Wie das Umzugsgut von fast 1.000 jüdischen Familien in Bremer Haushalten landete
Jüdisches Eigentum in Europas Häfen heißt das Buch, das Susanne Kiel mit herausgegeben hat. Sie forscht am Deutschen Schifffahrtsmuseum und Leibniz-Institut für Maritime Geschichte in Bremerhaven: ein Gespräch mit dem leitenden Schauspieldramaturgen Stefan Bläske.
Stefan Bläske: Sie arbeiten am Deutschen Schifffahrtsmuseum, aber erforschen keine Aufbrüche oder Reisen, sondern ausgerechnet Dinge, die dann doch nicht verschifft wurden? Worum geht es?
Susanne Kiel: Zum Themenkomplex Schifffahrt gehört natürlich auch der Betrieb im Hafen. Und dazu gehören neben vielen anderen auch die Anlieferer von Frachten, also Speditionen, Unternehmen, Privatpersonen etc., oder die Lagergesellschaften. In Bremen ist die größte die BLG, die ihre Lagerplätze damals direkt am Europa- und am Überseehafen hatte. Diese ganze Zuarbeit, und im Zielhafen auch die Zwischenlagerung und der Weitertransport, ist für die Schifffahrt elementar. Im Nationalsozialismus flohen verfolgte Menschen über die Häfen Europas ins sichere Ausland nach Übersee. Leider haben sich viele sehr spät dafür entschieden, das Land zu verlassen. Die meisten Menschen, deren Schicksal wir erforschen, haben diesen Entschluss erst nach den Überfällen und Verhaftungen während der Reichspogromnacht im November 1938 getroffen. Eine Auswanderung musste beantragt werden und war langwierig und teuer. Die deutschen Städte wollten erklärtermaßen „judenfrei“ sein, doch die Behörden legten den Auswanderungswilligen Steine in den Weg. Der Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 löste den 2. Weltkrieg aus und brachte damit die zivile Schifffahrt zum Erliegen. Die bereits verpackten und zum Versand gebrachten Umzugsgüter lagen in den Hafenstädten für die Verschiffung bereit, blieben dann aber liegen. Ab 1940 wurden sie sukzessive beschlagnahmt und öffentlich versteigert. Viele der Objekte befinden sich auch heute noch in deutschen Institutionen oder Privathäusern.
Ein von Ihnen co-herausgegebener Sammelband widmet sich diesem „Jüdischem Eigentum in Europas Häfen“, aktuell forschen Sie an einem Fall zwischen Rotterdam und Lübeck. Welche Rolle spielte Bremen?
In Bremen strandeten ca. 900 bis 1.000 Sendungen von Umzugsgut. Die Sendungen variierten in Gewicht und Umfang: von einem Überseekoffer bis zu mehreren Liftvans, die damals üblichen hölzernen Übersee-Transportkisten, von mehreren tausend Kilos. Bremen war nach Hamburg der zweitgrößte deutsche Hafen und spielte somit eine wichtige Rolle für die Auswanderung, auch im Nationalsozialismus. Letztendlich kann man sagen, dass das sorgsam ausgewählte und verpackte Hab und Gut von knapp 1.000 jüdischen Familien in Bremer Häuser – ob privat, Unternehmen oder Institutionen – eingezogen ist. Das beinhaltet ganz alltägliche Gegenstände wie Töpfe, Geschirr, Gardinen, Bücher etc., sehr persönliche Sachen, wie Fotoalben, Briefe oder begonnene Handarbeiten, Berufsausstattungen, um im Ausland arbeiten zu können, oder auch sehr wertvolle Objekte, wie einen Bechstein-Flügel, Manuskripte oder Kunstwerke. Diese Dinge sind es, die auch heute erhalten geblieben sein können und eine Chance auf Wiederauffindbarkeit haben.
Sie haben eine ganze Datenbank erstellt und online verfügbar gemacht, was genau bietet die LostLift-Datenbank?
In der LostLift-Datenbank stellen wir unsere Forschungsergebnisse tagesaktuell online zur Verfügung. Mit diesen Forschungsdaten zum Umzugsgut, den Beteiligten, den „Verwertungsprozessen“, den Käufer:innen und vor allem den ehemaligen Eigentümer:innen können Museumsmitarbeitende, Provenienzforschende, Historiker:innen oder andere wissenschaftlich Forschende arbeiten, um entweder bei Ihnen aufbewahrtes Kulturgut auf ihre Provenienz hin zu untersuchen (Provenienzforschung ist die Forschung nach der Herkunft von Objekten) und möglicherweise Hinweise auf ehemalige Eigentümer:innen zu bekommen, oder eben auch nach Objekten einer ausgewanderten Familie zu suchen. Ganz besonders wenden wir uns aber auch mit unserer Datenbank an die Familien. Ihre Geschichten und ihr Fluchtschicksal zu erforschen und zu erzählen ist wichtig – es darf ja nie vergessen werden, dass sie ohne ihre Sachen und ohne Geld in ein unfreiwilliges Exil gezwungen waren, in dem sie zum Teil nicht mal die Sprache sprechen konnten oder eine Chance auf eine gute Arbeit hatten. Viele Nachfahren schreiben uns an, wenn Sie von ihren Vorfahren in der LostLift-Datenbank lesen und freuen sich, wenn wir ihnen helfen können, die weißen Flecken ihrer Familiengeschichte füllen zu können. Auch wenn diese Flecken eher düster sind.
Wie sind Sie zu Ihrem Forschungsschwerpunkt gekommen?
Die Forschungen zum Umzugsgut in Bremen haben sich aus der damaligen Provenienzforschung am Deutschen Schifffahrtsmuseum ergeben. Wir begannen mit der genaueren Sichtung der erhaltenen Versteigerungsprotokolle von zwei Bremer Gerichtsvollziehern, den Lagerlisten des Umzugsgutes der BLG und anderen Archivalien, die im Staatsarchiv Bremen aufbewahrt werden. Dann haben wir ein Forschungsprojekt beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste gestellt. So ist unsere Forschung 2018 entstanden.
Lassen sich aus diesem historischen Material auch Lehren für unsere Zeit ziehen?
Auf jeden Fall ist das auch für heute von großer Relevanz. Die Ausgrenzung von Menschen anderer Nationalität ist ja leider auch in Deutschland wieder sehr aktuell – damals war es die Ausgrenzung von Menschen anderen Glaubens, irritierenderweise damals als andere „Rasse“ bezeichnet – ein hoch aktuelles Thema. In den Rückerstattungsakten aus der Zeit nach 1945 liest sich die abwertende Behandlung der jüdischen Anspruchsteller:innen sehr deutlich. Die Einstellung vieler Menschen hat sich nicht mit dem 8. Mail 1945 schlagartig geändert. Für die meisten war der Krieg „verloren“ – und keine Befreiung vom NS-Terror – und die Besatzungsmächte und deren demokratische Umgestaltung Deutschlands keine Chance auf ein freieres und gleichberechtigtes Leben. Heute gilt es, diese Freiheiten und unsere Demokratie zu erhalten. Unsere Forschung zeigt, was passieren kann, wenn uns das nicht gelingen sollte.
Am 9. April ist Susanne Kiel zu Gast in der Reihe Braunes Erbe #6: Jüdisches Eigentum in Europas Häfen. Eine Veranstaltungsreihe begleitend zur Inszenierung Raub. Verladene Erinnerungen.
Veröffentlicht am 1. April 2026.