Im Dezember 2017 kürt ihn die bosnische Zeitschrift SNL zum „Designer des Jahres“, im April 2018 eröffnet er die 40. Sarajevo Fashion Week mit seiner neuen Kollektion GenerationZ 18, er arbeitet zudem als Stylist vertreten durch die 21 Agency und seit 2014 auch als Kostümbildner – unter anderem für das Theater Bremen: Emir Medic liebt alle seine Berufe und empfindet sie als Berufung: „Uns wird immer beigebracht, man müsse sich für einen Weg entscheiden, aber ich verstehe alle drei Sachen als ein Gebiet, alles steht unter dem Überbegriff Mode, und darin bediene ich drei Zweige – und ich denke, man sollte sich nicht eingrenzen oder einschränken, nur weil es sonst nicht in ein Schema passt.“

Egal in welchem Job, die Arbeit im Team ist immer ausschlaggebend.

Seine Kreativität kann Medic dabei immer ausleben, nur die Anforderungen sind jeweils sehr unterschiedlich, besonders wenn es um Modedesign und Kostümbild geht: „Mode sollte immer am Zeitgeist dran sein, Theaterkostüme müssen das nicht.“ Egal in welchem Job, die Arbeit im Team ist immer ausschlaggebend. Am Theater müssen die Kostüme mit dem Bühnenbild und dem Regiekonzept zusammengehen, sich gegenseitig ergänzen und bereichern. Mit Die rote Zora und ihre Bande und Jugend ohne Gott macht Medic gerade seine achte und neunte Arbeit am Theater Bremen. „Mich zwischen diesen beiden Proben zu bewegen, ist, wie zwischen zwei Welten zu pendeln“, beschreibt er seinen Alltag.

Was trägt ein Schnösel?

Während er für das Familienstück Die rote Zora versucht, aus Kinderperspektive auf die Bühne zu schauen, entwickelt er für Jugend ohne Gott viel abstraktere Kostüme, die dem Publikum einen eigenen Interpretationsraum bieten sollen. „Bei Die rote Zora habe ich überlegt, wie ich mir als Kind eine Kämpferin für Gerechtigkeit vorgestellt hätte und habe dann aus Zoras Perspektive weiterüberlegt, wie sie wohl die Menschen um sich herum wahrnimmt: Was trägt ein Schnösel? Was ein freundlicher Fischer? So habe ich diese Kostüme dann entworfen. Bei Jugend ohne Gott sieht der Lehrer so aus, wie man sich einen typischen Lehrer vorstellt und die anderen Figuren entstehen aus seinem Inneren: sie umschwirren ihn wie Krähen – und ihre Kostüme haben deshalb in der Silhouette auch etwas, das an diese Vögel erinnert.“ Wichtig für Emir Medic ist es dabei auch, die Schauspieler*innen in den Entstehungsprozess der Kostüme einzubeziehen: „Ich arbeite für sie und mit ihnen, ich will niemanden in ein Kostüm zwingen, es lassen sich immer Wege finden, wie man etwas personen- oder typgerechter gestalten kann. Zuhören ist dabei ganz wichtig, das gehört auch zu meinem Job, ein gewisses Feingefühl zu haben.“

Ich wollte immer einfarbig bleiben, das hat aber nie geklappt

Die Nähmaschine ist der Sound seiner Kindheit. 1993 kommt Emir Medic mit seiner Familie nach Deutschland, geflüchtet aus Bosnien und Herzegowina, wo er in Doboj 1986 geboren wurde und seine Mutter als Hebamme arbeitete, findet sie nun in diesem Beruf in Deutschland keine Arbeit und packt die Nähmaschine aus. Schon ihr Vater war Schneider, sie hat das Handwerk von der Pike auf gelernt. Als Medic selbst beginnt, sich für Mode zu interessieren, hat er die volle Unterstützung seiner Familie. Nach seiner Ausbildung zum bekleidungstechnischen Assistenten, studiert er an der Hochschule Niederrhein Modedesign und absolviert anschließend ein Studium als Mode- und Kommunikationsdesigner an der Akademie Design Department in Düsseldorf. Während seines Studiums lernt er bei verschiedenen Designern, u. a. bei Bernhard Willhelm in Paris. „Ich habe einfach ein gutes Händchen für Muster und Farbzusammenstellungen“, erzählt Medic, „am Anfang meines Studiums wollte ich aber unbedingt einfarbig bleiben. Das hat aber nie geklappt, am Ende waren es immer Dessins und Prints mit denen ich am liebsten gearbeitet habe.“

„Humans for Up“

Im letzten Sommer hat Medic gemeinsam mit der Politologin Melissa Christov ein neues Projekt ins Leben gerufen. Mit „Humans for Up“ machen sie aus alten Kleidern neue: „Jedes Jahr kauft jeder Mensch in Deutschland im Durchschnitt 60 Kleidungsstücke, viele bleiben ungetragen. In Ländern wie Bangladesh werden Näher und Näherinnen weiterhin ausgebeutet. Chemikalien verpesten die Umwelt und gefährden Menschenleben“, erklärt er das Konzept dahinter: „Wir möchten Mode lokal und nachhaltig produzieren. Aus gut erhaltenen Kleiderspenden und Überproduktionen großer Unternehmen, lassen wir neue Kleidungsstücke entstehen.“ Genäht werden die Kleidungsstücke von Schneiderinnen, die geflüchtet sind, Medic und Christov wollen so Menschen eine Chance auf dem Arbeitsmarkt geben, die keinen gradlinigen Lebenslauf haben: „In unserem Projekt arbeiten wir mit Charakteren. Während viele Personalchefs keine Lücken auf dem Karriereweg dulden, möchten wir viel lieber Talente fördern.“ 

www.emirmedic.de

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