Schauspiel
Kleines Haus
Europa
Frei nach Motiven des gleichnamigen Films von Lars von Trier und Niels Vørsel
Regie: Mirko Borscht
„Weil du aber lau bist und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde" (Offenbarung 3) –– Blicken wir in die Zukunft. Eine Zukunft, in der Europa, wie wir es heute kennen, nicht mehr existiert. Es ist zum Lager geworden, dessen Insassen in einem endlosen Wartezustand gefangen sind. Warten darauf, dass endlich etwas passiert. Dass jemand kommt, sie auserwählt und ihnen zeigt, wofür es sich zu leben, vielmehr: zu sterben lohnt. Und so trifft die Idealistin Alina Kessler, als sie das Lager betritt, auf ein Europa, dessen humanistische Werte bloße Hülsen geworden sind. Voller Glaube an das Gute wird sie tiefer und tiefer verstrickt in diese Vorhölle, zwischen Unternehmerfamilie Hartmann, dem chinesischen Machthaber Gang Men Mao und dem einfach nicht totzukriegenden Leichnam des Propheten. „Du hörst jetzt auf meine Stimme. Meine Stimme wird dir helfen, dich noch tiefer nach Europa zu führen. Wenn du innerlich bis zehn gezählt hast, wirst du in Europa sein.“
Dauer: ca. 2 Stunden 30 Minuten, keine Pause
- Eine Russin am Ende des Sieges / Alina Kessler Gabriele Möller-Lukasz
Die alles richtig macht / Claudia Kessler Karin Enzler
Die depressive Patriarchin/ Heike Hartmann Irene Kleinschmidt
Der harte Sohn / Wolfgang Hartmann, Lagerinspektor Alexander Swoboda
Der weiche Sohn/ Nikolas Hartmann Matthieu Svetchine
Der Leichnam des Propheten Siegfried W. Maschek
Gang Men Mao Paul Matzke
Regie Mirko Borscht
Bühne Christian Beck
Kostüme Elke von Sivers
Video Hannes Hesse
Licht Joachim Grindel
Dramaturgie Tarun Kade
Regieassistenz Anne Sophie Domenz
Inspizienz Margaret Huggenberger
Soufflage Annette Amelung
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- Beklemmendes „Europa“ am Bremer Theater
Wuchtig! Verstörend! Intensiv!
„Im Halbdunkel streifen maskierte Menschen umher. Ab und an gellende Schreie. Lichtkegel blitzen. Dazwischen die Familie Hartmann, die mit Eisenfaust in Zentropa regiert. Eine tragische Familiengeschichte, dämonische Züge aller Charaktere und der Größenwahn, ein neues Europa aufbauen zu wollen, bestimmen dieses Stück. Verstörend, beklemmend, intensiv.“
Corinna Laubach, BILD, 1. Februar 2013
„Es ist eine düstere, eine depressive Endzeitvision von „Europa“, die Regisseur Mirko Borscht da im Kleinen Haus entwirft. Eine radikale, infernalische Apokalypse aus der nahen Zukunft, ein politisches Szenario, das verstört, verstören will, das einzig die Starre kennt – und keinen Ausweg, nirgendwo. […] Inszeniert ist das Ganze als Prozessionstheater, das auch Johann Kresnik würdig gewesen wäre. Alles beginnt im Keller des Hauses mit einer willkürlichen Selektion der Menschen durch stumme chinesische Lakaien. Die Zuschauer, die anschließend in Käfige verfrachtet werden, ertragen es mit willfähriger Gleichmut und werden so ein Teil des Systems. Sie sitzen, wartend auf irgendwas, in einem Lager ein. Vielleicht ist es ein Ferien-, vielleicht ein Arbeits-, vielleicht aber auch ein Konzentrationslager. Irgendwann wird es aufgelöst in einem bizarren Spektakel mit Nicoles „ Ein bisschen frieden“, doch de facto ändert sich nichts.“
Jan Zier, taz – nord, 21. Januar 2013
„Wenn wir an diesem Abend etwas kennenlernen sollten, so sind das keine bestimmten Darsteller in bestimmten Rollen; womit uns der Regisseur vielmehr konfrontieren will, das sind ganz offensichtlich: wir selbst. Wie reagieren wir auf eine zweistündige Verbannung in einen düsteren, von beunruhigenden Klängen und Gestalten durchgeisterten Raum?“
Rainer Mammen, Weser Kurier, 21. Januar 2013