Kleines Haus

Nana kriegt keine Pocken

von LA FLEUR
nach Virginie Despentes
Regie: Monika Gintersdorfer
Choreografie: Franck Edmond Yao

„Nichts gibt den jungen Leuten mehr Mut als die Liebe.“ (Émile Zola) — Junge Frauen wie Zolas Nana aber gehen unter. Virginie Despentes gesteht ihrer Protagonistin aus dem Roman „Pauline und Claudine“ hingegen ein vorläufiges Happy End mit geliebtem Partner und finanziellem Erfolg zu. Sie hat guten und unguten Sex, bekommt Plattenverträge und hohe Vorschüsse. Sex unterliegt bei Des­pentes wie bei Zola allerdings ökonomischen Kategorien. Doch Despentes besteht in ihrer „King Kong Theorie“ auf einen sexpositiven Feminismus, der Frauen nicht zu Vorsicht und Verzicht rät, sondern ihnen die Fähigkeiten gibt, eingefahrene Machtstrukturen zu erkennen und ihnen zu entkommen. Despentes’ Sprachgewalt spiegelt LA FLEUR in Choreografien wider: Ihre Thesen zu Feminismus und sexueller Gewalt werden mit den biografischen Erfahrungen der Gruppenmitglieder auf ihr Potential abgeklopft und zur Disposition gestellt. Absolut körperpolitisch - Paul B. Preciado geht noch weiter und dringt ins Herz der Dunkelheit; die globalen, politischen, religiösen, puritanischen und patriarchalischen Verbrechen gegen Frauen - und, als logische Konsequenz, aller Minderheiten außerhalb des heteronormativen weißen Mannes - erfassend, ist seine Antwort: globale Transition! Macht-, Sprach- und Körpergewalten spiegelt LA FLEUR in ihren over the Top Choreografien wider - wider der Heterodoxy!! Voll Inspiration für eine planetarische Revolution gegen die Norm!!!

Eine Koproduktion von LA FLEUR, Theater Bremen, MC93 – Maison de la Culture de Seine-Saint-Denis und La Commune, centre dramatique national, Aubervilliers. Die Kooperation mit LA FLEUR wird gefördert im Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes im Rahmen von "Nana und der Pro Sex Feminismus"

  • Besetzung

  • Pressestimmen

    „Émile Zola und Virginie Despentes auf einer Bühne – das klingt nach einer Mischung aus ‚schwer‘ und ‚kontrovers‘. Könnte man vermuten. War aber nicht so. Es war eher bunt und leicht. Kontrovers sind die Texte von Despentes vermutlich nur für extrem konservative Menschen – und das, was La Fleur daraus gemacht hat, ist vor allem vielseitig und verrückt, im besten Sinne! […] Mein Tipp: Lesen, anschauen, dann darüber diskutieren – oder auch in anderer Reihenfolge.“ (Marcus Behrens, Bremen Zwei, 21. Februar 2020)

    „La Fleur arbeitet umfassend mit den Mitteln der Collage, sowohl, was den hohen narrativen Anteil angeht als auch, was dessen theatrale Umsetzung betrifft. Die Erzählung rund um die Sexarbeiterin Nana und ihre modernen Schwestern mischt sich dabei immer wieder mit analytischen Einwürfen, die manchmal irritierend hart am Pamphlet gebaut sind, manchmal zu schlauen Überleitungen führen. […] Mit viel Energie, hohem Tempo und Humor setzt das Ensemble diesen Mix aus fiktiven Teilen, eigenen Beobachtungen und Thesen in Aktion um. Mal wird (in vier Sprachen) deklamiert, dann gibt es pantomimische Einschübe, es wird getanzt, manchmal auch gesungen – Timor Litzenberger und SKelly sorgen für fette Beats hier oder Grunge dort.“ (Iris Hetscher, Weser-Kurier, 22. Februar 2020)

    „Zünden tut sie trotzdem, diese Melange aus Tanz, Theorie, Aktivismus und Textarbeit. Und Spaß macht es noch dazu, diese handgreifliche Aneignung von Rollenbildern und kulturellen Praxen: von Twerking bis Vogueing, bis zu den weißen Tennissocken in Matthieu Svetchines Stöckelschuhen. ‚Homo‘ steht da drauf, in Fraktur. Was bleibt, ist die – im besten Sinne des Wortes – Basisbanalität, dass man Menschen einfach mal machen lassen soll. Ästhetisch gilt das für dieses beachtliche Körperwissen in La Fleurs Bewegungsarsenal und gesellschaftlich für das schwungvolle Zerhacken dieser grässlichen Kategorien aus Gender, Geschlecht und sexuellen Vorlieben. Und wenn auch nur ein bisschen davon hängen bleibt, dann ist schon viel erreicht.“ (Jan-Paul Koopmann, taz, 22. Februar 2020)

    „Despentes Roman ‚Pauline und Claudine‘ als vehementes Plädoyer für einen ‚sexpositiven Feminismus‘, dient La Fleur in bewährter Manier als Material, auf das beherzt zugegriffen wird, um es mit den eigenen Biografien abzugleichen, es sich anzueignen oder zu verwerfen. Und diese Biografien sind so vielfältig, wie sie, das zumindest scheint als Utopie auf, eines gemeinsam haben: dass sie in der einen (zum Beispiel sexuelle Orientierung) oder anderen Weise (Migrationsgeschichte) Störungen im Betriebsablauf darstellen, wie es bei der Deutschen Bahn heißen würde. Woraus Franck Edmond Yao, Tänzer und auch Choreograf dieser wundersam kurzweiligen eineinhalb Stunden, einen Aufruf zur Solidarität ableitet.“ (Rolf Stein, Kreiszeitung, 21. Februar 2020)

    „Alles auf Anfang: Wie schon bei ‚Nana ou est-ce que tu connais le bara?‘ vor einem Jahr tänzeln auch für die Fortsetzung der Doppelpass-geförderten Kooperation die typisierten Verkörperungen des Personals von Émile Zolas ‚Nana‘-Roman auf die Bühne des Theaters Bremen, angepriesen erneut von Matthieu Svetchine, dem Conférencier und Live-Übersetzer der französischen, englischen und spanischen Äußerungen des Abends. Im Work-in-progress-Design verknüpft Regisseurin Monika Gintersdorfer gedankliche und körperliche Fundstücke aus den Probenarbeiten. Mit diesem lässigen Charme des Improvisierten muss erst noch einmal kurz erklärt werden, dass die Zola-Protagonistin einem Alkoholikerhaushalt des Armeviertels Chateau Rouge entstiegen ist, um ins Kronleuchterstrahlen der Reichenviertel der Belle Epoche zu gelangen.“ (Jens Fischer, nachtkritik, 21. Februar 2020)
  • Förderer

    • Gefördert im Fonds Doppelpass der

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