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#raub Schauspiel

Wegschauen. Mitlaufen. Profitieren.

Gedanken des Leitenden Schauspieldramaturgen Stefan Bläske über die „Mitmachgesellschaft“ und „menschliches Versagen“ nicht nur anlässlich der Produktion Raub. Verladene Erinnerungen und der Begleitreihe Braunes Erbe.

Historien- und sogar Science-Fiction-Filme tun ja gerne so, als hätte Hitlerdeutschland vorwiegend aus strammen SS-Schergen und Bösewichten in schwarzen Uniformen bestanden, im moralisch einfachen Schwarz-Weiß. Aber natürlich wissen wir auch um die von Hannah Arendt beschriebene „Banalität des Bösen“ oder um die Skrupellosigkeit des Nutznießertums. Irmgard Keun etwa beschreibt in Nach Mitternacht eindrücklich, wie Menschen andere denunzieren aus einfachem Eigennutz, etwa, um die Konkurrenz des benachbarten Ladens loszuwerden oder den unliebsamen Mieter …

Eine günstige Geige, eine sichere Stelle

Wenn Jüdinnen:Juden aus dem Staatsdienst entlassen werden, nicht mehr als Lehrer:innen, Ärzt:innen, nicht mehr in Anwaltskanzleien, im Orchester oder Theater arbeiten können, allgemein Berufsverbot bekommen, dann werden Stellen frei. Dann kommen nach der Wirtschaftskrise, in einer Zeit mit hoher Arbeitslosigkeit, plötzlich alle Lehramts-Absolvent:innen unter. Dann bekommt man vielleicht als Sängerin eine Partie, die vorher von einer jüdischen Sängerin gesungen worden wäre. Und nein, dann will man natürlich nicht, dass die Entlassenen oder Vertriebenen irgendwann wieder zurückkehren … Man will das auch nicht, wenn man bei sogenannten „Juden-Auktionen“ Möbel oder Geschirr, deren Geige oder Kopfkissen ersteigert hat – oder gar deren Wohnung bezogen. Wenn man von den sogenannten „Arisierungen“ profitiert hat. Und das haben sehr viele. Die Aufstiegsfreudigen, die Emporstrebenden, die plötzlich ihre Chancen bekamen, sie wurden zu Mitwissenden, Mittäter:innen, zum Teil einer Verbrechensgemeinschaft. Das wird in zahlreichen Büchern und Projekten erforscht und eindrucksvoll nachgezeichnet, zum Beispiel in Michael Verhoevens Film Menschliches Versagen.

Gefälligkeitsdiktatur und Opportunismus

Das jüngste Buch des renommierten Historikers Götz Aly Wie konnte das geschehen? beschreibt diese nochmal umfassend und systematisch: die vielen „aktiven, gefügigen oder stillen Mitmacher, die Ideengeber, Organisatoren, Helfershelfer und Vollstrecker des nationalsozialistischen Massenmordens“. Nazideutschland funktionierte zunehmend mit „Kraft durch Furcht“ und „Kraft durch Todesangst“. Es war aber auch eine „Gefälligkeitsdiktatur“. Hitler war zunächst durchaus beliebt, weil er geschickte Sozialpolitik machte, Geschenke verteilte, Aufstieg versprach. Die sozialen Aufstiegswünsche und -versprechen spielten eine zentrale Rolle für die Schaffung und Konsolidierung der Massenbasis des Nationalsozialismus.  Zu dieser Basis, so fasst Till Schmidt Alys Analysen in der Jüdischen Allgemeinen zusammen, „gehörten eben nicht nur desorientierte Kleinbürger oder tumber Pöbel, sondern gerade auch sogenannte Kulturschaffende. Als sendungsbewusste, opportunistische und vom Konkurrenzkampf getriebene Regisseure, Schauspielerinnen, Komponisten und Sängerinnen schätzten sie es oft einfach auch sehr, gut bezahlt zu werden und im Rampenlicht zu stehen.“

Menschliches Versagen

Höchste Zeit also auch als Theaterschaffende, sich an die eigene Nase zu fassen. Anlässlich unserer Produktion Raub. Verladene Erinnerungen hat Peter Christoffersen vom Initiativkreis Bremer Stolpersteine dankenswerterweise recherchiert, welche jüdischen Künstler:innen in den 1930er Jahren ihre Anstellungen und Engagements an den Bremer Theatern (Schauspielhaus und Staatstheater) verloren haben. Die Personalakten sind verloren, die Recherchen komplex, Hinweise nehmen wir gerne entgegen. Die aktuellen Recherchen, die wir in einer kleinen Begleitausstellung zur Premiere präsentieren werden, sind nur ein Schritt in der Aufarbeitung der NS-Geschichte der Bremer Theater.

Das Kalb essen, ohne das Blut zu sehen

Natürlich stellt sich bei der Beschäftigung mit der Vergangenheit immer auch die Frage, was wir für heute daraus lernen können? „Wissen, Verstehen, Verhindern“ müsste der Dreischritt lauten, sagte unter anderem Barbara Maass bei ihrer Rede zur Eröffnung des Bremer „Arisierungs“-Mahnmals. Und sollten wir uns nicht auch heute fragen, wovon wir profitieren? Im Kleinen oder dem globalen Kapitalismus? Ob wir für einen billigeren Preis vielleicht auch moralisch Fragwürdiges billigend in Kauf nehmen? „Sie wollen das Kalb essen, aber das Blut nicht sehen. Sie sind zufriedenzustellen, wenn der Metzger die Hände wäscht, bevor er das Fleisch aufträgt“, schreibt Brecht. Interessieren wir uns für die „Kollateralschäden“ unserer Handlungen und Lebensentscheidungen? Wie viel Opportunismus und Mitläufertum steckt in uns, als „sendungsbewusste, vom Konkurrenzkampf getriebene Künstler:innen“ – und Menschen allgemein?

Winter der Entscheidungen

Es ist so einfach, von heute aus über die Menschen zur Zeit des Nationalsozialismus zu urteilen, über ihre Mitschuld. „Das System ist zum allgemeinen deutschen Vorteil ausgelegt. Am Ende haben 95 Prozent der Deutschen Anteile von dem Geraubten“, schätzt Götz Aly (in Hitlers Volksstaat). Und Asal Dardan führt (in Traumaland. Eine Spurensuche in deutscher Vergangenheit und Gegenwart) aus: „Sie profitieren vom Besitz und Vermögen jener, die vertrieben und getötet werden. Diese Schuld überträgt sich auch auf die direkten Nachgeborenen“. Wir Erben Nazideutschlands sitzen nun, im (Noch)-Sozialstaat des Jahres 2026, im gasgeheizten Zimmer und lesen Uwe Wittstocks Buch Februar 33. Der Winter der Literatur über den Februar 1933, als sich Thomas Mann, Bertolt Brecht, Else Lasker-Schüler und viele andere gezwungen sahen, harte Entscheidungen zu treffen. Wie hätten wir selbst entschieden und wie entscheiden wir – an der Wahlurne, im Job, beim Einkauf – hier und heute?

 

Premiere Raub. Verladene Erinnerungen ist am 6. März 2026. Götz Aly kommt im Herbst ins Theater Bremen. Zur Veranstaltungsreihe Braunes Erbe mit Terminen von März bis Mai geht es hier.

Veröffentlicht am 25. Februar 2026.

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