Wenn Unterdrückung als Befreiung inszeniert wird
Über die Psychologie des Faschismus, über die Psychologie der Freiheit: Kurz vor der Premiere von Mario und der Zauberer Gedanken zu Manns bald hundert Jahre alten Novelle von Produktions-Dramaturg Johannes Schürmann.
Thomas Mann war nicht von Beginn an ein Befürworter der jungen Demokratie in Deutschland. In den 1920er Jahren änderte er seine politische Haltung deutlich und entwickelte sich vom national-konservativen Skeptiker der Weimarer Republik gegenüber hin zu einem ihrer Verfechter und einem entschiedenen Gegner des Nationalsozialismus. Mitten in diese Zeit der politischen Neuorientierung des Autors fällt im Sommer 1926 ein Urlaub mit der Familie im italienischen Forte dei Marmi am Tyrrhenischen Meer.
Die merkwürdigen Erlebnisse dieses Urlaubs verarbeitete Thomas Mann einige Jahre später in der Novelle Mario und der Zauberer.
Was als ein gewöhnlicher Sommerurlaub beginnt, wird für die Familie bald zu einer beunruhigenden Begegnung mit dem in Europa aufkommenden Faschismus – zunächst als eine Atmosphäre der Beklemmung und des latenten Zwangs. In der Novelle münden die Ereignisse in dem hypnotischen Auftritt eines Zauberkünstlers namens Cipolla – der wie ein Ortsdämon das Verhängnishafte dieser Stimmung verkörpert. Den Bemerkungen des Autors zufolge haben sich die Ereignisse an dem Badeort in ähnlicher Form zugetragen – bis auf das fatale Ende, eine dramatische Zuspitzung, auf die die Tochter Erika Mann den Vater gebracht haben soll. Bei ihrer Veröffentlichung 1930 entfaltet die Figur des Zauberers im Zentrum der Novelle eine Allegorie auf den in Europa aufkommenden Faschismus, dessen Macht auf der Bereitschaft der Menschen beruhte, sich verführen und unterwerfen zu lassen. Thomas Mann selbst beschrieb die Novelle als eine „stark ins Politische herüberspielende Geschichte“, die sich mit der „Psychologie des Faschismus“ ebenso wie mit der „Psychologie der Freiheit“ beschäftigt – allerdings mit der Freiheit in ihrer ‚Willensleere‘. Cipollas Triumph ist schließlich der Moment, in dem sein Publikum aufhört, sich zu widersetzen – aus Bequemlichkeit, aus Angst oder aus dem Verlangen, dazuzugehören.
Die merkwürdigen Zaubereien des Cipolla haben Ähnlichkeiten mit der Ideologie des postmodernen Faschismus, insbesondere mit seiner kalkulierten Ironie und Widersprüchlichkeit.
Was Cipolla mit diesem teilt, sind die Zaubertricks der Sprache. Ein Kernelement hat die Literaturwissenschaftlerin Sylvia Sasse als „Verkehrung ins Gegenteil“ bezeichnet. Es ist ein zentrales Kennzeichen faschistischer Rhetorik, wo Unterdrückung als Befreiung inszeniert wird. Diese sprachliche Figur ist unschwer in aktuellen Debatten aufzufinden – wenn etwa Ausgrenzung zu Schutz und Überwachung zu Sicherheit umgedeutet wird. Ebenso in Wladimir Putins Darstellungen des russischen Angriffskriegs als einer militärischen Operation zur „Entnazifizierung“ der Ukraine und gegen eine „Faschisierung Europas“. Gegenwärtig ist insbesondere der Begriff der „Remigration“ zu nennen. Eine Correctiv-Recherche zu einem Geheimtreffen in Potsdam mit unter anderem hochrangigen Vertretern der AfD löste 2024 eine massive öffentliche Reaktion und eine Vielzahl bundesweiter Gegenproteste aus. Heute hat dieser Begriff, der wie kein anderer für die Verkehrung völkischen Denkens in vermeintlich legitime Positionen in der deutschen Migrationsdebatte steht, seinen Weg in den politischen Sprachgebrauch gefunden.
Gut einhundert Jahre nach den denkwürdigen Ereignissen dieses Familienurlaubs lassen sich in der gegenwärtigen politischen Lage gewisse Parallelen zur gesellschaftlichen Situation der 1920er Jahre erkennen.
Die unangenehme und beklemmende Atmosphäre und das eigentümlich Bösartige der Stimmung in Thomas Manns Novelle sind in unseren neuen Zwanzigern gefühlsmäßig gut nachvollziehbar. Suggestive Rhetorik und schrille Empörungskampagnen peitschen die Gefühle auf und längst hat sich eine unheimliche Freude am Tabubruch breit gemacht. Mit ihrer Inszenierung von Thomas Manns Novelle Mario und der Zauberer lädt die Regisseurin Caroline Anne Kapp das Publikum dazu ein, gemeinsam darüber nachzudenken, wie wir heute als potenziell Verführbare mit solchen Verkehrungen umgehen. Wie erzeugen politische Narrative Angst? Was hat Angst mit Scham zu tun? Und wie sehr werden wir uns noch beschämen lassen?
Veröffentlicht am 14. Januar 2026.