Frau, Mutter, Partnerin, Künstlerin
Bremens Landesfrauenbeauftragte Bettina Wilhelm im Gespräch mit der Dramaturgin Regula Schröter über Erwartungen, nötige Veränderungen und Vorreiterinnen: Warum die Produktion Die Kopenhagen-Trilogie nach den Romanen von Tove Ditlevsen auch heute noch viel über Frau-Sein erzählt.
Liebe Frau Wilhelm, wir als künstlerisches Team freuen uns sehr, dass Sie unsere Bühnenadaption von Tove Ditlevsens Kopenhagen-Trilogie gesehen haben. Was hat Sie persönlich an der Theaterfassung am stärksten berührt oder vielleicht auch überrascht?
Bettina Wilhelm: Die Inszenierung der Kopenhagen-Trilogie in Bremen hat mich mit Tove Ditlevsens Werk erst bekannt gemacht und meine Neugierde geweckt, was dazu geführt hat, dass ich mich mit ihrer Biografie näher auseinandergesetzt habe. Eine Auseinandersetzung, die sich sehr gelohnt hat. Bei der Inszenierung gefällt mir, wie diese Tove Ditlevsens Schreiben, ihr obsessives Arbeiten als Schriftstellerin und als Poetin auf die Bühne bringt. Am meisten berührte mich die Szene, als die Schriftstellerin mit einem Pinsel in großen Buchstaben auf den Boden schreibt, dass sie kein Kind möchte. Wie sich die drei Schauspielerinnen gegenseitig die Hände führen und den Pinsel fest aufdrücken, hat in meiner Wahrnehmung etwas Zwanghaftes. Für mich ist das eine sehr starke Szene, die verdeutlicht: Tove Ditlevsen musste schreiben, um zu überleben.
Tove Ditlevsen rang mit gesellschaftlichen Erwartungen – als Frau, Mutter, Partnerin und Künstlerin. Wo begegnen Ihnen solche Rollenkonflikte heute in Ihrer Arbeit als Landesfrauenbeauftragte?
Da muss ich nicht weit ausholen, welche Mutter kennt nicht den Spagat zwischen Muttersein und Berufstätigkeit. Die zutiefst verinnerlichten und zugleich unlösbaren, weil völlig überhöhten gesellschaftlichen Ansprüche, mit denen wir immer wieder konfrontiert sind. Wenn ich als Landesfrauenbeauftragte die Ausweitung der Kinderbetreuungszeiten in den Kitas fordere, höre ich immer noch Argumente, die die Gefahr der Kindeswohlgefährdung anführen. Das macht mich gerade als Pädagogin fassungslos.
Betrifft das aus Ihrer Sicht nur Mütter?
Die gesellschaftlichen Erwartungen begleiten nicht nur Mütter, sondern alle Frauen. Ob in der Schule, in Ratgeberliteratur, Magazinen, Filmen, Musik, Werbung und vor allem in den Sozialen Medien finden wir unendlich viele idealisierte Zuschreibungen an Frauen. Zu jedem Thema, ob Gesundheit, Schönheit, Sexualität, Partnerschaft, Berufstätigkeit oder Kindererziehung gibt es Prominente und Influencerinnen, die uns zeigen, was vermeintlich gut und richtig ist.
Mutterschaft erscheint in der Trilogie nicht nur als Glück, sondern auch als Überforderung, Erwartungsdruck und Verschweigen. Wie bewerten Sie diese Ambivalenzen aus gleichstellungspolitischer Perspektive? Und was müsste sich gesellschaftlich verändern, damit Mutterschaft nicht zu struktureller Benachteiligung führt?
Gesellschaftlich muss sich noch viel ändern. Beginnend bei den Vorstellungen, wie „gute Mütter“ oder „verantwortungsvolle Väter“ zu sein haben, was eine „richtige Familie“ ist und was nicht. Auch in den Unternehmen brauchen wir einen Kulturwandel. Wir benötigen dort eine breite Akzeptanz, wenn Männer längere Elternzeiten nehmen oder die Arbeitszeit wegen der Verantwortung für die Familie reduzieren. Leider sind heute Teilzeit, Elternzeit oder Homeoffice immer noch Karriereblocker.
Welche Verantwortung hat der Gesetzgeber?
