Ein Lynch-Blau, ein Kubrick-Korridor, ein Hitchcock-Blick
Wo lassen sich Oper und Film verbinden? Was kann Oper, was der Film nicht kann? Das fragt sich die Dramaturgin Pia Syrbe kurz vor der Premiere von Der feurige Engel.
Es gibt kaum einen Ort, an dem Filme nicht mitspielen. Selbst wenn der Vorhang im Opernhaus aufgeht, flimmern irgendwo in unseren Köpfen Bilder mit: ein Lynch-Blau, ein Kubrick-Korridor, ein Hitchcock-Blick. Filme sind fester Teil der Popkultur und bieten viel Inspiration, beeinflussen Geschmack und Sehgewohnheiten. Für viele sind sie so stark in das Bewusstsein eingedrungen, dass wir ihre Ästhetik schnell wiedererkennen und damit eine ganz eigene Sprache assoziieren. Auch Sergej Prokofjews Der feurige Engel spricht in dieser Sprache.
Die Oper, ein wahnwitziger Ritt durch Visionen, Obsessionen und Engelssichtungen, ist in ihrer Struktur und Thematik wie gemacht für die filmische Linse.
Regisseurin Barbora Horáková hat sich für ihre Inszenierung so auch von David Lynch inspirieren lassen – jenem Meister des albtraumhaften Surrealismus, der die amerikanische Vorstadt mit einem einzigen Schwenk in die Hölle verwandelt. Die Themenfelder des Feurigen Engels haben viel mit Lynchs Filmen gemeinsam: Psychologie, Surrealismus, Mystik und Groteske finden wir in beiden Welten. Lynch baut seine Szenen oft nach einer traumhaften Logik auf. Die Ästhetik, aber auch seine Dramaturgie kontrastiert eine scheinbar perfekte Normalität mit dunklen oder grotesken Geheimnissen, die sich erst nach und nach erschließen. Er setzt also verschiedene Zeichen ein, die er etabliert, die aber dann fallengelassen oder pervertiert werden. Die Narration verläuft selten linear, sondern fragmentiert und bewusst rätselhaft.
Auch Filme sind Zeichensysteme – und damit dem Theater näher, als sie manchmal zugeben wollen.
Die Überhöhung und Künstlichkeit der Dinge bei Lynch kommt uns bekannt vor – das sind Elemente, die wir möglicherweise auch von der Opernbühne kennen und die diese Kunstform ausmachen. Es gibt hier keinen Anspruch auf Naturalismus, sondern große menschliche Konflikte werden in einem stilisierten Rahmen und in einer starken Form dargestellt.
Menschen singen, wo sie sprechen könnten; Gefühle werden ausgestellt, nicht versteckt.
In Prokofjews Der feurige Engel ist die filmische Struktur des Werks unübersehbar, sowohl im dramaturgischen als auch im musikalischen Aufbau. Wie bei einem Filmschnitt springt der Komponist zwischen Situationen und Orten. Die Opernhandlung kippt ständig zwischen Realität, Traum und Vision. Die Szenen folgen einer albtraumhaften Logik und stellen eher emotionale Zustände als logische Handlung dar. Mystische Ereignisse werden beschrieben, die sich am Ende auflösen, ohne erklärt zu werden. Prokofjews Musik greift in ihrer Expressivität extrem die emotionalen Sprünge seiner Figuren auf und nimmt verschiedene Perspektiven ein. Die musikalische Struktur einer Oper führt maßgeblich nicht nur durch die Handlung, sondern durch die Emotionen und Perspektiven der Figuren, rafft und dehnt die Zeit und drückt das aus, was die Figuren mit Sprache nicht erfassen können.
Die Musik weiß oft mehr als ihre Figuren – sie kommentiert, widerspricht, verrät.
Durch ihre artifizielle Beschaffenheit lässt die Oper uns als Publikum mit einem anderen Blick auf unsere Realität und ihre Probleme blicken – und ist oft dann am stärksten, wenn ihre Künstlichkeit zur Tugend gemacht wird, statt sie zu verschleiern. Dadurch bietet sich uns auch die Möglichkeit, gesellschaftliche Probleme aufzuzeigen, einen Diskurs anzuregen und relevante Themen sichtbar zu machen. Das Theater ist ein System von Zeichen, die durch ihre Aufführungssituation Bedeutung erzeugen – also durch das Zusammenspiel von Körpern, Räumen, Stimmen, Licht, Blicken und Publikum. Ein einmaliges Ereignis, das im Rahmen der Aufführung entsteht. Darum lässt sich Oper auch so schlecht streamen.
Ein Film bleibt, was er ist – eingefroren im Moment seiner Fertigstellung und dadurch reproduzierbar.
Die Opernaufführung dagegen entsteht erst im Augenblick ihres Erklingens. Kein Abend gleicht dem anderen. Und doch, glücklicherweise, können sich beide Kunstformen – Theater und Film – gegenseitig befruchten und voneinander profitieren – die Art, wie Filme unsere Sehgewohnheiten geprägt haben, beeinflussen, wie wir Theater gucken.
Veröffentlicht am 21. Oktober 2025.