Tampons, Tabus und Theater
Rot ist doch schön! heißt das Buch von Lucia Zamolo, nach dem das neue Moks-Stück Läuft bei mir entstanden ist. Vivien Koschig aus der Marketingabteilung hat mit der Autorin gesprochen.
Vivien Koschig: Liebe Lucia, am Theater Bremen, genauer gesagt im Moks, stehen wir kurz vor der Premiere von Läuft bei mir, eine Produktion die auf deinem Buch Rot ist doch schön! basiert. Dieses „Sammelsurium an Gedanken und Geschichten rund um das Thema Menstruation“, wie es dein Verlag beschreibt, hast du geschrieben und illustriert im Rahmen deines Studienabschlusses. Wie kam es dazu, dass du dich ausgerechnet in deiner Bachelorarbeit so intensiv mit dem Thema Menstruation auseinandergesetzt hast?
Lucia Zamolo: Es war mein Wunsch, dass das Buch etwas wiedergibt, was mich gleichermaßen berührt, was Spaß macht und einen Mehrwert generiert. In der Vorbereitungszeit ist meine Mitbewohnerin eingezogen und wir haben gemerkt, dass das Thema Menstruation mehr Normalität erfahren hat: unsere Unterleibsschmerzen nicht geheim zu halten, eine gemeinschaftliche Tamponbox im Bad zu teilen und mehr im Austausch über unseren Zyklus zu stehen. Diese Erfahrung und meine Gedanken dazu, die ich bereits in Tagebucheinträgen festgehalten hatte, bewegten mich schlussendlich dazu, das Thema in dieser Form zu verarbeiten.
In deinen Abschlussworten sprichst du davon, dass du deine Projektidee häufig erklären und verteidigen musstest. Was denkst du, warum war das so? Welche Momente sind dir besonders im Gedächtnis geblieben?
Wenn ich über das Projekt gesprochen habe, gab es Personen, die interessiert Nachfragen gestellt und mich in meinen Ideen bestärkt haben. Oder jene, die nicht viel darüber gewusst haben, von denen keine Dringlichkeit darin gesehen wurde, sich dafür zu interessieren und darüber zu informieren. Ich denke es fehlte an der Stelle eine Vorstellung davon, was das für ein Buch wird. Selbst ich konnte mir das lange nicht genau vorstellen und habe es im Prozess entwickelt. Man muss auch dazu sagen, dass das Buch im Jahr 2017 erschienen ist. Zu der Zeit fingen Unternehmen in Deutschland erstmalig an, dem Thema eine öffentliche Leichtigkeit einzuhauchen. Ob sich diese Enttabuisierung allerdings außerhalb einer Bubble, vor allem global gesehen, weiterträgt, wage ich anzuzweifeln. Deswegen erinnere ich mich gerne an Situationen, in denen ich Menschen, die dem Thema zunächst abgewandt entgegengetreten sind, Abneigung und Scham nehmen konnte.
Bücher wie deines zeigen immer wieder, wie viel Unwissenheit es über menstruierende Körper gibt – auch, weil viele Bereiche bis heute unzureichend erforscht sind. Ich habe das Gefühl, man kann stetig etwas Neues dazulernen. Gab es eine Erkenntnis, die dich besonders überrascht oder nachhaltig beschäftigt hat?
Ich habe mich während der Recherche auch mit der historischen und kulturübergreifenden Entwicklung des Themenkomplexes Menstruation auseinandergesetzt. Da musste ich oft lachen und fand es gleichermaßen traurig, dass menstruierende Personen in die verrücktesten Umstände gedrängt worden sind. Zum Beispiel, dass man Menstruierenden nicht in die Augen blicken dürfe, da sie einen krankmachenden, „bösen Blick“ besitzen würden. Dieser über Jahrhunderte geprägte Umgang des Geheimhaltens braucht weiterhin Aufmerksamkeit, um aufgebrochen zu werden, um Menstruierende dabei zu unterstützen, sich in diesem naturgegebenen Schmerzzustand Erleichterung zu verschaffen.
Läuft bei mir ist bereits die zweite deiner Publikationen, die auf einer Theaterbühne umgesetzt wird. Was wünschst du dir von der Inszenierung – für dich selbst und für das Publikum?
Ich habe meine Bachelorarbeit von vornherein als Gesprächsanstoß verstanden. Die Adaption ist eine Chance, dass die Inhalte des Buches weitergesponnen werden können. Wo ist noch Luft nach oben? Wie können wir es den Menschen noch angenehmer machen in dieser Situation, vor allem so, dass sie sich gesehen fühlen? Und wichtig: dabei nicht den Humor verlieren! Damit gesehen wird, wie viel es für alle zu erfahren gibt und wie locker man dieses Thema besprechen kann.
Warum ist Rot ist doch schön! – und nun auch Läuft bei mir – auch für Menschen relevant, die selbst nicht menstruieren?
Abseits von den biologischen Inhalten, die man (vielleicht) in der Schule lernt, gibt es vielfältige Wege, wie sich der Zyklus auswirken kann. Vor allem hinsichtlich der Auswirkungen auf die Gefühlswelt und das alltägliche Leben. Ich hoffe, dass sich durch den Austausch im privaten und öffentlichen Raum ein Verständnis, eine Rücksichtnahme und Berücksichtigung ihrer Beschwerden und Bedürfnisse entwickelt. Der Hormonhaushalt einer menstruierenden Person ist nicht gleichzusetzen mit dem stabileren Hormonhaushalt eines Mannes. Es sollte nicht erwartet werden, dass sich in ein von Leistung getriebenes System reingequetscht werden muss. Dass man nicht funktionieren muss, wenn es nicht geht.
Veröffentlicht am 21. November 2025.