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#warrequiem #KriegUndFrieden

Von der Schwere vom Krieg zu erzählen

Mit Lew Tolstois Krieg und Frieden und Benjamin Brittens War Requiem stehen im März gleich zwei große Stoffe auf dem Spielplan, die sich mit dem Thema Krieg auseinandersetzen. Die Dramaturginnen Brigitte Heusinger und Franziska Benack haben mit den Regisseuren Frank Hilbrich und Armin Petras über ihre Inszenierungen gesprochen.

Franziska Benack: War Requiem und Krieg und Frieden sind große, bekannte Stoffe. Tolstoi schrieb seinen Roman unter dem Eindruck der napoleonischen Kriege Mitte des 19. Jahrhunderts, Benjamin Brittens Werk ist nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Was hat euch jetzt gerade an diesen Stoffen interessiert?

Frank Hilbrich: Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine ist uns der Krieg näher gerückt und hat unsere Welt- und Nachrichtenwahrnehmung stark verändert. Die aktuellen Kriege sind mitten in unserem Bewusstsein angekommen. Und sie verändern uns. Das verlangt danach, gemeinsam Position zu beziehen. Mit dem War Requiem möchten wir im Theater einen Ort schaffen, an dem dieser Teil unseres Lebens und unserer Weltwahrnehmung verarbeitet und geteilt werden kann und so dem Publikum zumindest zeitweise ein wenig Druck von den Schultern genommen wird. Das War Requiem ist ein gigantisches, geniales Werk eines großen Pazifisten. Britten untersucht darin nicht den Krieg als Ereignis, vielmehr macht er die Verwundungen der Seelen zum Zentrum seiner Kunst. Es ist Ausdruck der Sorge um das zivile Leben und eine Verurteilung des Kriegs schlechthin. Ich denke, es drückt das aus, was gerade viele bedrückt.

Armin Petras: Für mich ist die Situation eine andere. Ich arbeite bereits seit fünf Jahren an Krieg und Frieden. Die Entscheidung dafür und die Verabredung mit dem Theater Bremen habe ich also nicht unter dem Eindruck aktueller Kriege getroffen. Ich habe mich intensiv mit Tolstois Gesamtwerk beschäftigt, Anna Karenina und Auferstehungdramatisiert und letzteres auch inszeniert. Krieg und Frieden ist für mich auch eine Fortführung meiner Inszenierungen von Jonathan Littells Die Wohlgesinnten und Wassili Grossmans Leben und Schicksal. Und dass das Thema Krieg jetzt nochmal aktueller wird, hätte ich mir nicht gewünscht.

Brigitte Heusinger: Armin, deine Premiere war am 7. März, Frank, deine Premiere wird am 29. März stattfinden. Wie geht oder ging es euch in der Arbeit? Ist es schwerer vom Krieg zu erzählen als von den „klassischen“ Themen? Geht ihr das anders an?

Frank Hilbrich: In der Arbeitsweise selber unterscheidet es sich nicht grundsätzlich. Einen Unterschied bemerke ich eher im gemeinsamen Verantworten und Sprechen, wie und was wir verhandeln. In einer der letzten Proben ist ein Kollege aus dem Chor auf mich zu gekommen und hat mich gebeten, die Anlage einer bestimmten Szene nicht noch nachdrücklicher zu beschreiben. Damit verbunden war die Bitte, mich technischer auszudrücken. Ich merke also schon, dass die emotionale Last, die auf den Schultern der Beteiligten lastet, schwerer als sonst ist.

Franziska Benack: Ihr beide habt ja selbst nie einen Krieg erfahren müssen, habt ihr mit euren jeweiligen Besetzungen darüber gesprochen? Frank, bei dir stehen mehr als fünfzig Erwachsene und dreißig Kinder auf der Bühne. 

