WIE JOSEPHINE BAKER AUS DER REIHE TANZTE …
… und das Private politisch ist. Zur Outdoor Tanz- und Theaterperformance über Josephine Baker schreibt Dramaturgin Elif Zengin eine Legende über die Widerstandskämpferin, Tänzerin und Aktivistin.
Freda Josephine McDonald
Freda Josephine McDonald kommt 1906 als uneheliche Tochter einer Waschfrau und eines jüdischen Schlagzeugers in einem Schwarzen Vorort in St. Louis, Missouri auf die Welt. In prekäre Verhältnisse hineingeboren, wird sie von ihrer Großmutter in Obhut genommen. Mit acht Jahren arbeitet sie als Dienstmädchen, wenige Jahre später macht sie kleine, unterhaltsame Tanzshows in einem Jazzclub, wo sie als Kellnerin arbeitet. Darauf folgen erste Auftritte in einem Vaudeville-Theater. Ihre erste Ehe – sie war 13 Jahre alt – dauert nur wenige Monate. Mit 15 Jahren heiratet sie William Baker und nimmt seinen Nachnamen an. Die Ehe endet nach vier Jahren, sie behält aber den Namen: Josephine Baker.
Rassentrennung
In den USA wird die Sklaverei 1865 offiziell abgeschafft, worauf aber mit den Jim-Crow-Gesetzen die Segregation eingeführt wird. Die systematische Diskriminierung der Schwarzen wird allgegenwärtig: Die Klassenzimmer, die Busse sowie die öffentlichen Toiletten werden nach Hautfarbe getrennt. Die Race Riots in Josephines Heimatstadt sind die gewaltvollsten in der amerikanischen Geschichte. Das East St. Louis Massaker von 1917, das zum Tod und zur Vertreibung von zahlreichen Afroamerikaner*innen führt, wird zu einem einprägsamen Ereignis in ihrem Leben. Josephine Baker wird zur Kämpferin für die Rechte der Schwarzen.
Harlem Renaissance
1921 wird das erste All-Black-Musical Shuffle Along am Broadway aufgeführt, das zu der Anfangsbewegung der Harlem Renaissance gehört – eine der einflussreichsten Epochen der afroamerikanischen Kunst. Die Harlem Renaissance bestärkte Schwarze darin, sich nicht mehr den Fremdzuschreibungen und Stereotypen auszusetzen. Shuffle Along wird eine Sensation – genauso wie Josephine Baker. Als sie kurz vorm Applaus eine clowneske Tanznummer improvisiert, in der sie schielt und ihre Beine überkreuzt, wird sie vom Publikum und von den Kritiker*innen gefeiert. In ihrer darauffolgenden Broadway-Produktion Chocolate Dandies (1924) führt sie die Liste der weltweit bestbezahlten Revuegirls an.
La Revue Négre *
1925: In Paris ist „das Afrikanische“ en vogue, am Théâtre-des-Champs-Elysée soll eine Revue nur mit Schwarzen Darsteller* innen aufgeführt werden. Josephine zieht dafür nach Paris – die französische Hauptstadt wird später ihr geliebtes Zuhause. Ihr nackter Tanz wird als „exotisch“ sowie „animalisch“ aufgefasst und als La danse sauvage betitelt (der wilde Tanz). Ihre akrobatischen, clownesken Bewegungen gepaart mit Charleston und dem Augentanz sorgen für Jubel und für Furore. 1926 folgt ihr nächster Hit in Paris: „Der Bananentanz“ im Bananenröckchen in der Revue La Folie du Jour.
* historischer Titel, heute als rassistisch geltend
Ballett
Josephine Baker kommt zur Jahreswende 1925/26 für die Deutschland-Premiere von Revue N. ins Nelson Theater am Kurfürstendamm. Das Berliner Publikum feiert sie als „Schwarze Venus“, der Regisseur Max Reinhardt will sie an sein Deutsches Theater holen. Er führt sie in die Berliner Bohème ein: Josephine tanzt, tobt und blüht auf. Kontakte werden auf Partys von Karl Gustav Vollmoeller oder Harry Graf Kessler geknüpft. Alle drei Männer sind umgetrieben von der Idee eines Balletts mit Josephine Baker als „dunkle Tänzerin“: Kessler skizziert ein erotisch-exotisches Scherzo, das aber nie realisiert wurde.
Widerstandskämpferin
1937 nimmt Josephine Baker die französische Staatsbürgerschaft an. Während des Zweiten Weltkrieges, als die Nationalsozialisten Frankreich besetzen, engagiert sie sich als Widerstandskämpferin in der Résistance sowie als Lieutenant und Krankenschwester. Sie nutzt ihren Ruhm als Deckmantel für ihre Arbeit für den Geheimdienst. Ihr Schloss wird zum Treffpunkt und Versteck für Widerstandskämpfer:innen. In Nordafrika gibt sie Konzerte für alliierte Truppen: Vor den US-Streitkräften will sie nur auftreten, wenn sie nicht in Schwarzes und weißes Publikum getrennt sind.
Regenbogenfamilie
Josephine Baker gründet von 1954 bis 1961 den sogenannten Rainbow Tribe nach ihrer idealen Weltvorstellung: Liebe, Akzeptanz, Universalität. Sie adoptiert weltweit zwölf Kinder unterschiedlicher Herkunft, Hautfarbe und Religion. Ihr Lebensmittelpunkt wird das Schloss Les Milandes in der Dordogne.
Civil Rights Movement
1963 hält Josephine Baker auf Einladung Martin Luther Kings eine Rede bei der Kundgebung der Bürgerrechtsbewegung March on Washington. Trotzdem erfährt sie heftige Kritik von der Schwarzen Community. Durch ihr Vermögen, ihren Ruhm und ihre französische Staatsbürgerschaft hat sie Privilegien, die ihre Glaubwürdigkeit im Schwarzen Freiheitskampf infrage stellen.
Josephine Baker
La Fleurs Tänzer*innen und Performer*innen aus der Elfenbeinküste treffen auf das Freiburger Ensemble: sie tanzen, singen und reflektieren die Lebensphasen von Josephine Baker und setzen sich ins Verhältnis zu ihren Erfahrungen. In ihren eigenen Songtexten und Choreografien verbinden sie Charleston mit dem ivorischen Urbandance Biama, das französische Chanson mit Rap und Josephine Bakers Erfahrungen als Schwarze Künstlerin mit ihren eigenen Erlebnissen. La Fleur setzt mit ihrer Bühnenshow ein Zeichen für Freiheit und Gleichheit à la Josephine Baker.
Veröffentlicht am 27. Mai 2026.