Auch der Gesetzgeber kann wichtige Weichen stellen: so muss unbezahlte Sorgearbeit, also Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen, gesellschaftlich stärker anerkannt werden – auch finanziell. Zum Beispiel durch eine Berücksichtigung im Rentensystem. Das Ehegattensplitting und Minijobs müssen abgeschafft werden, da sie das Alleinverdiener-Modell fördern. Frauen begeben sich damit zu häufig in eine wirtschaftliche Abhängigkeit. Altersarmut ist die Folge. Zudem darf Kinderbetreuung nicht als Organisationsproblem der Eltern verstanden werden, sondern als gesellschaftliche Aufgabe. Dabei geht es nicht nur um ausreichend Plätze für alle Kinder, sondern auch um verlässliche und flexible Betreuung, dem Bedarf der Familie angemessen.
Die Trilogie spricht Themen wie Schwangerschaft, Verlust und Schwangerschaftsabbruch offen an. Sie selbst engagieren sich seit vielen Jahren für körperliche Selbstbestimmung und eine sichere Versorgung. Wie stellt sich die Situation aktuell in Bremen dar?
Der Jahresbericht zur Versorgung bei Schwangerschaftsabbrüchen im Land Bremen zeigt, das Bremen im Bundesvergleich ein sehr gutes Angebot hat. Allerdings sind die uns vorliegenden Daten nur bedingt aussagekräftig, da sie für das gesamte Bundesland gelten und nicht zwischen den Städten Bremen und Bremerhaven unterscheiden. So sind operative Schwangerschaftsabbrüche in unserem Bundesland nur in der Stadt Bremen möglich. Bremerhavenerinnen stellt das vor Hürden, da sie lange Anfahrtswege und daher einen deutlich höheren Zeitaufwand einplanen müssen. Das erschwert für sie beispielsweise die Vereinbarkeit mit der Sorgearbeit und stellt sie vor Herausforderungen, wenn der Eingriff nicht bekannt werden soll.
Was wünschen Sie sich in gleichstellungspolitischer Hinsicht für das Jahr 2026? Welchen Themen werden Sie und Ihr Team in Ihrer Arbeit besondere Aufmerksamkeit schenken?
Erschreckend ist, dass auf der rechtlichen Seite viel passiert ist, dass aber nicht automatisch zur Gleichstellung der Geschlechter geführt hat. So haben wir beispielsweise enorm hohe Zahlen bei geschlechtsspezifischer Gewalt. Das eigene zu Hause ist für Frauen der gefährlichste Ort überhaupt. Wir arbeiten daran, dass der Bremer Aktionsplan gegen Gewalt an Frauen und Mädchen für die kommenden Jahre fortgeschrieben wird, um ausreichend Präventions- und Hilfsangebote für Betroffene in unserem Bundesland zu schaffen. Wie bereits erwähnt, ist Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein wichtiges Arbeitsfeld für uns und damit eine existenzsichernde und ihren Qualifikationen angemessene Beschäftigung von Frauen. Seit vergangenem Jahr wurden bei der Arbeitsmarktförderung jedoch immer mehr finanzielle Mittel von Bund und Ländern gekürzt.
Wir setzen uns dafür ein, dass Frauen, insbesondere Alleinerziehende und Frauen mit Migrationshintergrund, hier nicht auf der Strecke bleiben. Wir arbeiten auch auf unterschiedlichen Ebenen daran, dass gesellschaftliche Rollenklischees aufgebrochen werden, sie betreffen nach wie vor alle Bereiche des Lebens und sind die größten Bremsklötze der Gleichstellung. Dazu braucht es Vorbilder und Vorreiterinnen. Tove Ditlevsen war nicht nur als Literatin, sondern auch dadurch, dass sie ihr Leben, ihre Beziehungen, ihre Sexualität, ihre Abtreibungen, ihre Sucht öffentlich gemacht hat eine Vorreiterin. Der Grundsatz: „Das Private ist politisch“ war eine Forderung der zweiten Frauenbewegung und erreichte, dass in den 70er Jahren Themen wie Kindererziehung, Sexualität, Schwangerschaft und Gewalt politisiert wurden. Daran arbeiten wir uns bis heute ab, auch 2026.
Veröffentlicht am 2. Februar 2026.