Frank Hilbrich: Im gesamten Cast ist tatsächlich niemand dabei, der direkt Krieg erlebt hat. Aber ich merke, dass viele der Beteiligten die aktuelle Nachrichtenlage belastet. Es ist verstörend zu wissen, dass wir uns getäuscht haben. Wir dachten, dass der Krieg überwunden werden könne. Doch wir erleben eine Art Rückfall in eine Barbarei. Da fällt mir Andreas Gryphius ein, dieser fantastische deutsche Barockdichter, der am Ende des Dreißigjährigen Kriegs ganz großartige Texte geschrieben hat. Im Gedicht Tränen des Vaterlands heißt es: „Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod, / Was grimmer denn die Pest, und Glut und Hungersnot, / Dass auch der Seelen Schatz so vielen abgezwungen.“ Das ist für mich ein Anlass davon zu erzählen, wie die Verrohung durch Kriege nicht nur im Außen stattfindet, sondern auch im Innen, in der Abstumpfung.

Armin Petras: Ich bin da anderer Meinung. Für mich gehört der Krieg zur conditio humana und ich sehe in ihm keinen Rückschritt. Ich denke, dass der Krieg und die kriegerische Auseinandersetzung in die Struktur des Menschen eingeschrieben sind. Große Fragen begegnen mir eher bei der ästhetischen Darstellbarkeit. Sie ist bei Kriegsthemen komplex, aber nicht nur da, gleiches gilt auch für die Darstellung von Sexualität oder allen Formen von Gewalt auf der Bühne. Für mich ist und bleibt der szenische Umgang mit diesen Themen eine unlösbare Frage, die wir auf den Proben immer wieder neu verhandeln und beantworten müssen. Da spielen auch psychosoziale Entwicklungen von Menschen, von Schauspielerinnen und Schauspielern, Generationenfragen etc. eine Rolle. Vor zwanzig, dreißig Jahren haben wir ganz andere Antworten gefunden als heute.

Brigitte Heusinger: Es mag daran liegen, dass wir es ja mit zwei verschiedenen Genres zu tun haben und der Grad des Realismus von Natur aus unterschiedlich ist. Während Frank beim War Requiem eher über Metaphern arbeitet, empfinde ich deinen ästhetischen Zugang bei Krieg und Frieden als recht realistisch. Armin, würdest du dich wehren, wenn ich für deine Inszenierung das Wort Realismus anwende?

Armin Petras: Überhaupt nicht. Die Frage ist, was man unter Realismus versteht. Ich würde da mit Brecht gehen, der sagte: „Naturalismus zeigt, wie die Welt ist, Realismus zeigt, wie sie wirklich ist“. Jede Form von Realismus ist also schon eine Verfremdung des Naturalistischen oder des Realen. Auch in Krieg und Frieden gibt es immer wieder Verfremdungen, und diese Verfremdungen sind für die Zuschauenden mal mehr, mal weniger deutlich. Das ist bei eurer Arbeit wahrscheinlich anders.

Frank Hilbrich: Ja, wir haben in der Vorbereitung mit sehr realistischen Bildern angefangen und wurden dann abstrakter und sind immer mehr im metaphorischen Raum gelandet. Im Zusammenhang mit der Musik und den Texten wirken realistische Handlungen schnell klein und das ist im Zusammenhang mit den großen Themen der Komposition wie Tod, Trauer, Wut, Raserei gefährlich. Brittens Komposition hat zwei Textarten: den liturgischen Text der Totenmesse in lateinischer Sprache und Antikriegsgedichte des im Ersten Weltkrieg gefallenen Dichters Wilfred Owen. Diese Gedichte sind ein Versuch, grauenhafte Kriegserlebnisse in kunstvolle Sprache zu bringen und begreifbar zu machen. Auch hier können wir nur Hinweise geben, Interpretationsmöglichkeiten vorschlagen und vor allem Fragen stellen: Wie konnte es so weit kommen und wie finden wir gemeinsam einen Weg aus der zunehmenden Verrohung heraus?

