die Reflexion der eigenen Positionierungen und Privilegien ist ein wichtiger Schritt für Bündnisse und Formen der Solidarisierung.

Apropos Social Justice – Weshalb brauchen wir intersektionelle, kritische Diversity Perspektiven?

Der Begriff der Intersektionalität, wie ihn die Juristin Kimberlé Crenshaw in den Black Feminist Studies postuliert, bezieht sich auf die Kritik an monokategorial ausgerichteten Antidiskriminierungsmaßnahmen, hier gegen Rassismus oder Sexismus, da sie der Komplexität verwobener Diskriminierungsformen, wie sie im Beispiel Schwarze Frauen erleben, nicht gerecht werden. Der Ansatz fragt nach denjenigen, die aus dem Rahmen des Rechtsschutzes herausfallen. Mehrfachdiskriminierung bleibt auch gemäß AGG, dem Deutschen Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz von 2006, das Diversitätsdimensionen aneinanderreiht, ungeschützt. Dies gilt es zu beachten und zu verändern.

Intersektionalität verhindert, dass wir uns nur mit der eigenen Benachteiligung befassen, ohne Verständnis und Mitgefühl für andere Diskriminierungs- und Unterdrückungsformen. Dies betrifft gerade auch soziale Bewegungen und Formen von Identitätspolitik, die es im Sinne eines strategischen Essentialismus (Spivak) für gemeinsamen Widerstand braucht. Eine intersektionelle Perspektive ist also sowohl für die Critical Diversity Studies grundlegend als auch für Praxisverknüpfungen des politischen Projekts Social Justice, das offen und anerkennend sein möchte gegenüber diversen, verwobenen Formen von Diskriminierung, um (identitäts-)gruppenübergreifende Solidarität zu ermöglichen.

Wie kommen wir zu mehr Solidarität?

Um gegen Diskriminierung vorgehen und – über den eigenen Teller-/Computerrand hinaus – den sozialen Zusammenhalt stärken sowie die breite Teilhabe an Kultur und Bildung fördern zu können, erachte ich eine intersektionelle kritische Diversity Perspektive für grundlegend.

Für solidarisches Handeln brauchen wir Räume zur (Selbst-)Reflexion von Privilegien sowie die Bereitschaft zum Wahrnehmen und in Beziehung-Gehen mit Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsbereichen und den Einbezug derjenigen, die aus den Strukturen, den Schutz- und Sicherheitssystemen herausfallen. Die Zusammenarbeit in gemeinsamen Projekten kann gruppenübergreifende Bündnisse und damit den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern.

Auch „Solidarität“ ist in der Tat mit vielen Fallstricken verbunden, z. B. Paternalismus, Fürsprache oder auch Widerstand und Grenzüberschreitungen. Was als „solidarisch“ gilt, bestimmen jedoch nicht diejenigen, die sich darum bemühen, sondern diejenigen, die sie erfahren.

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