„Wo Unsagbares geschieht“
Regisseur Frank Hilbrich im Gespräch über die Oper Doctor Atomic mit der Dramaturgin Frederike Krüger.
Frederike Krüger: „Die Manipulation des Atoms, die Freisetzung dieser früher unzugänglichen Quelle dicht konzentrierter Energie, ist die große mythologische Erzählung unserer Zeit.“, sagte Komponist John Adams auf die Frage, warum Doctor Atomic zu seinen wichtigsten Erfolgen zählt. Was reizt dich an dem Stoff und an John Adams‘ Umgang damit?
Frank Hilbrich: Mich reizt vor allem, dass John Adams hier in sensationeller Weise einen Stoff ins Musiktheater holt, der für einen bis heute nicht verarbeiteten Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte steht. Die Erfindung der Atombombe markiert eine Grenzüberschreitung. Dass der Mensch sich selbst und alles Leben mit Abwurf einer einzigen Bombe komplett auslöschen kann, ist eine entsetzliche Dimension, die alles übersteigt, was es vorher gab. Viele bis heute unbeantwortete Fragen schließen daran an: Warum arbeiten Menschen an einem Mordinstrument, das die Menschheit auslöschen könnte? Muss alles, was wissenschaftlich erforscht und hergestellt werden kann, auch umgesetzt werden?
Auf den ersten Blick mag es naheliegen, die Geschichte um die Erfindung der Atombombe und ihres „Vaters“ Robert Oppenheimer linear anhand der historischen Ereignissen zu erzählen. John Adams verschiebt den Fokus jedoch auf die Innenansichten der beteiligten Personen, auf ihr Hadern, ihre menschlichen wie moralischen Bedenken. Woraus ergibt sich der dramatische Gestus für dich?
Auf den ersten Blick ist diese Oper gar nicht dramatisch. Es gibt nur wenige Konflikte zwischen den Figuren, stattdessen nehmen die Innenansichten sehr viel Raum ein. Das Drama findet also weniger zwischen den Figuren als in ihnen selbst statt. Sie kämpfen mit der Materie, mit ihrer moralischen Verantwortung, mit ihrer Verantwortung vor der Geschichte. Zeitweise fühlen sie sich hilflos einem Projekt ausgesetzt, dessen Ausmaß sie überfordert, dann wiederum berauschen sie sich an ihrem Erfolg und fühlen sich allmächtig wie Götter. Ich empfinde das Ganze mehr als eine musiktheatrale Installation denn als Oper und in dieser Form extrem überzeugend.
Robert Oppenheimer gab an, mit der Erfindung der Atombombe würden alle Kriege beendet werden. Der Blick auf Vergangenheit und Gegenwart zeigt, dass er mit seiner Einschätzung falsch lag. In welchem Spannungsfeld von Politik und Privatem, Moral und Unmoral bewegen sich die Figuren?
Die Figuren befinden sich in einem völlig absurden Ausnahmezustand der Überforderung, der wie eine Zerreißprobe auf sie wirkt. Ihre Kompetenz und ihr wissenschaftlicher Forschungsdrang, aber auch das persönliche Erleben des Faschismus in Europa, hatten Physiker wie Oppenheimer und Teller in das Manhattan-Projekt gebracht. Im Juli 1945 waren sie bereits über zwei Jahre in Los Alamos, abgeschieden vom Rest der Welt, Tag und Nacht mit der Entwicklung der Bombe beschäftigt, umgeben von Militärs und einem Leben in größtem Gehorsam und Disziplin. Der Brief Leo Szilards und die Petition, die einige beteiligte Wissenschaftler an den Präsidenten der USA senden wollten, sind zwei in der Oper vorkommende Beispiele dafür, wie Oppenheimer und Teller konkret mit den moralischen Fragen konfrontiert werden. Oppenheimer versucht, diese technokratisch abzuwehren, indem er sich schlicht auf seinen Forschungs-Befehl zurückzieht und jegliche Verantwortung für den Einsatz der Waffe ablehnt. Aber wir wissen, dass es wahrscheinlich komplizierter war. Er bezeichnete sich selbst später als „Dr. Tod“ und empfand sich angeblich in dem Moment, in dem er die Bombe explodieren sah, selbst als den Zerstörer aller Welten. Das Spannungsfeld, in dem er und seine Kollegen sich bewegten, war ein kaum zu ermessendes. Hier setzt die Musik der Oper ein. Sie macht die Dimensionen des Innenlebens der Figuren erahnbar. Und sie fragt danach, was Menschen antreibt, die Vernichtung der Menschheit möglich zu machen.
„Los Alamos“ wurde zu einem Mythos für den schillernden „Fortschritt“ auch des Kampfes gegen „Schurken“, die in der Weltgeschichte bekanntlich stets neu ermittelt und ins Visier genommen werden. 1945 und in den darauffolgenden Jahren oder Jahrzehnten schien die Angst vor den fatalen Folgen der Atombombe omnipräsent. Ein Zustand, der sich immer weiter aus dem kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft verzog. Spätestens seit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine hat sich das schlagartig geändert. Wie schaust du auf diesen historischen Stoff mit der Gegenwart vor Augen?