Brigitte Heusinger: Anschließend an die Idee des Fragenstellens: Was glaubt ihr kann Kunst, oder Theater grundsätzlich, leisten? Geht es um Trost, Hoffnung, Verstehen? Was wünscht ihr euch, dass eure Arbeiten im Publikum auslösen? 

Frank Hilbrich: Wir wollen dem Publikum die Möglichkeit geben, für sich selbst und über sich selbst etwas zu erkennen. Das ist eine der Hauptfunktionen der Kunst: dass wir selber unsere Gefühle und Wahrnehmungen zurückgespiegelt bekommen und wir uns dadurch gegenseitig vergewissern, dass das okay ist, was jede:r einzelne von uns empfindet. Das War Requiem endet mit einem Hoffnungsschimmer. Das finde ich wichtig.

Armin Petras: Ich möchte mich Frank da anschließen. Aristoteles sprach von Reinigung durch Teilnahme, also von Katharsis. Das Durcharbeiten der eigenen Wahrnehmungen und Empfindungen über das Mittel der Kunst finden wir ja auch bis Sigmund Freud. Ich glaube, das ist eine Funktion der Kunst. Nur Hoffnung wird es bei mir nicht geben. Ich sehe die Hoffnung nicht in den Enden oder Höhepunkten des Theaterabends, sondern finde Hoffnung eher im Theater selbst, also im Akt der Teilhabe, im Akt des Beieinander- und Miteinanderseins im Theater, indem wir gemeinsam einen Abend erleben und vielleicht auch aushalten. 

Franziska Benack: Das ist vielleicht meine subjektive Sicht, aber ich sehe in deiner Inszenierung von Krieg und Frieden schon Momente der Hoffnung. Es findet eben auch in Zeiten des Krieges Liebe statt, es werden Kinder geboren und Träume geträumt.

Armin Petras: Ja, wie Heiner Müller sagt: Ohne Hoffnung, ohne Verzweiflung. Das ist eher meine grundsätzliche Haltung, auch zum Leben: Hoffe nicht zu viel, verzweifle nicht zu viel, die Dinge werden sowieso kommen, wie sie eben kommen. Lermontow sagt über Krieg und Frieden, dass kein Millimeter Freiheit darin sei. Das sehe ich anders. Eben genau so viel Freiheit, wie das Leben einem lässt. Da wird zum Beispiel ein Kind geboren, die Mutter stirbt, und trotzdem gibt es einen Moment der Freiheit. Genau in diesem Augenblick hat der Rabenvater plötzlich die Chance, sein rabenvaterartiges Dasein zu ändern und zum Vater zu werden. Das sind natürlich Momente der Hoffnung, die liegen nicht outside the box oder in der Weltflucht, sondern innerhalb der Umstände. 

Brigitte Heusinger: Letzte Frage: Benjamin Britten hat sich sehr früh, Tolstoi erst spät im Leben zum Pazifismus bekannt. Habt ihr eine Haltung dazu?

Frank Hilbrich: Ich teile sie. Da ist Britten ein Vorbild.

Armin Petras: Ich bin kein Pazifist, aber ich missbillige es, dass die Position des Pazifismus heute wieder – genauso wie in meiner Jugend – als etwas Despektierliches und nicht Gesellschaftsfähiges gilt und würde alles tun, mich dagegen zu wehren. Ich würde zum Abschluss gern noch erwähnen, dass ich beide, Britten wie Tolstoi, für großartige Künstler halte und mich sehr freue, dass ich an einem Teil dieser semiotischen Systeme beteiligt bin und die beiden Stoffe im Theater Bremen koexistieren.

Frank Hilbrich: Dem schließe ich mich an. Beide Künstler haben gewaltige Werke geschaffen und schauen tief in die Seelen. Sensibel und gleichzeitig imposant, da treffen sich beide Stoffe.

 

Veröffentlicht am 24. März 2026.

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