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Und außerdem #Kritik?! #Werner

Wenn die Kritik fehlt: Eine Schauernovelle

Literaturwissenschaftler und Journalist Hendrik Werner arbeitet an einer „Schauernovelle“, die den Arbeitstitel Der Spleen von Bremen trägt. Ein Auszug.

Der Literaturwissenschaftler und Kulturjournalist Hendrik Werner arbeitet seit Januar dieses Jahres an einer „Schauernovelle“, die den Arbeitstitel Der Spleen von Bremen trägt. Der folgende Text ist ein Auszug, der sich der Chronik der laufenden Ereignisse verdankt.

 

Iden des März

Von seiner Dachterrasse in der Alten Neustadt kann Munkel, der sich bereits Anfang März aus ihm plausiblen Gründen freiwillig in Quarantäne begeben hatte, das heruntergefahrene Leben auf dem Neuen Markt verfolgen. Ungewöhnlich mild ist es; am Monatsende wird Bremen - à la bonne heure! - das wärmste Bundesland gewesen sein. Und ein blühendes, befriedetes Balkonien begünstigen, das auch ohne ansteckende Après-Ski-Freude, speichelnde Karnevalisten und horrende Netzfilme wie „Der Atem der Anderen“ für Zerstreuung bürgt. Wenn Munkel sich ein bisschen über die Brüstung beugt, erhascht er einen Blick auf den Kleinen Roland. Der harrt an der Südseite des langen Platzes in hehrem Harnisch, als sei er ein zu Kunstgeschichte geronnener Einspruch. Gegen den schwindelerregenden Mahlstrom der Zeit; gegen die Zumutungen des zwar weithin entleerten und doch enger werdenden öffentlichen Raums. IM NAMEN DES RASENDEN STILLSTANDS. Die - abgesehen von ihrem sträflich schutzlosen Antlitz - umfänglich gewappnete Gestalt auf der Sandsteinsäule, eine Allegorie des selbstbewussten Bürgertums im frühen 18. Jahrhundert, schaut, so scheint es Munkel jedenfalls im jäh stärker gewordenen Sonnenlicht des anhebenden Frühlings, keck, ja kühn in die Richtung des gut drei Jahrhunderte älteren Originals.

Jene mächtige Statue thront auf der anderen Weserseite. Gegenüber dem prächtigen, dieser Tage entscheidungsträchtigen Bremer Rathaus. Dort, wo die Herolde des Todes, die Sachwalter der Überlebenden sind, seit Wochen Distanz, Durchhaltevermögen und Delikatessen dekretieren, um der zermürbten Bevölkerung zumindest eine paradoxe Schwundexistenz zu ermöglichen. RAUM IST IN DER KLEINSTEN HÜTTE. ENTFERNUNG SCHAFFT NÄHE. ÜBERSEE-MUSEUM ERÖFFNET VIRTUELLE PANGOLIN-SCHAU. Dort, wo mangels gangbarer Alternativen in der gedehnten Gegenwart die Prinzipien Hoffnung, Solidarität und Pietät regieren. Zu besichtigen, wiewohl vorerst nicht von Touristen, ist nunmehr ein Weltkulturerbe-Bezirk mit maskierten Stadtmusikanten und tränenfeuchtem Trauerflor; ein trudelndes Häusermeer am strudelnden Fluss mit enervierten bis hysterischen Corona-Bewohnern unter News-Starkstrom. Dies- wie jenseits des weitläufigen Wasserwegs, der die längliche Stadt der Kolonien mäandernd teilt. Die imaginäre Sichtachse von den südlichen Gestaden gen Marktplatz eröffnet in Munkels privilegierter Perspektive insofern eine leidlich tröstliche Betrachtungsweise, als sie räumliche Zusammenhänge und analoge Zugehörigkeitsgefühle stiftet, die in dieser anhaltenden Phase sozialer Aushöhlung - 1 + 1 = 2 - notgedrungen rar werden. Spargelernte-Einsätzen zum Trotz.

