Ein Mensch darf den andern nicht töten!
Auszüge aus Lew N. Tolstois Rede gegen den Krieg aus dem Jahr 1909, die er kurz vor seinem Tod anlässlich einer Einladung zum Friedenskongress in Stockholm schrieb. Dramaturgin Franziska Benack hat sie gekürzt und mit einer Einleitung versehen.
Lew N. Tolstoi wird 1828 in Jasnaja Poljana geboren. Mit Anfang zwanzig sammelt er im Krimkrieg in Sewastopol sowie im Kaukasuskrieg prägende Erfahrungen im Militärdienst. Als er vierzig ist, hat er sich – unterstützt durch seine Frau Sofia – als Schriftsteller in ganz Europa einen Namen gemacht. Tolstoi bildet sich intensiv in politischen, pädagogischen und religiösen Fragen weiter und verfasst neben seinen großen Romanen auch zahlreiche gesellschafts- und religionskritische Schriften. 1868 erscheint Krieg und Frieden. Gegen Ende seines Lebens strebt er an, auf Besitz zu verzichten, gerät in offenen Konflikt mit der Kirche und bezeichnet sich als Pazifist. Kurz vor seinem Tod wird er gebeten, eine Rede auf dem Friedenkongress in Stockholm zu halten. Auch wenn diese Rede inzwischen über hundert Jahre alt ist, wohnt ihr, wie auch seinen Romanen, eine zeitlose Wahrheit inne. Anlässlich der Premiere von Krieg und Frieden in Fassung und Regie von Armin Petras, hier die gekürzte Rede.
Rede gegen den Krieg
Wir haben uns hier versammelt, um gegen den Krieg zu kämpfen. Gegen den Krieg, das will heißen, gegen das, wofür sämtliche Völker der Erde, Millionen und Millionen von Menschen, einigen Dutzenden, manchmal bloß einem einzigen Menschen, nicht nur Milliarden von Rubeln, Talern, Franken, Jens, die einen großen Teil ihrer Arbeit repräsentieren, sondern auch sich selbst, ihr Leben uneingeschränkt zur Verfügung stellen.
Und nun wollen wir, ein Dutzend Privatmenschen, die aus verschiedenen Enden der Erde zusammengekommen sind, ohne alle besonderen Privilegien, vor allem ohne jede Macht über jemanden, kämpfen; und wenn wir kämpfen wollen, so hoffen wir auch zu siegen über diese ungeheure Macht nicht etwa nur einer, sondern aller Regierungen, die über Milliarden Geldes und über Armeen von Millionen Menschen verfügen (…).
Bei solchen ungleichen Kräften muß ein Kampf als Wahnsinn erscheinen. Macht man sich aber die Bedeutung der Kampfmittel, (…) klar, so werden wir nicht darüber staunen, daß wir uns zum Kampf entschließen, sondern darüber, daß das, was wir bekämpfen wollen, überhaupt noch besteht. In ihren Händen befinden sich Milliarden von Geld, Millionen williger Soldaten, in unsern Händen befindet sich nur ein Mittel, aber das allermächtigste Mittel der Welt – die Wahrheit.
(…)
Unser Sieg ist gewiß, aber nur unter einer Bedingung – unter der Bedingung, daß wir die Wahrheit verkündigen und sie rückhaltlos, ohne alle Umschweife, ohne jede Konzession, ohne jede Milderung heraussagen. Diese Wahrheit aber ist so einfach, so klar, so einleuchtend, so verbindlich nicht bloß für den Christen, sondern für jeden vernünftigen Menschen, daß man sie nur in ihrer ganzen Bedeutung auszusprechen braucht, auf daß die Menschen ihr nicht mehr zuwider handeln können.
Diese Wahrheit ist in ihrer vollen Bedeutung in dem enthalten, was Jahrtausende vor uns in dem Gesetz, das wir das Gesetz Gottes nennen, in zwei Worten gesagt ist: Tötet nicht! Diese Wahrheit besagt, daß der Mensch unter keinen Umständen und unter keinerlei Vorwand einen andern töten kann oder darf.
Diese Wahrheit ist so klar, so allgemein anerkannt, so verpflichtend, daß sie nur klar und bestimmt vor den Menschen aufgestellt zu werden braucht, damit das Übel, das Krieg heißt, vollkommen unmöglich werde.
(…)
Und dies müssen wir in der Art tun, daß wir (…) klar und offen die allen Menschen bekannte Wahrheit wiederholen: Ein Mensch darf den andern nicht töten!
(…)
Deshalb möchte ich unserer Versammlung den Vorschlag machen, einen Aufruf an die Menschen sämtlicher (…) Völker zu verfassen und zu veröffentlichen, worin wir klar und gerade heraus sagen, (…) daß der Krieg nicht, wie das jetzt die Menschen vorgeben, irgendeine besondere wackere und lobenswerte Sache sei, sondern daß er, wie jeder Mord, eine abscheuliche und frevelhafte Handlung ist, (…).
(…)
So, wie im Märchen Andersens, als beim feierlichen Umzug der König durch die Straßen der Stadt ging, und das ganze Volk entzückt war ob der wunderbaren neuen Kleidung, ein Wort eines Kindes, das aussprach, was alle wußten, aber niemand sagte, alles geändert hat. Es sagte: „Er hat ja gar nichts an“, und die Suggestion hörte auf, und der König schämte sich, und alle Menschen, die sich eingeredet hatten, ein wunderschönes neues Kleid am König zu sehen, wurden nun gewahr, daß er nackt sei. Auch wir müssen dasselbe sagen, wir müssen sagen, was alle wissen und nur nicht zu sagen wagen, wir müssen sagen, daß, wenn die Menschen dem Mord einen noch so veränderten Namen geben, der Mord immer nur Mord bleibt – eine frevelhafte, schmachvolle Tat. Und man braucht nur klar, bestimmt und laut, wie wir das hier zu tun vermögen, dies zu sagen, und die Menschen werden aufhören zu sehen, was sie zu sehen vermeinten und werden erblicken, was sie in Wirklichkeit sehen. Sie werden aufhören, im Krieg den Vaterlandsdienst, den Heldenmut, den Kriegsruhm, den Patriotismus zu sehen, und werden sehen, was da ist: die nackte frevelhafte Mordtat. (…)
Das ist alles, was ich sagen wollte. Es wäre mir sehr leid, wenn ich jemanden beleidigt, gekränkt oder böse Gefühle in ihm erweckt hätte. Doch wäre es für mich, einen 80jährigen Greis, der jeden Augenblick des Todes gewärtig ist, eine Schande, nicht ganz offen die Wahrheit zu sagen, wie ich sie verstehe, die Wahrheit, die nach meiner festen Überzeugung allein die Menschheit von den unseligen Drangsalen zu erretten vermag, die der Krieg hervorbringt und unter denen sie leidet.
Die hier verwendete Übersetzung der Rede stammt aus der Zeitschrift „Der Sozialist – Organ des sozialistischen Bundes“, Ausgabe vom 1. Dezember 1909.
Veröffentlicht am 5. März 2026.