Zutiefst beunruhigt. Was mir durch die Beschäftigung mit Doctor Atomic nochmals klar wurde, ist, wie stark die Entwicklung der Atombombe nicht einfach ein wissenschaftlicher Vorgang war, sondern aufgrund einer aufgeheizten politischen, militärischen und gesellschaftlichen Situation losgetreten wurde. Selbst persönliche Erlebnisse und Befindlichkeiten spielten eine wesentliche Rolle und führten in den fast hysterisch zu nennenden Wettlauf um die Entwicklung und den Einsatz der „Superwaffe“. Solche Gemengelagen aus politischen, militärischen und persönlichen Situationen machen mir Angst. In den letzten Jahren beobachten wir immer mehr solche gefährlichen Vermischungen aus Macht, persönlichen Befindlichkeiten und technischen Möglichkeiten. Die Angst davor wächst weltweit. Die Hilflosigkeit dem zu begegnen leider auch. Ich fürchte, dass es heute, mit neun Nationen, die über Atomwaffen verfügen, in einer mit Aggression aufgeheizten Weltlage, zu einer Kurzschluss-Reaktion kommen könnte. Nicht wenige Experten halten die Gefahr eines Atomkriegs aktuell für höher als während der Zeit des sogenannten Kalten Kriegs.
Fotografien zeigen Oppenheimer als schlanken Mann mit einem zielstrebigen Blick – nicht selten mit einem Schlapphut auf dem Kopf und einer Pfeife im Mund. Auch durch den 2023 erschienenen Film von Christopher Nolan schien sich dieses konkrete Bild des Wissenschaftlers (erneut) zu manifestieren. Wie ist der ästhetische Zugriff und Umgang damit in der Inszenierung?
Uns interessierte es nicht, die historischen Ereignisse und Figuren exakt nachzubilden, die historischen Figuren werden hier zu Prototypen. Als solche versuchen wir sie, gewissermaßen archetypisch, auf die Bühne zu bringen. Sie stehen für den forschenden Menschen, für Wissenschaftler. Genauso wie die Beteiligten des Manhattan-Projekts, könnten sie auch die Entwickler der Künstlichen Intelligenz sein. Der Überforderungs-Akt, der Labor-Charakter, in dem auch die Wissenschaftler und ihre Seelen Teil des Experiments werden, an dem sie forschen, ist das Entscheidende.
Stichwort Künstliche Intelligenz: Sowohl inhaltlich als auch ästhetisch setzt ihr euch in der Inszenierung mit KI auseinander. Der Physiker Stephen Hawking sagte kurz vor seinem Tod, die Künstliche Intelligenz könnte das Schlimmste oder auch das Beste sein, was den Menschen passiert. Er warnte eindringlich vor den Gefahren, die mit der möglichen Verselbstständigung der KI einhergehen und setzte diese Gefahren sogar mit denen der Atombombe gleich.
Ja, wir scheinen auch in Bezug auf KI eine Grenze zu überschreiten, die alle bisherigen Dimensionen unseres Denkens und wissenschaftlicher Forschung sprengt. Was das bedeutet, kann zurzeit niemand absehen. In der Atomic-Produktion können wir durch von KI bearbeitete Bilder und Videos darauf hinweisen, dass die Entwicklung der Atombombe nicht der letzte Akt einer Selbstüberforderung des Menschen durch seine eigene Intelligenzgewesen sein wird.
Das „Manhattan-Projekt“ war ein großes Geheimnis, abgelegen in der Wüste von Los Alamos wurde über Jahre geforscht. Welche Geheimisse und Orte und geheimnisvollen Orte offenbaren sich in Doctor Atomic am Theater Bremen?
Vielleicht keine Geheimnisse, aber doch der hoffentlich facettenreiche Blick auf die psychologisch äußerst angespannte Situation der Wissenschaftler. Einerseits waren sie isoliert, andererseits wussten sie, dass die Welt voll Hoffnung und Angst auf das schaute, was sie dort forschten. Volker Thiele, unser Bühnenbildner, schlug darum ein gläsernes Labor als zentralen Schauplatz vor. Da Adams für die Sänger:innen in dieser Oper Mikrofone vorschreibt, können wir sie so gewissermaßen vollständig isolieren. Aber das Publikum kann, wie durch ein Brennglas, jedes Detail ihrer Regungen genauestens verfolgen. Dies verstärken wir noch dadurch, dass wir einen Großteil der Oper in Zeitlupe spielen lassen, einer Spielform, bei der jede Bewegung genauestens ausgeführt, aber auch vom Zuschauer hinterfragt werden kann.
John Adams ist ein Komponist, der gemeinhin der Minimal Music zugeordnet wird. Welche Bedeutungsebene kommt der Musik zu?
„Minimal“ würde ich Doctor Atomic mit seinen Anforderungen an ein riesiges Orchester, die Solo-Partien, den großen Chor und den Sounddesigner nicht gerade nennen. Aber im Ernst: Adams hat seine Anfänge in der Minimal Music nie verleugnet, sich aber enorm weiterentwickelt, bedient sich in Atomic spätromantisch anmutender Gesangslinien, an Filmmusik erinnernde Effekte, großer symphonischer Klangflächen und umfassender Geräuschkulissen in den sogenannten Sound Scapes. Grundlage und treibende Kraft bleiben aber die sich wiederholenden sogenannten Pattern (Muster) der Minimal Music. Durch sie entsteht ein permanenter, unruhiger Vorwärtsdrang. Das ist großartig musikdramaturgisch eingesetzt, sowohl für die Besessenheit der Forscher als auch für den unerbittlichen Countdown am Ende des Stücks, wo alle spüren, dass sie mit dem Abschuss der Bombe eine Grenze des Menschseins überschreiten, die vielleicht niemals hätte überschritten werden dürfen. Gute Opern setzen da ein, wo Unsagbares geschieht und uns Sprachlosigkeit überfällt. Die Selbst-Überforderung des Menschen durch die Erfindung der Atombombe ist etwas mit Worten nicht zu Beschreibendes. Darum finde ich Doctor Atomic gerade als Musiktheater so überzeugend.
Veröffentlicht am 15. Januar 2026.