Tage wie Hefe. Der längste Atem gehört zum Aphorismus. Plinius röchelt am Fuße des Vesuvs. NATURALIS HISTORIA für Fortgeschrittene. È più bello a casa. Today I don't feel like doing anything. I just wanna lay in my bed. ARBEITEN UND NICHT VERZWEIFELN. Paralipse des Monats: Nur keine Panik! Wer den ganzen Tag zu Hause bleibt, kann nicht in die Gracht fallen. Nach Corona ein Tagebuch zu schreiben. Der Bildschirm speit Welt in die Stube.  Zu bedauern alle: Lebende und Tote. Post von Carl Schmitt: Jetzt kostenlos Kredit ohne Schufa. Wie schreibt man PERSPEKTIVE.

Immerhin Munkels Lektüre ist aussichtsreich: Blaise Pascal, tröstliche Gedanken. Rührt das ganze Unglück der Menschen womöglich tatsächlich daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen. Den Neuen Markt, diesen außer Dienst gestellten Kontakthof, überqueren in der auf Dauer gestellten Karwoche, einem Advent ohne Shopping, entsprechend viele Menschen. Ein Fetzen Goethe schießt Munkel in den dank Antidepressiva und gleißendem Sonnenschein siechen Sinn. „Aus dem hohlen finstern Tor / Dringt ein buntes Gewimmel hervor. / Jeder sonnt sich heute so gern. / Sie feiern die Auferstehung des Herrn, / Denn sie sind selber auferstanden: Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern.“ Wohl denen, die sich Balkonszenen leisten können. Alle anderen wabern raus.  Tutti in Piazza: Gassigänger, Einkäufer, Luftschnapper. Ihre zugleich flüchtig und ungelenk anmutenden Gangarten und das zugehörige Theater besorgter Blicke signalisieren, dass der mangels Menschenmasse gehörig gewachsene Aktionsradius der verhinderten Flaneure keine Entsprechung in der Eleganz ihrer Fortbewegung haben kann.

„Michaela sagt, sie kann Sonntage nicht leiden“, singt Freund Sven auf Spotify, „denn da treiben alle Leute so wie Quallen durch den Tag.“ Aber dies, sagt sich wiederum Munkel, ist keineswegs einer dieser zum Müßiggang ladenden Sonntage, an denen selbst der Herr ruht. Vielmehr: ein weiterer Tag, an dem der Ausnahmezustand zur abwechselnd lähmenden und lärmenden Regel wird. Erneut ein Tag mit anschwellender Platzangst, rückläufigen Freiräumen, ängstlich absolvierten Ausgängen, vielen linkischen Gesten - und noch mehr Material aus dem Baumarkt, wenn’s dem niedersächsischen Nachbarn gefällt. DIESE STADT IST EBEN DOCH NICHT SO WEICH, WIE DU DENKST.

Als im Nebenhaus zum x-ten Mal an diesem Tag die Schlagbohrmaschine aufjault, will Munkel, dieser SONDERBARE FREMDLING, der im Geruch steht, ein Stubenhocker zu sein und dem Heimwerker seit jeher verdächtig sind, just zum Kopfhörer greifen, um auf Deutschlandfunk Kultur dem Podcast „Hilfe! Mein Nachbar wohnt neben mir“ zu lauschen, als das Telefon Laut gibt. Seit Jahr und Tag mit „Free Smoke“ von Drake: „Must have never had your phone tapped / All that yapping on the phone shit.“ Zunächst dringt menschliches Bellen an Munkels Ohr, dann ein energisches Räuspern, schließlich eine vertraut knarzende Stimme: „Hier spricht Kiffhäuser. Probe gerade meinen ersten Hustenanfall im Schauspielhaus. Kleiner Scherz. Gleich bin ich am Kopf der Schlange am Gartencenter. Bleibt’s bei deiner Großbestellung?“

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